Epidemiologe zu den Events: «Wir dürfen auch einen anderen Weg gehen als unsere Nachbarländer»

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Marcel Tanner findet, über Öffnungen solle immer gesprochen werden - genau so wie über Schliessungen. Bild: Annette Boutellier

Marcel Tanner, der Bundesrat hat nun weitere Öffnungen beschlossen, sogar Konzerte mit bis zu 10'000 Personen sollen in ein paar Monaten möglich sein. Ist das nicht verfrüht?

Man muss den Menschen eine Perspektive geben, das ist das Wichtigste. Schrittweise Öffnungen - wohl abgestimmt auf die epidemiologische Lage - haben jetzt alle nötig, nicht nur die Politiker. Wir haben jetzt ganz neue Möglichkeiten, die wir vor einem Jahr noch nicht hatten. Diese gilt es, zu nutzen.

Was sprechen Sie an?

Den Antigen-Schnelltest, eine neue Möglichkeit innerhalb des Massnahmenbündels. Er wurde beispielsweise auch beim Test-Konzert in Barcelona angewendet, und er wird schon heute auch in der Schweiz an vielen Orten wie bei Verwaltungsratssitzungen oder Heimbesuchen eingesetzt. Mit gutem Erfolg.

Verwaltungsratssitzungen finden jedoch nicht mit Tausenden Menschen statt. Die Gruppengrösse spielt doch eine Rolle, oder?

Natürlich muss man jeden Fall einzeln beurteilen. Natürlich ist eine grosse Gruppe schlechter zu koordinieren als eine kleine. Das hat aber nicht nur mit den Testverfahren zu tun, sondern mit der allgemeinen Durchführbarkeit aller Massnahmen, also des Schutzkonzepts. Jetzt schiessen sich wieder alle leider nur auf eine Massnahme ein: Auf Terrassenöffnung oder nicht. Oder auf die Testfrage.

Dabei?

Dabei geht es schon seit jeher um eine Kombination aus verschiedensten Massnahmen. Masken. Abstand. Hygiene. Tests. Wir müssen vor allem auch bei Grossveranstaltungen genau hinsehen, wie die Massnahmenbündel gut umgesetzt werden können.

Finden Sie ein Test-Konzert mit mehreren Tausend Personen unbedenklich?

Die Betonung liegt dabei auf Test. Wir müssen vernünftig beginnen, mit einer kleineren Menge Leute, und schrittweise vorangehen. Ich unterstütze es nicht, feste Zahlen festzulegen. Viel wichtiger ist doch, dass man mit jeder einzelnen Veranstaltung dazu lernt. Wir können es nicht perfekt machen. Wir müssen und dürfen dazu lernen. Und die schrittweise Vergrösserung der Gruppengrösse ist auch sinnvoller als ein einziger Event mit 20'000 Leuten und dann wieder zurück auf Feld eins, weil sich zu viele anstecken.

Wie sicher sind Grossveranstaltungen, wenn der Antigen-Schnelltest zur Anwendung kommt?

Ziemlich sicher. Ich sehe da kein grosses Risiko. Weil der Antigen-Schnelltest infektiöse Personen eruieren kann und infolgedessen nur Leute teilnehmen, die nicht infektiös sind, sondern höchstens schwach infiziert. Und so nur geringfügig ansteckend sind. Die Leute sind selbst angesteckt, die Virenlast reicht aber nicht, um auch andere anzustecken. Deshalb ist der Antigen-Schnelltest ja auch nur zeitlich begrenzt anwendbar. Für einen ganzen Tag reicht er aus. Und es ist wichtig, vor Ort nicht nur auf den Test zu vertrauen, sondern eben auch Abstand und Hygiene zu beachten und Masken zu benutzen.

Sollten wir da nicht vorsichtiger sein, länger auf Öffnungen warten? Es scheinen noch so viele Fragen offen.

Über Öffnungen diskutieren wir innerhalb der Taskforce, seit es diesen Ausbruch gibt. Die Frage der Öffnung gehört zur Frage der Schliessung integral dazu. Insofern finde ich es gut, wenn wir rechtzeitig darüber reden - und die Bevölkerung frühzeitig über Perspektiven informiert wird. Das ist nicht unverantwortlich. Die Diskussion um eine Öffnung ist nichts Gefährliches. Sie gibt der Bevölkerung auch Sicherheit. Man darf den Entscheid des Bundesrates nicht isoliert betrachten. Und sich innerhalb der verschiedensten Situationen nun auf die optimale Umsetzung fokussieren.

Also klingt es mehr nach carte blanche als es eigentlich ist?

Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben. Es verschwindet nicht. Also müssen wir alle neuen Möglichkeiten einsetzen, die wir haben, um uns zu schützen, aber auch gleichzeitig wieder freier zu leben. Das Test-Konzert in Barcelona war ein Experiment. An einem Ort funktioniert es wunderbar, an einem anderen vielleicht weniger gut. Und dann kann man evaluieren, was schiefgelaufen ist, daraus lernen und die Richtung anpassen. Schritt für Schritt.

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