Protest ist mehr als ein Leibchen mit einer politischen Botschaft

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Michael Wyss vs. Melanie Gamma.

Melanie Gamma: Vor Weihnachten 2022 findet der Final der Fussball-WM statt. Seit Beginn der Qualifikation im März denke auch ich ab und zu an das Turnier in Katar. Ich erinnere mich an meine Gedanken, als die Fifa den Anlass im Jahr 2010 in den Wüstenstaat vergab. Ich fand es auch ökologisch unsinnig, an einem Ort zu kicken, an dem man die Stadien herunterkühlen muss, damit die Fussballer nicht verglühen bei über 30 Grad – wohlverstanden im «Winter» in Katar. Später ignorierten die Fifa und grosse Teile der Allgemeinheit, dass die Zustände auf den Stadion-Baustellen miserabel sind. In der Zeitung «The Guardian» stand kürzlich, 6500 Arbeitsmigranten sollen beim Bau der Sportstätten ums Leben gekommen sein. Das ist traurig. Nun fordern plötzlich Fussballer auf dem Spielfeld mit politischen Statements auf T-Shirts und Fangruppen via Social Media, dass ihr Nationalteam die WM boykottieren soll. Eine reichlich späte Reaktion, und wohl kaum der richtige Weg. Wirst du die WM 2022 ignorieren und die Partien nicht schauen?

Michael Wyss: Das weiss ich heute noch nicht. Deutlich sinnvoller und einfacher als ein Boykott wäre es gewesen, eine solche Bewerbung gar nicht erst in die engere Auswahl zu nehmen. Dafür ist der Fifa aber das Geld viel zu wichtig. Der Weltfussballverband geht buchstäblich über Leichen, um die Kassen zu füllen. Zum jetzigen Zeitpunkt bleibt nun nur noch die Androhung eines Boykotts als Druckmittel, allerdings bewirkt er in dieser Form nicht viel. Es ist schön und nett, vor einem Länderspiel ein T-Shirt mit einer vermeintlich politischen Botschaft aufmerksamkeitswirksam in die Kameras zu halten, aber am Ende des Tages weiss doch jede und jeder, dass die Aussicht auf Konsequenzen wohl nur eine leere Drohung ist. Um wirklich ernst zu machen, steht für jeden Einzelnen zu viel auf dem Spiel. Ausserdem kann einer allein normalerweise nicht viel erreichen. Aber wenn sich alle einmal zusammen gegen gewisse unhaltbare Zustände oder Länder, die von Despoten regiert werden, wehren würden, sähe es schon ganz anders aus.

gam: Genau deshalb fände ich es sinnvoller, wenn Spieler, Funktionäre und Zuschauer im Winter 2022 vor Ort versuchen, Zeichen zu setzen. Nicht nur mit Transparenten und Leibchenaufdrucken, sondern beim Zusammentreffen mit der Bevölkerung Katars. Nur wenn man sich begegnet, kann ein Dialog entstehen. Steht Katar während der WM im Rampenlicht, wird die Weltbevölkerung nicht nur auf Fussballspiele, sondern auch auf Eigenheiten und Probleme im Land aufmerksam. Vielleicht kann der Sport der Politik einen Anstoss auf Veränderung geben.

mwy: Ich mag, dass du vorwiegend an das Gute im Menschen glaubst. Leider zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher, dass sich das Schlechte oft durchsetzt. Mittlerweile sind Sportler auch irgendwie systemrelevant, aber sie werden – wahrscheinlich zu Recht – nie die Macht der Politik erlangen. Das wäre auch fatal und darf nicht das Ziel sein, weil der Sport in der Gesellschaft eine andere Rolle einnimmt. Es gibt aber tatsächlich Beispiele, bei denen der Sport etwas erreicht hat und mit einem heftigen Kopfstoss zumindest den einen oder anderen Machthaber zum Nachdenken animieren konnte. Leider war es aber praktisch immer nur kurzfristig wirksam.

gam: Steter Tropfen höhlt aber hoffentlich den Stein. Immerhin wird mit der Boykott-Forderung mancher sensibilisiert, dass es überhaupt Menschenrechte gäbe, und liest diese vielleicht nach. Spielen dann mehr Menschen Fussball, denen Fairness und Respekt auch neben dem Rasen wichtig sind, werden die einst zu Funktionären, die bei der WM-Vergabe mehr nachdenken als die Fifa-Herren 2010.

mwy: Deine Worte in Gottes Ohr. Ich habe eher das Gefühl, dass es in Zukunft noch schlimmer wird mit der Vermischung von Sport und Politik und dass monetäre Gründe vermehrt zu kaum nachvollziehbaren Vergaben von Grossanlässen führen werden. Auch, weil immer alles grösser wird. Erst wenn die Stars, die für den Erfolg eines jeden Events unabdingbar sind, sich wehren, ändert sich vielleicht etwas.

Was denken Sie? Welchen Sinn macht ein Boykott? Werden Sie die WM in Katar ignorieren?

Hier geht es zu Amnesty International, wo es mehr über Menschenrechte zu erfahren gibt.

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