Fachleute warnen: Mehr Kleinanleger denn je zocken an der Börse – sechs Tipps von Profis

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Der Börsenhandel via Apps boomt, doch die Party ist nicht ohne Risiko.

Ein paar Klicks. Viel mehr braucht es heute nicht, um Zugang zu einem Ort zu erhalten, der früher fast ausschliesslich Privilegierten vorbehalten war: dem Finanzmarkt. Ein Beratungsgespräch? Nicht nötig. Es reicht, online ein Foto seines Passes zur Identitätsbestätigung hochzuladen, schon ist das Konto eröffnet – und der Weg aufs virtuelle Börsenparkett frei.

Nie war es einfacher als heutzutage, sein Geld anzulegen. Das heisst auch: Nie war der Finanzmarkt mehr Menschen zugänglich, nie war er demokratischer. Möglich machen das neuartige Apps, sogenannte Neobroker. Mit ihnen lassen sich Aktien und andere Anlagen schnell, übersichtlich und günstig vom Sofa aus handeln. Teils geht das ganz ohne Gebühren oder mit einer Flatrate, was auch Kleinanlegern die Möglichkeit gibt, an den Aktienmärkten teilzuhaben.

Neue Akteure fordern alte Institute heraus

Swissquote gehört hierzulande zu den bekanntesten dieser neuen Broker und wird derzeit von Neukundinnen und Neukunden förmlich überrannt. «Wir haben im letzten Jahr einen nie da gewesenen Ansturm erlebt bereits im ersten Lockdown. Und der Trend hat sich seither gehalten», sagt eine Sprecherin des Zürcher Fintechs. Total hat Swissquote im letzten Jahr über 50'000 neue Konten eröffnet, so viele wie noch nie (siehe Grafik). Die Zahl der Anträge für Kontoeröffnungen hat sich gar mehr als verdoppelt. Momentan ist diese so hoch, dass Swissquote kaum mit der Bearbeitung nachkommt.

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Andere Neobroker erleben einen ähnlichen Aufschwung. Die Schweizer Tochter der dänischen Onlineinvestmentbank Saxo Bank etwa, die ebenfalls Aktienhandel via App anbietet, spricht von einem spürbaren Coronaeffekt. «Wir haben 2020 ein grosses Wachstum sowohl bei Kunden als auch beim Handelsvolumen erlebt», sagt CEO Renato Santi. Der Kundenstamm habe sich im Vergleich zu 2019 beinahe verdreifacht.

Es scheint ganz so, als wirke die Pandemie als zusätzlicher Treiber einer Entwicklung, die Fachleute schon seit geraumer Zeit beobachten. Zwar gelten Schweizerinnen und Schweizer eher als Aktienmuffel – nur 20 Prozent sind hier zu Lande in Aktien investiert. Doch wird angenommen, dass die Zahl der Anleger in Folge der Digitalisierung der Finanzwelt schon bald zunehmen wird. Nicht zuletzt, weil neue Akteure wie Swissquote etablierte Institute zu Gebührensenkungen und digitalen Innovationen zwingen.

Auch Timo Dainese vom Vermögensverwalter Zugerberg Finanz sieht das Thema in der breiten Bevölkerung angekommen. «Gerade in der Pandemie hatten viele mehr Zeit, sich mit Geldanlagen zu beschäftigen», sagt er. Zudem liessen sich derzeit viele von der guten Börsenstimmung mitreissen. Nach einem Einbruch im Frühjahr 2020 haben sich die Aktienkurse innert Kürze erholt. Mittlerweile hat der Schweizer Aktienindex SMI wieder Vorkrisenniveau erreicht – trotz Pandemie.

Immer mehr Jüngere steigen ein

Von der gegenwärtigen Hausse wird insbesondere auch eine Altersgruppe angezogen, die in der Finanzkrise gross wurde und deshalb Finanzinstituten tendenziell eher kritisch gegenübersteht: die Millennials. So haben die Neobroker im letzten Jahr einen Zulauf an jüngeren Anlegerinnen und Anlegern erfahren. «Bei uns sind inzwischen 45 Prozent der Kunden jünger als 40 Jahre», heisst es bei der Saxo Bank. In der Coronazeit seien sie zudem die aktivsten Mitglieder gewesen. Besonders gefragt war in dieser Gruppe laut den Neobrokern der Handel mit sogenannten Exchange-Traded Funds (ETFs), die im Gegensatz zu einem aktiv betreuten Anlagefonds passiv einen ganzen Index wie den SMI abbilden.

Die Gründe für das gestiegene Anlageinteresse unter den Jüngeren sind vielfältig und reichen von sinkenden Eintrittsschwellen bis hin zur Angst, gerade jetzt etwas zu verpassen, der «Fear of missing out». Schliesslich will man bei der Party dabei sein. Ist ja sonst gerade nicht viel los. Und so tun derzeit immer mehr junge Schweizerinnen und Schweizer etwas, was hier zu Lande sonst eher gemieden wird. Sie reden über Geld. In Nachrichtengruppen, in sozialen Netzwerken oder in Internetforen wie dem Subreddit Wallstreetbets, wo die Gamestop-Saga ihren Anfang nahm.

Die Financial Literacy, die Finanzkompetenz, nehme aktuell stark zu, stellt Dainese von Zugerberg Finanz fest. Gerade unter Jüngeren. «Sie setzen sich vermehrt mit Geldanlagen auseinander und machen sich Gedanken um ihre Altersvorsorge.» Das spüren etwa auch Fintechs wie Viac oder Selma, die sich auf digitale Vorsorgelösungen mit ETFs spezialisiert haben. Bei Selma sind gar knapp 80 Prozent der Kunden unter 40 Jahre alt. Firmengründer Kevin Linser sagt: «Die Coronakrise hat dazu geführt, dass sich das Bewusstsein für digitale Finanzdienstleistungen verändert hat».

Doch so erfreulich diese Entwicklung ist, so gefährlich ist sie nach Ansicht vieler Experten auch. Ihre Befürchtung: In der gegenwärtigen Partystimmung würden sich viele Anleger überschätzen. «Die Risikobereitschaft hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen», mahnt Dainese und führt als Beispiel den Boom von Kryptowährungen an, der viele zum Zocken verleiten würde. «Die Motivation ist da oft die falsche. Man folgt dem Ruf des schnellen Geldes und orientiert sich an Renditeversprechen statt am Risiko.»

Apps haben unliebsame Nebenwirkungen

Aus Sicht von Beobachtern wächst derzeit die Gefahr einer Blase am Aktienmarkt und somit das Risiko, dass die Kurse auf breiter Front fallen. Gerade Jüngeren wird daher zur Vorsicht geraten – nicht zuletzt aufgrund ihrer fehlenden Erfahrung. «Jene, die jetzt einsteigen, haben den Crash von 2008 nicht erlebt und wissen nicht, wie sie sich bei einem Einbruch verhalten würden», sagt Dainese. Das führe zu einer falschen Einschätzung der eigenen Risikobereitschaft.

Kommt hinzu, dass die zweifellos bequemen Apps der Neobroker auch unliebsame Nebenwirkungen haben. So kam eine Studie der Uni Frankfurt jüngst zum Schluss, dass Anleger, die Aktien über das Handy handeln, unvorsichtiger sind. Sie kaufen Papiere mit mehr Risiko und stärkeren Kursausschlägen, was eher mit Verlusten endet. Für so manchen könnte die Party daher bald mit einem Kater enden.

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