David Huser: «Der Mensch darf nie vergessen gehen»

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Stellt sich der Herausforderung, den Schweizerischen Turnverband zu reformieren: David Huser. (Bild: Cristian Iglesias)

Turnskandale soll es in der Schweiz nie wieder geben. Einer, der dafür sorgen soll, ist David Huser. Der 34-Jährige ist ab 1. Juli neuer Chef Spitzensport im Schweizerischen Turnverband. Noch pendelt der Aargauer zwischen dem nationalen und dem Aargauer Verband, wo er seit 2012 in der gleichen Funktion tätig ist.

Ihr neuer Job ist mehr als ein Karriereschritt. Alle werden auf Sie schauen. Weil Sie ein Symbol für den Neuanfang, für eine Zeit ohne Skandale im Turnen sind.
David Huser: Dessen bin ich mir bewusst.

Haben Sie Angst, dass Sie sich auf einen Schleudersitz setzen?
Überhaupt nicht. Ich habe Respekt vor dieser Aufgabe. Ich bin mir bewusst, dass alle mit Adleraugen auf mich schauen werden. Das ist auch völlig in Ordnung. Es geht nicht um meine Person. Es geht darum, den Schweizerischen Turnverband voranzubringen und die angestossenen Veränderungen erfolgreich zu meistern – und für diese Herausforderung bin ich bereit. Gelingt es uns oder mir nicht, etwas zu verändern, ist es eine logische Konsequenz, dass ich früher oder später auf dem Schleudersitz sitze, wie Sie es nennen. Aber Angst habe ich nicht davor.

Trotz riesiger Erwartungen?
Die Erwartungen sind gross, das stimmt. Alle wollen sofort Lösungen sehen. Das Konzept lieber heute als morgen auf dem Tisch haben – auch wenn ich offiziell erst am 1. Juli anfange. Diese Ausgangslage motiviert und treibt mich aber auch an.

Was spricht dagegen, das Konzept sofort auf den Tisch zu bringen?
Natürlich habe ich Ideen. Aber in der ersten Phase ist es vor allem wichtig, zu verstehen, was geschehen ist. Es ist notwendig, alles aufzuarbeiten und gründlich zu analysieren. Ich möchte diesen Prozess gemeinsam mit meinem Team ruhig und seriös angehen. Einen Schnellschuss will niemand. Wenn man Veränderungen anstösst, muss man genau wissen, was für Auswirkungen sie haben.

Ist das System das Problem?
Der wichtigste Faktor ist der Umgang mit den Menschen. Der Schweizerische Turnverband macht ja nicht alles schlecht, obwohl das zuletzt teilweise gerne so dargestellt wurde. Doch das stimmt nicht. Wir müssen und werden Dinge verändern. Wir wollen alles aufarbeiten und ein Konzept erstellen, hinter dem alle stehen können: Die Athletinnen und Athleten, die Trainer, die Funktionäre des Turnverbandes, die regionalen Leistungszentren, Swiss Olympic und das Bundesamt für Sport.

Erklären Sie uns Ihre Philosophie.
Mein Grundsatz ist: Die Athletinnen und Athleten sollen im Zentrum stehen. Sie sind unser wichtiges Gut. Wir müssen alles dafür tun, dass sie sich auf den Sport konzentrieren und das Beste aus sich herausholen können.

Ein Gut, das Gefühle hat.
Der Mensch darf nie vergessen gehen. Die Athletinnen und Athleten sollen sich in allen Bereichen entwickeln und entfalten können. Da gehört sehr vieles dazu, nicht nur das Training. Auch Sportmedizin, Sportpsychologie, Berufsbildung, Ernährung, Militär, der Umgang mit sozialen Medien, die Arbeit mit Journalisten. Und jeder und jede ist anders. Die eine braucht das, der andere jenes. Da müssen wir auch individuell Lösungen haben.

Sie sagten einst, jeder im Aargauer Turnverband habe Ihre Handynummer. Gilt das auch künftig, wenn Sie für die Schweiz zuständig sind? Wann schlafen Sie da noch?
(lacht) Ich war bei den Militärpolizei-Grenadieren. Ich kann Ihnen sagen, es ist okay, wenn man in gewissen Phasen etwas weniger schläft und dafür etwas mehr leistet. Im Ernst: Der persönliche Austausch ist mir wichtig. Man muss miteinander reden, man muss Wege finden. Und die sind, gerade im Spitzensport, nicht immer einfach. Das ist unabhängig von der Sportart. Es geht um Entscheidungen, die hart sein können.

Im Zuge der Enthüllungen in der Rhythmischen Sportgymnastik hiess es, der Leistungsdruck sei in der Schweiz zu hoch. Müssen die Erwartungen gesenkt werden?
Leistung und Erwartung sind nicht das Gleiche. Leistung muss jede und jeder von uns erbringen. Niemand kann keine Leistung erbringen und behält trotzdem seinen Job. Ein anderes Thema ist eine realistische Zielsetzung. Man darf nur erwarten, was möglich ist. Sicher ist, alle, die den Weg in den Spitzensport auf sich nehmen, die viel von ihrer Freizeit in der Jugend opfern, wollen auch selbst ihr ganzes Leistungspotenzial abrufen. Und hier sind wir wieder beim Thema. Wir müssen dafür sorgen, dass dies möglich ist.

Die besten Turnerinnen kommen schon mit 14 Jahren ins nationale Leistungszentrum in Magglingen. Manche fordern, man müsse von dieser Zentralisierung abkommen. Nehmen wir den Aargau. Hier entsteht ein topmodernes Turnzentrum. Wäre es nicht sinnvoller, die Athletinnen blieben hier und wären nahe bei ihrer Familie?
Diese Frage lässt sich nicht grundsätzlich mit Ja oder Nein beantworten. Weil es individuelle Lösungen braucht. Kann sein, dass dies für manche richtig wäre. Für andere trifft das aber nicht zu. Ein Beispiel: Es kommt immer wieder vor, dass wir im Turnzentrum in Niederlenz Jahrgänge haben ohne oder mit wenigen Toptalenten. Wenn die dann allein sind, ist der interne Konkurrenzkampf nicht vorhanden. In Magglingen ist die Konkurrenz garantiert, weil die Besten aus der ganzen Schweiz dort trainieren. Und noch etwas.

Ja?
Derzeit sind fünf Aargauerinnen im nationalen Kader, ab Sommer sechs. Die könnten unmöglich einfach ab sofort in Niederlenz trainieren. Dafür fehlen Trainer, die Betreuung, das medizinische Personal und vieles mehr. Nur in eine andere Halle zu gehen, damit ist es längst nicht getan. Das geht oft vergessen.

Also doch das Magglingen-Modell?
Wir müssen gut und eng miteinander zusammenarbeiten. Ich verschliesse mich nicht vor neuen Ideen, aber nochmals: Wir werden das Spitzensportkonzept in Ruhe und professionell ausarbeiten, dann sehen wir weiter.

Die Betreuung in den regionalen Zentren liesse sich ausbauen.
Natürlich. Die wird auch immer besser. Die Entwicklung in der Schweiz ist extrem schnell gegangen, auch im Vergleich mit anderen Ländern. Aber es muss in Zusammenarbeit passieren. Dann gibt es vielleicht einmal Modelle, die im Einzelfall besser passen.

Kunstturnen ist eine Kindersportart. Viele müssen bereits mit 16 Jahren, wenn das Mindestalter für Olympische Spiele erreicht ist, auf dem Zenit sein.
Das ist eine Herausforderung, welche sich dem Kunstturnen weltweit stellt.

Müsste der internationale Verband das Mindestalter erhöhen?
Ich würde das begrüssen. Uns gelingt es zwar in der Schweiz schon jetzt, Karrieren über den ersten Olympiazyklus hinaus zu verlängern. Nehmen wir Giulia Steingruber, die im Sommer bereits ihre dritten Spiele in Angriff nimmt. Und es wird immer wieder Sportlerinnen geben, die mit 16 bereit wären. Trotzdem wäre es wichtig, die Karrieren nach hinten zu verlängern. Dass nicht mit Anfang 20 schon Schluss ist, wie es heute immer wieder passiert. Und dafür wäre ein höheres Mindestalter ein geeignetes Mittel. Kommt hinzu, dass man so auch mehr Rücksicht auf die Pubertät nehmen könnte, weil das maximale Leistungspotenzial nicht bereits in dieser Phase abgerufen werden müsste.

Die neue Direktorin des Schweizerischen Turnverbandes, Béatrice Wertli, ist wie Sie aus dem Aargau. Wie wichtig ist die Arbeit mit ihr?
Enorm. Dass sie Direktorin wurde, ist mit ein Grund, warum ich mich entschieden habe, die Herausforderung anzunehmen. Wir haben die gleichen Grundwerte, die gleiche Philosophie. Ich sehe unsere Aufgabe, trotz aller Herausforderungen, als Chance. Wenn wir die richtigen Schlüsse ziehen, wird der Turnverband gestärkt aus der Krise kommen.

Den Aargauer Verband verlassen Sie, bevor Ihr Herzensprojekt, das neue Turnzentrum, gebaut ist. Schmerzt das?
Ja. Weil ich aber als Chef Leistungssport in regelmässigem und engem Kontakt mit den regionalen Leistungszentren sein werde, bleibe ich dem Projekt eng verbunden. Wichtig ist mir, dass wir eine ideale Nachfolgelösung für mich finden. Die Stelle im Aargauer Verband ist ausgeschrieben.

Zur Person
Ab 1. Juli ist David Huser neuer Chef Spitzensport im Schweizerischen Turnverband. Huser war selbst Kunstturner und Teil des nationalen Nachwuchskaders. Mit 16 Jahren musste er seine Karriere aufgrund von Rückenproblemen beenden. Der 34-Jährige ist seit Juli 2012 Chef Spitzensport beim Aargauer Turnverband und Mitglied der Geschäftsleitung. Zudem ist er als Projektleiter massgeblich an der Realisierung des neuen Turnzentrums in Niederlenz beteiligt.

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