Theorie trifft auf Realität: Taskforce-Chef Martin Ackermann verteidigt die Horror-Szenarien

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Ein bisschen Normalität: Trotz der Lockerungen am 19. April gehen die Infektionszahlen in der Schweiz zur Zeit zurück. Bild: Anthony Anex/Keystone (Solothurn, 25. April 2021)

1795 neue Infektionsfälle – und das an einem Mittwoch. An jenem Wochentag, an dem das BAG jeweils die höchsten Fallzahlen liefert. So kann Patrick Mathys vom BAG in Bern von sinkenden Fallzahlen berichten, einem tieferen R-Wert von 0,93 und von einer Abnahme bei den Hospitalisationen. Ebenfalls bleiben die Todeszahlen tief.

«Wir sehen eine langsame Entspannung und die Öffnungsschritte vom 19. April hatten bis jetzt keine negativen Auswirkungen auf die Epidemie», sagt Mathys. Inzwischen sind mehr als eine Million Menschen mit zwei Dosen geimpft, somit geschützt und verbreiten das Virus nicht mehr. «Wenn sich die Impfungen in gleichem Masse fortsetzen, sich das Verhalten der Bevölkerung nicht verändert, werden wir in den nächsten Wochen wohl eine weitere Entspannung sehen».

Schreckensszenario Ende März

Diese erfreuliche Ansicht kontrastiert zu den Modellierungen der Covid-19-Taskforce, die Ende März je nach Impffortschritt in ihren Szenarien bis zu 10'000 Infektionen pro Tag berechnet hat. Ist da etwas falsch gelaufen? Der Leiter der Taskforce Martin Ackermann stellt klar. «Bei den Modellen handelt es sich – wie wiederholt öffentlich betont – explizit nicht um Prognosen», sagt der ETH-Professor. Erstellt haben die Forscher Szenarien, die Trends aufzeigen können und dazu dienen, die Einflüsse von verschiedenen Massnahmen zu untersuchen. Trotzdem werden diese Zahlen in der Öffentlichkeit aber oft als Voraussagen verstanden.

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Taskforce-Chef Martin Ackermann erklärt: «Das Szenario mit einem Höhepunkt von über 10'000 Fällen im Sommer beruhte auf einer deutlich schnelleren und stärkeren Öffnung, als dann tatsächlich umgesetzt wurde, und zudem auf einer langsameren Impfkampagne.»

Szenarien mit vorsichtigen Öffnungen und schnellerer Impfung zeigten günstigere epidemiologische Entwicklungen. «Der Zweck dieser Szenarien ist ja gerade, dass sie Handlungsoptionen für die politischen Entscheidungsträger aufzeigen», sagt Ackermann.

Und bei solchen Modellrechnungen gibt es Unsicherheitsfaktoren. Die grösste ist nach dem Leiter der Taskforce dabei der Mensch. Die Szenarien beruhen auf einem Index, der festhält, zu wie vielen Infektionen es in der Vergangenheit gekommen ist bei einer ähnlichen Situation der Eindämmungsmassnahmen. «Falls die Menschen aber vorsichtig sind, nicht alle Möglichkeiten zu Kontakten ausnutzen und sich gut schützen, dann gibt es weniger Ansteckungen.» Und das sei natürlich erfreulich.

Auch Ende April noch ein Wachstum vorausgesagt

Allerdings hat die Taskforce auch am 27. April noch von der Erwartung eines moderaten Wachstums der Epidemie gesprochen. Doch nun zeigt die Kurve nach unten. Diese Aussage habe auf der Schätzung der Reproduktionszahl zu diesem Zeitpunkt und auf der Entwicklung der Fallzahlen beruht. Und diese haben Ende April noch immer leicht zugenommen. Erst seit Ende April sieht man nun eine Tendenz zu einem leichten Rückgang.

Dafür sieht Ackermann mehrere Gründe. Zum einen, hätten die Leute bewusster Situationen vermieden, in denen sie sich anstecken konnten. Dann das Impfen und Testen sowie die steigenden Temperaturen im Laufe des Frühlings, was die Leute ins Freie lockte, wo die Ansteckungsgefahr geringer ist.

Der Vizepräsident der Taskforce, Urs Karrer, verneint heftig, dass die Task Force bewusst Schreckensszenarien verbreite. In der Taskforce stehe natürlich der gesundheitliche Aspekt im Vordergrund und der sei geprägt, von den Erfahrungen im Herbst, als sich die epidemiologische Situation schnell und unerwartet verschlechterte. «Wir haben ein Problem mit dem Präventions-Paradox», sagt Karrer. «Wenn wir es schaffen, eine vorsichtige Strategie zu fördern und sich die dann positiv auswirkt, heisst es, diese Massnahmen waren ja gar nicht nötig. Das ist eine No-Win-Situation. Aber damit können wir leben.»

Die 50-jährigen sind die neue Risikogruppe

Die sinkenden Fallzahlen sind zwar positiv. Weil die Älteren geimpft sind, verlagert sich das Risiko allerdings in tiefere Altersschichten. «Die Risikogruppe ist jetzt zwischen 40 und 60 Jahre alt», sagt Karrer. Die Hälfte der Covid-Patienten in den Spitälern sind unter 65. Das Virus hat sich jetzt auf Ungeimpfte verteilt. Auf jüngere mit Kindern, beruflich aktive mit mehr sozialen Kontakten. Hat diese Altersklasse in der zweiten Welle noch 15 Prozent der Intensivbetten belegt, sind es jetzt 30 Prozent.

Das hat mit der höheren Gefährlichkeit der britischen Variante zu tun, die eine deutlich höhere Sterberate erzeugt als der Urtyp. «Deshalb ist es wichtig, dass wir nun auch jüngere Menschen impfen lassen», sagt Karrer. Martin Ackermann sieht aufgrund des leichten Rückgangs Grund für vorsichtigen Optimismus. Vor allem dank dem Fortschreiten der Impfkampagne und den steigenden Temperaturen.

Er mahnt aber zur Vorsicht. «Die Virenzirkulation ist hoch, und das Risiko eines zusätzlichen Anstiegs besteht nach wie vor. Ich schlage vor, dass wir die Situation ausnutzen, um die Fallzahlen deutlich runterzubringen», sagt der Leiter der Taskforce. Neben den gesundheitlichen Vorteilen machen es tiefere Fallzahlen auch einfacher und günstiger, die Epidemie zu kontrollieren. «Für die vielen Menschen, die sich impfen lassen wollen, wäre eine Ansteckung so kurz vor der Impfung besonders tragisch», sagt Ackermann.

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