Postfinance-CEO: «Kunden, die nicht bereit sind, etwas zu bezahlen und keine zusätzlichen Dienstleistungen nutzen, werden wir nicht vermissen»

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Postfinance-CEO Hansruedi Köng. Bild: Peter Klaunzer / KEYSTONE

Postfinance hat vor zwei Wochen neue Gebühren per 1. Juli angekündigt. Die Kunden haben nicht erfreut reagiert. Was sind die Gründe?

Hansruedi Köng: Der Grund ist ein einfacher: Wir wollen unseren Kundinnen und Kunden die Kosten, die uns für ein Konto entstehen, verursachergerecht verrechnen. Deshalb bieten wir zwei neue Bankpakete an: Ein günstiges Standardpaket für fünf Franken im Monat und ein etwas luxuriöseres Paket für zwölf Franken. Wer zudem Dokumente auf Papier haben will, muss dafür separat bezahlen.

Neu erhalten Vermögende keinen Rabatt mehr.

Für uns ist Vermögen auf einem Sparkonto ein Kostentreiber, kein Ertragsbringer. Deshalb heben wir die rein auf den Kontobetrag geltende Rabattierung auf. Wer aber zusätzliche Dienstleistungen wie etwa unsere Anlagelösungen oder Lebensversicherungen nutzt, erhält nach wie vor einen Rabatt.

Etwas ketzerisch gefragt: Wollen Sie die Sparer loswerden?

Wir wollen niemanden loswerden. Wir sind für alle Kundinnen und Kunden da. Zu fairen und attraktiven, aber kostendeckenden Preisen. Wir können es uns nicht mehr leisten, bei breiten Kundenschichten einfach Geld draufzulegen. Und ein reiner Sparkunde ist nicht kostendeckend.

Bereits Anfang 2019 haben Sie die Gebühren angepasst. Die Kunden verstehen das Hüst und Hott nicht.

Damals herrschten seit vier Jahren Negativzinsen. Nun sind wir bereits im siebten Jahr. In dieser Zeit haben auch die regulatorischen Anforderungen stark zugenommen. Eine Anpassung der Gebühren ist meines Erachtens angezeigt. Schliesslich haben wir in dieser Zeit auch unser Leistungsangebot deutlich ausgebaut.

Laut einer aktuellen Studie der Hochschule Luzern hat Postfinance zwar viele Kundenbeziehungen, bei vielen ist sie aber nur die Zweitbank. Rechnen Sie damit, dass Ihnen nun viele den Rücken kehren?

Es wird sicherlich Kunden geben, die ihre Bankbeziehungen nun konsolidieren. Kunden, die nicht bereit sind, etwas zu bezahlen und auch keine zusätzlichen Dienstleistungen nutzen, werden wir aber nicht vermissen. Und: Dass wir oft Zweitbank sind, hängt auch damit zusammen, dass wir keine Kredite und Hypotheken vergeben dürfen.

Die Marke Postfinance war noch vor ein paar Jahren stark positiv beladen. Nun liest man regelmässig von schrumpfenden Erträgen, höheren Gebühren, Systemproblemen. Hat Postfinance ein Imageproblem?

Das sehe ich ganz anders. Wir betreiben viel Innovation und Marktvergleiche stufen uns nach wie vor als technisch innovativ ein. Unsere Kunden- und Nutzerzahlen sind hoch. Postfinance ist kundenfreundlich. Aber: Wir haben 2,7 Millionen Kunden. Da gibt es immer einzelne Leute, die unzufrieden sind.

Wie zum Beispiel mit der neuen App, die schlechte Bewertungen in den App-Stores erhält.

Mit den schlechten Noten bin ich auf keinen Fall zufrieden. Wir werden die App kontinuierlich verbessern und das Leistungsspektrum ausweiten. Gleichzeitig weisen die Nutzerzahlen darauf hin, dass wir auf dem richtigen Weg sind: Im Monat April hatten wir 700’000 App-User, das sind wesentlich mehr als noch vor drei Monaten.

Die angesprochene Studie zeigt auch, dass die ganz Jungen, die sogenannte Generation Z, nur selten Kunden bei Postfinance sind. Erreichen Sie die Jungen nicht mehr?

Die Jungen sind für uns eine wichtige Kundengruppe. Deshalb bieten wir ihnen verschiedene kostenlose Bankpakete an. Gleichzeitig stellen wir fest, dass junge Kunden affin für Angebote von Neobanken sind. Das ist mit ein Grund, weshalb wir nächste Woche zusammen mit Swissquote «Yuh» lancieren – eine vollkommen neue Digital-Banking-App, losgelöst von unserem bestehenden Angebot. Und auch sonst gibt es Neuerungen.

Welche denn?

Unsere Kundinnen und Kunden können per sofort Apple Pay für ihre Postfinance-Kreditkarte aktivieren. Das haben wir diese Woche eingeführt.

Gute Neuigkeiten zu Postfinance sind rar. Postfinance ist von der «Ertragsperle» zum «Sanierungsfall» geworden.

Postfinance ist kein Sanierungsfall und wird auch kein Sanierungsfall. Das wird häufig falsch kolportiert. Postfinance hat in den letzten 20 Jahren nicht einmal Verluste geschrieben. Es stimmt, wir haben eine Gewinnerosion. Doch auch für das Geschäftsjahr 2020 haben wir eine Dividende in dreistelliger Millionenhöhe an unsere Muttergesellschaft abgeliefert.

Wenn man die negative Ertragsentwicklung sieht, ist man aber schon sehr beunruhigt.

Wir haben in der Vergangenheit Gewinne von über 600 Millionen Franken geschrieben. Die sind in den letzten Jahren auf rund 100 Millionen zurückgegangen. Die Gründe sind altbekannt. Ich bin stolz, dass wir auch jetzt noch – trotz Negativzinsen und Kreditverbot – Gewinne erzielen. Das ist nur möglich, weil wir seit Jahren Gegensteuer geben. Die politischen Rahmenbedingungen und die Zinspolitik der Zentralbanken können wir aber nicht beeinflussen.

Bleiben Sie in der Gewinnzone?

Wir können unter den aktuellen Rahmenbedingungen profitabel arbeiten und bleiben auch über die nächsten Jahre in der Gewinnzone. Ich rechne mit Gewinnen in der Höhe des vergangenen Jahres.

Den Schnauf dürften Sie wohl benötigen. Denn die Aufhebung des Kreditverbots – verbunden mit einer Privatisierung – ist politisch stark umstritten.

Es ist höchst unklar, ob diese Frage jemals gelöst wird. Der Bundesrat versucht, den gordischen Knoten zu lösen. Nun müssen wir warten, was das Parlament zur Botschaft sagen wird.

Bei den anderen Inlandbanken kommt das Projekt jedenfalls nicht gut an.

Diese Kritik ist widersprüchlich. Dass uns die Kantonalbanken, die grösstenteils mit einer expliziten Staatsgarantie ausgestattet sind, vorwerfen, wir würden mit der Rückendeckung des Bundes den Markt verzerren, ist absurd. Postfinance hat keine Staatsgarantie. Die wurde 2017 abgeschafft. Auch dass wir den anderen Inlandbanken im Hypothekarmarkt ein zu grosses Stück des Kuchens wegnehmen würden, ist eine Übertreibung. Der Hypothekarmarkt in der Schweiz ist über 1’000 Milliarden Franken gross – und wächst jährlich mit drei Prozent. Könnten wir Hypotheken anbieten, wäre unser Ziel ein Volumen von fünf Milliarden Franken pro Jahr.

Postfinance gilt als systemrelevant. Eine implizite Staatsgarantie haben Sie doch.

Das trifft nicht zu. Systemrelevant heisst, dass wir zusätzliches Eigenkapital aufbauen müssen. Dadurch müsste im Notfall der Staat eben gerade nicht einspringen. Das besagt das Too-Big-to-fail-Gesetz.

Stichwort Politik: Ausgerechnet der ehemalige SP-Präsident Christian Levrat soll als Postpräsident die Postfinance in die Privatisierung führen. Kommt das gut?

Diese Frage muss der Bundesrat beantworten. Er hat die Botschaft über die Privatisierung von Postfinance formuliert, und er hat Christian Levrat zum Postpräsidenten ernannt. Ich sehe darin nicht zwingend einen Widerspruch.

Hatten Sie schon Kontakt mit ihm?

Nein, noch nicht.

Postfinance deckt einen Grundversorgungsauftrag im Zahlungsverkehr ab. Post-Chef Roberto Cirillo hat mehrfach betont, dass nun geklärt werden muss, wie der bei einer Privatisierung auszusehen hat. Haben Sie da Vorstellungen?

Wenn die Politik einen Grundversorgungsauftrag definiert und an uns übergibt, dann werden wir ihn selbstverständlich erfüllen. Es ist aber wichtig, dass er den Realitäten angepasst wird. Dazu können wir Daten und Fakten sowie das entsprechende Preisschild liefern. Gerade beim bargeldgebundenen Zahlungsverkehr am Postschalter ist die Nutzung enorm zurückgegangen. In Zeiten von Corona sogar noch stärker. Der Bundesrat hat eine Arbeitsgruppe unter Leitung der Aargauer Altständerätin Christine Egerszegi eingesetzt. Sie wird vorschlagen, wie der Grundversorgungsauftrag in Zukunft aussehen soll.

Können Sie den Rückgang im Schalterzahlungsverkehr quantifizieren.

Der durchschnittliche Rückgang liegt bei rund sechs Prozent pro Jahr. Im vergangenen Jahr waren es wegen Corona sogar 15 Prozent.

Sie führen Postfinance seit neun Jahren. Werden Sie die Wende auch noch schaffen?

Die Privatisierungsfrage kann ich nicht beeinflussen. Mein Auftrag ist es, die Eigenwirtschaftlichkeit der Bank zu sichern. Wir haben viel gemacht in den letzten Jahren. Deshalb sind wir nach wie vor in der Gewinnzone. Eine markant höhere Rendite werden wir aber kurzfristig nicht schaffen. Dafür müsste zuerst die Politik die Rahmenbedingungen anpassen.

Die Diskussionen über Kreditverbot liefern bereits unter Ihrem Vorgänger an. Ärgert es Sie, dass diese Frage in über 15 Jahren nicht geklärt wurde?

Ärgern ist das falsche Wort. Ich finde es als Schweizer Staatsbürger einfach sehr bedauerlich, dass eine absehbare Entwicklung sehenden Auges tatenlos in Kauf genommen wurde. Es ist aber kein Weltuntergang, denn Postfinance wird es auch in zehn Jahren noch geben.

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

Im falschen Film

Marc Köster
schrieb am 07.05.2021 13:44
Marcel Schenker sagt genau, wie es vielen Lesern dieses Interviews ergangen sein wird. Die PostFinance ist unter dem Dach des Konzerns Die Schweizerische Post AG ein Betrieb des Schweizer Volkes, und dieses muss sich nicht diesen schnoddrigen Ton gefallen lassen.

Wenn die PostFinance schon für das Geschäftsjahr 2020 eine Dividende in dreistelliger Millionenhöhe an die Schweizerische Post AG abgeliefert hat, darf man sich zum Beispiel schon fragen, warum ihre Kundschaft 162 Millionen an "Spesen" zahlen muss (2,7 Mio Kunden zu je 5 CHF/Mt). Der Kunde meint, damit würden wirklich "Spesen" finanziert. Wenn diese Beiträge jedoch zur Generierung von Gewinn dienen, wird der Zweck dieser Institution falsch verstanden.

Postfinance-Gebühren

Marcel Schenker
schrieb am 07.05.2021 12:03
Die Arroganz von Küng ist wohl kaum zu überbieten. Wie ist das mit dem Service-Public, auf den sich die Post so gerne beruft, vereinbar?
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