Höchster Schweizer Dopingjäger: «Sportler vertrauen uns intime Informationen an»

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Ernst König führt den Kampf gegen Doping in der Schweiz seit 2018. Keystone

Antidoping Schweiz zieht heute Jahresbilanz. Wann ist ein Jahr für Sie als Dopingjäger ein Erfolgreiches?

Ernst König: Unser Stiftungszweck gibt vieles vor. Antidoping Schweiz setzt sich für einen sauberen Sport ein. Und wenn wir unsere Massnahmen dazu umsetzen können, dann leisten wir einen wichtigen Beitrag. 2020 war gemessen an den Umständen ein erfolgreiches Jahr.

Ist dieser Erfolg messbar?

Ja, wir haben sowohl interne Ziele wie auch eine Leistungsvereinbarung mit Bund und Swiss Olympic. Darin sind etwa die Anzahl Dopingkontrollen definiert oder die Anzahl Schulungen für Athleten, die wir mit unserem Präventionsprogramm erreichen sollen.

Corona hat den Alltag gewaltig verändert. Auch jenen von Antidoping Schweiz?

Sehr. Der Sport war teilweise stark eingeschränkt. Wir mussten uns anpassen und flexibel bleiben. Wir konnten durch Corona aber auch viel leisten, das wir so nicht geplant hatten. Zum Beispiel erreichten wir im Bereich Prävention durch Online-Tools mehr Athleten als üblich.

Aber die Kontrolltätigkeit war eingeschränkt?

Im Frühling waren Kontrollen stark eingeschränkt. Dank unserem Schutzkonzept konnten wir die Arbeit aber sehr schnell wieder normalisieren. Ab dem Sommer erreichten wir wieder die vorgesehene Anzahl Kontrollen. Dabei stand die Sicherheit unseres Personals und der Athleten an erster Stelle. Da unsere professionellen Kontrolleure allesamt aus dem Gesundheitswesen kommen, war die Sensibilität für dieses Thema gegeben. Und etwas hat mich besonders gefreut.

Was?

Als wir nach dem Unterbruch die Kontrollintensität wieder steigerten, kamen von Seiten der Athleten ausnahmslos positive Reaktionen. Sie haben sich richtiggehend gefreut, dass sie wieder kontrolliert werden. Man spürte, dass auch sie unter den Diskussionen in den Medien litten, ob wegen Corona nun die Zeit der Doper sei.

Also war Corona kein Freifahrtsschein für Doper?

Eine abschliessende Antwort kann ich nicht geben. Aber einige Überlegungen dazu: Weil wir die gezielten Kontrollen jederzeit aufrecht hielten, blieb für jeden Betrüger ein Risiko bestehen, erwischt zu werden. Und selbst wenn ein Athlet sich gesagt hätte, er wolle die Gelegenheit nutzen und mit Doping beginnen – so einfach ist das gar nicht. Du musst zuerst die Substanz besorgen. Ohne Hilfe und Vorkenntnis betreibst du Doping zu 99 Prozent falsch und wirst sehr einfach erwischt. Und für einen professionellen Ansatz brauchst du Unterstützung durch einen Spezialisten. Dieses Szenario in einer Zeit mit massiv eingeschränkter Bewegungsfreiheit haben wir als sehr unwahrscheinlich erachtet. Und noch etwas.

Erzählen Sie?

Viele Bereiche der Dopingbekämpfung liefen trotz Corona weiter. Etwa unsere Ermittlungsarbeit, die auf eine längere Zeitdauer ausgerichtete Analyse von Blutpässen oder auch die Überprüfung von langzeitgelagerten Dopingproben mit modernsten Methoden. Alle unsere Informationen deuten darauf hin, dass es in der Schweiz keinen verbreiteten systematischen Dopingmissbrauch gibt.

Blicken wir nach vorne: Antidoping Schweiz bekommt mehr Geld. Wieviel mehr?

Wir haben in den vergangenen zwei Jahren mit dem Bund und Swiss Olympic intensive Diskussionen geführt. Wir haben aufgezeigt, in welchem Umfeld wir uns bewegen und was die Anforderungen an eine zeitgemässe Dopingbekämpfung sind, damit sie glaubwürdig ist. Wir konnten den mittelfristigen Handlungsbedarf belegen. Nun erhalten wir bis ins Jahr 2024 gestaffelt 1,2 Millionen Franken jährlich mehr. Das ist eine Steigerung der Finanzierung um gut 25 Prozent auf insgesamt 5,8 Millionen.

Von wo kommt dieses Geld?

60 Prozent davon stammen vom Bund, 40 Prozent von Swiss Olympic.

Was machen Sie mit den zusätzlichen Mitteln?

Wir haben in der Analyse unserer Tätigkeiten gewisse Lücken festgestellt und eine Vierjahres-Strategie verabschiedet. Es gibt zwei Schwerpunkte: Stärkung unserer Ermittlungen und Ausbau der Präventionsarbeit.

Erfolgreiche Antidoping-Arbeit hat immer mehr mit Ermittlungen zu tun und weniger mit positiven Tests?

Wir haben seit letztem Herbst eine zusätzliche Fachperson in unserer Ermittlungsabteilung. Es gibt ganz verschiedene Dimensionen, wieso die Aufrüstung hier notwendig ist. Viele der grossen internationalen Dopingfälle wurden durch Ermittlungen aufgedeckt. Wichtig ist die internationale Vernetzung, für diesen Austausch braucht es Kapazitäten. Auch mit der Wada möchten wir den bestehenden Austausch im Rahmen eines informellen Ermittlungsnetzwerks verstärken. Ein ganz wichtiges Feld ist aber auch die Koordination im Austausch mit den 26 kantonalen Justizbehörden, der Zollverwaltung und dem Fedpol.

Im Idealfall sind Ermittlungen ein Zusammenspiel zwischen sportlichen Stellen und staatlichen Instanzen. Wie funktioniert das in der Schweiz?

Es ist sicherlich suboptimal. Selbstkritisch betrachtet haben bei uns bislang die notwendigen Ressourcen gefehlt. Andererseits sieht man, dass die Umsetzung des Sportfördergesetzes in den Kantonen ganz unterschiedliche Prioritäten geniesst. In der Westschweiz gibt es ein Netzwerk von Justizabteilungen, die sich regelmässig zum Thema Dopingbekämpfung austauschen. In vielen Kantonen hat das Thema aber keine grosse Priorität. Deshalb ist es enorm wichtig, dass wir Staatsanwaltschaften und Polizeikorps sensibilisieren. Uns geht es nicht darum, zu behaupten, der Handel mit Dopingmitteln sei das Wichtigste der Welt. Aber es ist eben auch wichtig. Denn die Konsequenzen solcher Fälle können durchaus eine grosse Tragweite haben. Ich denke beispielsweise an die aufgedeckten Netzwerke im Aargau vor wenigen Jahren.

Ein dopender Athlet kann in der Schweiz von der Justiz dafür nicht belangt werden – im Gegensatz etwa zu Deutschland oder Österreich. Eine Lücke im Ermittlungssystem?

Ich habe keine abschliessende Meinung. Es ist aber wichtig, dass wir das Thema beleuchten. Auf der einen Seite wäre es für Antidoping Schweiz gut, weil es die Einleitung von Ermittlungen erleichtert. Auf der anderen Seite darf man das grosse Ganze nicht aus den Augen verliert. Es darf nicht passieren, dass wir einen grossen Teil unserer Ressourcen deswegen zur Verfolgung von Freizeitdopern wie Bodybuildern einsetzen müssen. Auch besteht eine Gefahr, dass Verfahren komplexer werden und damit viel länger dauern.

Wo sehen Sie weitere gewinnbringende Kooperationen?

Wichtig sind im Kampf gegen Doping gleich lange Spiesse. Die Schweiz ist im internationalen Vergleich in einer privilegierten Lage. Es geht jetzt darum, gemeinsam weltweit ein höheres Niveau zu erreichen. Etwa mit Projekten wie dem Dried Blood Spot, also der nicht-invasiven Blutentnahme. Für viele Länder würde der Transport von Blutproben ohne die heute notwendige massive Kühlung ein Quantensprung bedeuten.

Doping wäre am besten zu verhindern, wenn es gar nie stattfinden würde. Ein unerreichbares Ziel?

Wir sind nie am Ziel. Was ich aber glaube: Das Fenster, das ein Athlet zum Betrügen hat, wird meines Erachtens immer kleiner. Eine möglichst grosse Einschränkung des Spielraums für Doper muss unser Ziel sein. Damit reduziert sich auch der Nutzen von Doping massiv.

Wie viel bringt dabei Prävention?

Sie ist sehr wichtig. Möglichst vielen Athleten schlicht zu sagen, Doping sei verboten, könnten wir uns wohl sparen. Ein wichtiges Thema in der Prävention ist die Verhinderung der unabsichtlichen Verstösse, etwa durch die Einnahme von kontaminierten Nahrungsergänzungsmitteln. Nahezu alle Sportler nehmen solche ein, obwohl viele Fachpersonen betonen, dass dies in den meisten Fällen vollkommen unnötig ist.

Wie sieht denn eine intelligente Prävention aus?

Es ist letztlich eine Kulturfrage. Man muss den Athleten aufzeigen, dass es im Sport nicht um das Gewinnen um jeden Preis geht. Und das müssen wir viel zielgruppenspezifischer machen. Wir haben im Schweizer Sport eine sehr grosse Heterogenität. Da funktioniert eine «One-size-fits-all-Prävention» nicht. Ein wichtiges Ziel in unserer Arbeit ist auch, dass jeder Schweizer Nachwuchsathlet den ersten Kontakt mit Antidoping Schweiz im Rahmen eines Präventionsangebots und nicht einer Dopingkontrolle hat.

Sie haben Zugriff auf sehr sensiblen Daten von Sportlern. IT-Sicherheit ist dabei ein grosses Thema. War Antidoping Schweiz wie jüngst andere nationale Dopingagenturen schon Opfer von Hackerangriffen?

Nein, im Gegensatz zu verschiedenen anderen nationalen Agenturen wie etwa Deutschland ist das wissentlich bei uns noch nie passiert. In Deutschland geht man davon aus, dass der Angriff aus Russland kam. Es geht bei so etwas nicht nur darum, an sensible Daten zu gelangen, sondern auch darum, die Glaubwürdigkeit der Organisationen zu diskreditieren. Deshalb ist IT-Sicherheit auch bei uns ein Thema mit höchster Priorität.

Also muss man aufrüsten?

Wir haben aktuell für das Budget 2021 eine sehr hohe Investition eingeplant, um den internationalen Standard für Unternehmungen zu erfüllen, die in sensiblen Bereichen des Datenschutzes arbeiten. Banken oder Spitäler gehören dazu. Eine der Massnahmen ist die Installation eines Chief Information Security Officers, der sich ausschliesslich um die Sicherheit der Informatik kümmert. Für ein KMU-Unternehmen unserer Grösse ist es im Grunde ein völlig unverhältnismässiger Aufwand.

Wieso ist er notwendig?

Wir leben stark vom Vertrauen in unsere Organisation. Die besten Sportlerinnen und Sportler der Schweiz vertrauen uns zum Teil sehr intime Informationen an. Ich denke da an Arztzeugnissen oder an Krankheitsdiagnosen. Das wissen zum Teil nicht einmal die Verantwortlichen in den Klubs oder Verbänden. Ohne dieses Vertrauen funktioniert in letzter Konsequenz unsere Aufgabe nicht.

Die Koordination der Antidoping-Arbeit liegt bei der Welt-Antidoping-Agentur. Ein inzwischen riesiger Apparat. Blicken Sie noch überall durch?

Das ist tatsächlich ein höchst komplexes Thema. Wir mussten im Jahr 2020 die Umsetzung des neuen Wada-Codes bewältigen. Das benötige sehr viel Zeit und Ressourcen. Die Regelwerke der Wada umfassen über 1500 Seiten. Ich denke dabei primär auch an die Athleten. Es ist für sie fast unmöglich, all die Anti-Doping-Regeln zu kennen. Deshalb stellt sich die Frage, ob das aktuelle System noch fair ist. Auch deshalb haben wir im neuen Doping-Statut die unentgeltliche Rechtshilfe installiert. Sportler müssen eine faire Chance zur Verteidigung haben – unabhängig von ihren finanziellen Mitteln für juristischen Beistand.

Man kann behaupten, der Kampf gegen Doping sei überreguliert?

Ich würde dem nicht widersprechen, das Regelwerk ist zu komplex. Ich kann aber nachvollziehen, wieso es derart angewachsen ist. Die Absicht war eine Nivellierung gegen oben im Kampf gegen Doping. Und bei aller Kritik habe auch ich keine Alternative in der Schublade.

Zur Person

Ernst König

Der 43-Jährige ist im Berner Mittelland aufgewachsen. Er hat Agrarwirtschaft studiert und war später sechs Jahre lang Geschäftsführer der Branchenorganisation swisspatat. 2012 machte König an der University of Edinburgh einen MBA und arbeitete anschliessend während fünf Jahren in Schottland für ein globales Dienstleistungsunternehmen. 2018 kehrte er zurück und trat die Stelle als Direktor von Antidoping Schweiz an. Ernst König wohnt in Laupen, ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen (zwei und vier Jahre alt). Seine Hobbys sind Velofahren, Joggen und Eishockey.

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