BAG-Direktorin: «Wir setzen alles daran, dass die Impfung bald auch für Kinder und Jugendliche möglich ist»

Anne_Levy_key.jpg
Anne Lévy (Keystone)

Am 26. Mai sollen weitere Lockerungen folgen, obwohl Millionen Erwachsene noch keine Möglichkeit hatten, sich impfen zu lassen. Warum setzt der Bund sie kurz vor der Impfung einem erhöhten Ansteckungsrisiko aus?

Anne Lévy: Die nächsten Öffnungsschritte erfolgen abgestützt auf die Entwicklung der epidemiologischen Situation und dem Fortschritt der Impfkampagne. Ob die Voraussetzungen Ende Mai erfüllt sind, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Die Pandemie hat uns gelehrt, vorsichtig zu sein mit Prognosen. Auf jeden Fall wird der nächste Öffnungsschritt keine sorglose Rückkehr zur Normalität sein.. Denn die Hygienemassnahmen werden aufrechterhalten und gewisse Einschränkungen bleiben bestehen. Ausserdem werden wir weiterhin viel testen und intensiv impfen.

Grossbritannien und Israel haben erst gelockert, als die Impfung schon viel weiter fortgeschritten war. Weshalb geht die Schweiz dieses Risiko ein?

Wir haben in der Schweiz immer die Balance gesucht zwischen gesundheitlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten. Auch wenn die Medien dieses Wort immer wieder verwenden, hatten wir beispielsweise nie einen Lockdown mit Ausgangssperren. Auch waren die Schulen mit Ausnahme der ersten Welle im vergangenen Frühjahr immer offen. Gleichzeitig haben wir immer darauf geachtet, die Kontrolle über die epidemiologische Lage zu behalten und die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. In den nächsten Wochen und Monaten wird der Anteil der Geimpften rapide zunehmen. In Israel haben wir beobachten können, dass die Fallzahlen damit rasch gesunken sind. Deshalb planen wir Öffnungsschritte, sobald die Risikogruppen geimpft sind – während die Gesamtbevölkerung rasch einen Zugang zur Impfung erhalten wird.

Langfristig würden sich alle nicht-geimpften und nicht-genesenen Personen anstecken, heisst es im Konzeptpapier des Bundesrats. Nimmt er, zumindest bei Kindern und Jugendlichen, eine Durchseuchung in Kauf?

Die Hygienemassnahmen sowie die Testungen an den Schulen bleiben bestehen. Das sind wichtige Massnahmen, um einer Ansteckung entgegenzuwirken.

Es liegen neue Studien vor, welche die Impfung bei Kindern und Jugendlichen untersuchen. Wichtig ist eine gründliche Prüfung der Studiendaten durch Swissmedic, die die Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität eines Impfstoffs auf für Heranwachsende bestätigen muss. Nach einer allfälligen Zulassung durch Swissmedic braucht es des Weiteren eine Empfehlung durch die Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF), bevor ein Covid-19 Impfstoff bei Kindern und Jugendlichen zum Einsatz kommen kann. Wir beobachten die Datenlagen laufend und prüfen gemeinsam mit der EKIF mögliche Anpassungen der Impfempfehlung.

Die Taskforce rät dazu, Jugendliche ab dem Sommer zu impfen. Ist das BAG bereit?

Wir haben Verträge über 35 Millionen Impfdosen abgeschlossen. Sie werden 2021 ausgeliefert. Ein Teil der Lieferungen kann nach Bedarf ins nächste Jahr verschoben werden. Wir haben genügend Impfdosen zur Verfügung, um Jugendliche nach dem Sommer zu impfen. Aber der Zulassungsentscheid über Impfungen für Kinder und Jugendliche trifft Swissmedic unabhängig vom BAG.

Noch ist unklar, wie lange die Immunität nach einer Impfung anhält – und ob dereinst Mutationen entstehen könnten, bei denen die Impfung nicht wirkt. Wie gut ist das BAG auf ein solches Szenario vorbereitet?

Das wirklich Erfreuliche ist: Die beiden mRNA-Impfstoffe von Pfizer/Biontech und Moderna, die in der Schweiz eingesetzt werden, sind aktuell gegen alle bekannten Varianten hochgradig wirksam. Sollte dies bei einer neuen Variante nicht mehr der Fall sein, könnten die Hersteller den Impfstoff innert kürzester Zeit anpassen. Wir haben wie gesagt ausreichend Impfstoff bestellt, um Wiederauffrischungsimpfungen zur Erneuerung der Immunität oder gegen neue Varianten durchführen zu können. Wir klären den Bedarf laufend ab und befinden uns in Gesprächen mit Herstellern.

Für die Impfstoffbeschaffung musste sich das BAG viel Kritik anhören. Weshalb ist die Schweiz langsamer als Israel, Grossbritannien oder die USA?

Israel hatte dank einer engen Zusammenarbeit mit den Herstellern, die in der Schweiz nur schon rechtlich nicht möglich wäre, einen privilegierten Zugang zu den Impfstoffen. In Grossbritannien und den USA war dank Notzulassungen ein früher Impfstart möglich.

Und ich bin stolz darauf, dass wir als eines der ersten Länder mit Moderna zusammengearbeitet haben. Als es noch enorm schwierig war, die Impfstoffentwicklung abzuschätzen, haben wir mit Moderna und Pfizer/BioNTech aufs richtige Pferd gesetzt. Ich bin optimistisch, dass wir unseren Zeitplan einhalten können, wobei wir immer gesagt haben, dass das von den Lieferungen und der Verimpfung durch die Kantone abhängt.

Dieser Zeitplan wurde immer wieder nach hinten verschoben. Erst hiess es, alle Impfwilligen seien bis Ende Juni vollständig geimpft. Jetzt ist das je nach dem erst im Augst der Fall.

Der Zeitpunkt, zu dem jeder Erwachsene, der das möchte, geimpft ist, hängt von der Impfbereitschaft der Bevölkerung ab. Wir gehen von 60 bis 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung aus, das heisst zwischen vier und fünf Millionen Menschen. Dafür bräuchten wir acht bis zehn Millionen Impfdosen, die wir bis Ende Juni erhalten sollten. Dann kommt es drauf an, wie schnell die Kantone die Dosen verimpfen können. Wenn sich nun 80 Prozent impfen lassen wollen, freut uns das aus gesundheitlicher Sicht. Es bedeutet aber auch, dass es noch ein paar Wochen länger dauern würde, bis alle Impfwilligen durchgeimpft sind.

Die Kantone sind unzufrieden über die kurzfristig gemeldeten Lieferverzögerungen. Der Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg will dem Bund die Logistik wegnehmen und Privaten übertragen. Wo hapert es?

Mit den Herstellern sind Liefermengen pro Quartal vereinbart. Diese konnten bis jetzt stets eingehalten werden. Das BAG informiert die Kantone transparent und schnell über die angekündigten Liefermengen – und über Verzögerungen. Ich kann Herrn Schneggs Ärger über die kurzfristige Verschiebung einer Moderna-Lieferung um ein paar Tage natürlich verstehen. Der Fehler lag jedoch beim Hersteller. Der Bund liefert die Dosen, sobald sie in der Schweiz eintreffen, jeweils sehr schnell an die Kantone. Dass dieser Teil der Logistik gut funktioniert, bestätigen die Kantone.

In der Waadt haben bereits alle erwachsenen Personen Zugang zur Impfung, anderswo erst die über 65-Jährigen. Wie kommt das?

Die EKIF und das BAG geben Empfehlungen raus, nach welcher Reihenfolge verimpft werden soll, aber die Kantone sind frei, dies anders umzusetzen. Jeder Kanton geht dabei aufgrund der unterschiedlichen lokalen Bedingungen anders vor. Wichtig ist, dass die gelieferten Impfdosen so rasch als möglich verimpft und die Vorräte an Impfdosen abgebaut werden.

Immer wieder geriet das BAG wegen ungenügender Digitalkompetenz in die Kritik. Hat ihr Amt aus Fehlern gelernt?

Alle im Gesundheitswesen tun sich etwas schwer mit der Digitalisierung. Das ganze Schweizer Gesundheitswesen, nicht nur das BAG, hat Aufholbedarf.

Einheitliche digitale Lösungen sind in einem föderalistischen System schwieriger umzusetzen, so haben sich nicht alle Kantone für die vom BAG vorgeschlagene Lösung für das Impfen entschieden. Einheitliche digitale Lösungen sind teilweise auch politisch nicht gewollt, wie etwa ein zentrales Impfregister. Die Pandemie hat uns gezeigt, dass digitale Lösungen in kurzer Zeit erarbeitet und umgesetzt werden können..

Sie sind seit sieben Monaten im Amt und standen von Anfang an in der Kritik. Wie gehen Sie damit um?

Es war sicher ein spezieller Zeitpunkt, diesen Job zu übernehmen, die übliche Einarbeitungszeit fiel weg. Doch ich habe ein kompetentes und hoch motiviertes Team angetroffen und die Situation ist, bei allen Herausforderungen, auch sehr spannend. Kritik gehört zur Politik, gehört zu diesem Job. Damit kann ich leben. Ich verstehe auch den Frust der Bevölkerung, wir alle haben genug von dieser Pandemie. Aber manchmal erhalte ich den Eindruck, gewisse Leute geben uns die Schuld am Virus. Für meine Mitarbeitenden ist es sicher nicht einfach, dass sie bei der enormen Arbeitsbelastung zwar Kritik abbekommen, wenn etwas schiefläuft – aber kaum je Lob, wenn es gut läuft.

Anne Lévy

Seit Oktober 2020 leitet die Politikwissenschafterin Anne Lévy (49) das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Sie wuchs in Bern und Basel auf. Nach dem Studium in Lausanne arbeitete sie als Spezialistin für Drogenfragen für die Stadt Bern. 2001 ging sie zum BAG, wo sie ab 2004 die Sektion Alkohol und Tabak leitete. 2009 wechselte sie ins Basler Gesundheitsdepartement, 2015 wurde sie CEO der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Lévy lebt mit ihrem Ehemann und Hündin Nöfä in Bern.
Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.
Keine Kommentare vorhanden
Heute auf zofingertagblatt.ch
Frage des Tages
Marktplatz
regiostellen.ch
Blum Innenausbau AG
Schreinermonteur, Mitarbeiter, Dagmersellen
Metzgerei Kreienbühl AG
Verkäuferin/Koch/Fleischfachfrau Veredelung, Mitarbeiter, Reiden
Gebr. Jetzer Hoch-und Tiefbau AG
Sachbearbeiter/in, Mitarbeiter,
Restaurant Einsiedelei
Service 70-100%, Mitarbeiter, Rüttenen
Job für Mamis, Mitarbeiter,
Gesucht Raumpflerin, Mitarbeiter,
regioimmo.ch
Abo-Service

Normal-Abo (e-Paper/Digital inkl.)

Schnupper-Abo / Probe-Abo

Digital-Abo

Leserangebote
Partner