Tiefe Zuverlässigkeit ohne Symptome: Mikrobiologe kritisiert Einsatz von Selbsttests

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Selbsttests sind bestechend schnell gemacht. Aber sie erkennen nur die ansteckendsten Leute. (Bild: Getty Images)

Die Zahl ist so tief, dass man reflexartig ihre Richtigkeit anzweifelt: Nur 33 Prozent all jener Personen, die keine Symptome verspürten, wurden durch die Schnelltests erkannt – obwohl sie gemäss einem PCR-Test mit dem Coronavirus infiziert waren. Dies ergab eine Studie des Mikrobiologen Gilbert Greub und anderen von der Universität Lausanne, die aktuell als Pre-Print vorliegt und bald im Journal «Microorganisms» publiziert wird.

Bis anhin wäre ein solcher Befund nicht dramatisch gewesen, denn testen liess sich die Bevölkerung fast ausschliesslich, wenn jemand Corona-Symptome hatte. Und in solchen Fällen sind die Schnelltests meist genügend zuverlässig. In Greubs Studie mit vier Tests (One Step Exdia, Standard Q, Panbio, BD Veritor) wurden allerdings durchschnittlich nur 70 Prozent erkannt, die sich innerhalb der ersten vier Tage mit Symptomen testen liessen. (Danach kann die Zuverlässigkeit wieder sinken, weil der Körper bereits Antikörper bildet.)

Personen mit einer hohen Anzahl Viren in Nase und Rachen werden zuverlässiger erkannt: zu 97 Prozent und mehr wenn die Last mindestens 106 Viren pro Milli­liter beträgt. Das ist die Grenze der Virenlast, auf die sich die Hersteller meist berufen und welche die Schnelltests sehr zuverlässig erscheinen lässt.

Ob das jedoch auch die Grenze ist, ab der eine Person nicht mehr ansteckend ist, ist zweifelhaft. Mikrobiologe Gilbert Greub gehört zu den Vorsichtigen. Er geht davon aus, dass bei einer Virenlast von 104 und weniger eine Person nicht mehr ansteckend ist. Der internationale Standard ist 105.

Abstriche nur aus der Nase sind unzuverlässiger

Doch wir sind noch nicht beim Problem mit den Selbsttests angelangt. Denn weil bei diesen die Probe nicht aus dem Nasen-Rachen-Raum genommen wird, sondern nur aus der Nase, enthält die Probe weniger Viren und der Test ist weniger sensibel. «Der Prozentsatz, zu dem Virenträger ohne Symptome also noch erkannt werden, ist bei Selbsttest noch tiefer als 33 Prozent», sagt Greub.

Beim nun in der Schweiz zugelassenen Sars-CoV-2 Rapid Antigen-Test Nasal von Roche sieht es so aus: Der Selbsttest erkannte von 40 tatsächlich infizierten Personen 33 Personen korrekt: 82,5 Prozent. Diese hatten jedoch alle Symptome und bei 29 Personen war die Virenlast denn auch höher als 107 Viren/ml. Das ist ein deutlich besseres Resultat als für die Tests in Greubs Studie. Doch: Von den 11 Personen mit einer niedrigeren Virenlast erkannte der Test nur 5.

Auch vier weitere Studien aus Spanienzwei aus den USA und eine aus Deutschland über verschiedene Nasen-Schnelltests zeigen Erkennungswerte von asymptomatischen Infizierten zwischen nur 30 und 41 Prozent.

Greub ist Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Mikrobiologie SGM. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zieht die Experten der SGM jeweils hinzu, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu diskutieren. Das Urteil über die Nasen-Selbsttests fällt in einem Vor-Bericht vom 18. Februar, der dieser Zeitung vorliegt, deutlich aus: «Diese Testart sollte nur für symptomatische Personen innerhalb der ersten vier Tage verwendet werden, da dann eine hohe Virenlast erwartet werden kann.»

Die Selbsttests von Roche, die in den Apotheken erhältlich sind, werden aber nicht nur bei einem ersten Kratzen im Hals hervorgenommen, sondern auch wenn man sich gesund fühlt und sich zum Beispiel vor einer Sitzung oder Jassrunde absichern will. Just dann bieten sie jedoch wenig Sicherheit – ­ausser man ist ein Superspreader.

Trotzdem wichtig: So werden Superspreader erkannt

Die Superspreader sind denn auch der Grund, warum die Einführung der Selbsttests durch den Bund doch nicht nur eine Farce ist. Oder eine Aktion, die auch nach hinten los gehen könnte, weil man sich in der Jassrunde oder an der Sitzung in falscher Sicherheit wiegt und die Maske auszieht, weil ja alle getestet sind.

Den Superspreadern ist man seit Beginn der Pandemie auf den Fersen. Sie sind die Hauptverbreiter eines Virus, das viele gar nicht weitergeben, einige aber heftig. Dies, weil jene eine besonders hohe Virenlast haben, besonders viele Leute treffen und auch die individuelle Tröpfchen-Produktion beim Atmen und Sprechen spielt eine Rolle.

Einen solchen Superspreader ohne Symptome entdeckt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ein Selbsttest. Dass besonders Jüngere auch ohne Symptome eine riesige Virenlast haben können, ist längst erwiesen. Doch dies ist dann nur die Spitze, welche Symptomlose für kurze Zeit erreichen. Durchschnittlich haben Infizierte ohne Symptome hundert mal weniger Viren als solche mit Krankheitsanzeichen.

PCR-Tests sind tausend mal sensibler

Und genau deshalb erkennen Schnelltest sie so viel unzuverlässiger. PCR-Tests hingegen, wo Virusbestandteile repliziert werden, erkennen Infizierte 1000-mal besser. «Zu gut» wurde manchmal bemängelt, weil man bei einer tiefen Virenlast gar nicht an­steckend sei.

Doch wo diese Grenze liegt, darüber ist man sich eben nicht einig. Die Bandbreite ist gross, denn die Ansteckungswahrscheinlichkeit hängt auch von der Situation ab: Bei einem Kuss kann auch eine Person mit tiefer Virenlast noch jemanden infizieren. Auf Abstand und mit Maske müssen sehr viele Viren in der Luft schweben, damit genug eingeatmet werden und jemand erkrankt.

Das BAG ist sich des Pro­blems bewusst und schreibt auf Anfrage, man wisse, dass bei nasaler Probenentnahme bei asymptomatischen Personen eine geringere Sensitivität zu erwarten sei als bei symptomatischen Personen: «Ansteckende Personen können vor allem dann identifiziert werden, wenn die Viruslast – und somit in der Regel die Ansteckungsgefahr – hoch ist da es bei der Teststrategie darum geht, zusätzliche ansteckende Personen zu identifizieren, ist die Anwendung von Selbsttests als ergänzendes Element der Teststrategie zielführend.»

Bei Kindern werden die Tests relevant bleiben

Kurz gesagt: Ein negativer Test sagt nichts. Ein positiver hingegen schon. Und das könnte die ganze Übung wert sein. Auch in den Schulen: Kinder werden noch lange nicht geimpft sein und Tests geben neben Masken und Abstandsregeln zusätzliche Sicherheit – ob nun mit wenig sensiblem Schnelltest oder zuverlässigem PCR-Test.

Gilbert Greub fürchtet aber einen weiteren Nachteil: Dass die Leute nun seltener den Weg ins Testzentrum auf sich nehmen, um den zuverlässigeren PCR-Test zu machen. Er sagt deshalb: «Ich denke nicht, dass Selbsttests sehr nützlich sind.» Dass Superspreader damit erkannt werden, erachtet er nur als sinnvoller Mehrwert, wenn damit Lockerungen ermöglicht werden für Kinos, Theatern, Restaurants. «Vorausgesetzt die Massnahmen wie Abstand halten und Maskentragen werden beibehalten.»

Eine Kommission der SGM hatte dem BAG im Dezember einen anderen Test vorgeschlagen: Den Mundspeichel-Test, der im Labor ausgewertet wird. Diesen hätte man ebenfalls in der Apotheke beziehen und zu Hause machen und dann mit einem voradressierten Couvert und Fr. 2.80 als Porto ins Labor schicken können. Solche PCR-Tests haben eine hohe Zuverlässigkeit. Aber schnell sind sie nicht.

Es geht – wie oft in der Pandemie – um ein Abwägen der Unsicherheiten: Das BAG gewichtet den Vorteil, ein paar asymptomatische Hochinfektiöse zu erwischen, stärker als das Risiko, dass Selbst-Getestete leichtsinnig werden. Diesbezüglich ist sogar Greub optimistisch: «Die Schweizer Bevölkerung ist vorsichtig. Aber man muss die Sachlage richtig kommunizieren.»

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