«Die Schweiz hatte recht, dass sie sich nichts vorschreiben liess»: Wie effektiv sind die strengen Massnahmen Deutschlands?

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Ab 22 Uhr herrscht in Deutschland Ausgangssperre. Bild: DPA (Düsseldorf, 24. April 2021)

Über die Bilder aus der Schweiz staunt man in Deutschland nicht schlecht: Menschen, die zusammen im Strassencafé oder in grossen Gruppen im Park sitzen. Derweil versinkt Deutschland allmählich in einer Coronadepression: Seit November sind fast überall im Land Cafés, Kinos, Theater dicht, Sport war über Monate grösstenteils nur alleine oder zu zweit erlaubt.

Schulen waren wochenlang in etlichen Bundesländern dicht oder im Wechselunterricht im Betrieb. Und der Einzelhandel darf nur dort getestete und zuvor angemeldete Kundschaft empfangen, wo das Infektionsgeschehen niedrig ist. Im Landkreis Waldshut ist das wegen der gestiegenen Inzidenz aktuell nicht mehr möglich. Und: Millionen Deutsche dürfen sich wegen der Ausgangssperre ab 22 Uhr nicht mehr ohne Grund vor der eigenen Haustüre bewegen.

Vergleicht man die Massnahmen, müsste das Virus in der Schweiz derzeit weit heftiger toben als in Deutschland. Dem ist aber nicht so. Die aktuellsten Coronastatistiken zeigen, dass Deutschland und die Schweiz in Relation zur Bevölkerung in etwa gleich stark von Corona getroffen sind. Die 7-Tages-Inzidenz in Deutschland liegt bei 107,8. In der Schweiz ist sie mit 116,5 nicht wesentlich höher. Sie sinkt in beiden Ländern etwa im Gleichschritt.

Die aktuellsten Coronastatistiken zeigen, dass Deutschland und die Schweiz in Relation zur Bevölkerung in etwa gleich stark von Corona getroffen sind.

Die aktuellsten Coronastatistiken zeigen, dass Deutschland und die Schweiz in Relation zur Bevölkerung in etwa gleich stark von Corona getroffen sind.

«Ski-Streit»: FDP-Mann lobt die Schweiz

Martin Hagen, Fraktionsvorsitzender der FDP im bayerischen Landtag

Martin Hagen, Fraktionsvorsitzender der FDP im bayerischen Landtag

AP/Keystone

Hält Deutschland die harten Massnahmen zu lange aufrecht? War das strikte Vorgehen über Monate vielleicht gar nicht nötig? Ja, meint Martin Hagen, Fraktionsvorsitzender der FDP im bayerischen Landtag und Mitglied im FDP-Bundesvorstand. Das sich in etwa gleich entwickelnde Infektionsgeschehen sei «ein klares Zeichen, dass viele der Massnahmen bei uns überflüssig sind und waren», sagt Hagen. Das Schliessen von Geschäften, Schulen oder das faktische Sportverbot für Gruppen über einen derart langen Zeitraum hätten das Infektionsgeschehen nur gering beeinflusst, die Kollateralschäden für die deutsche Wirtschaft und die mentale Belastung für die Bevölkerung durch den Ewig-Lockdown seien dafür umso grösser. Hagen sagt:

«Die Schweizer sind freiheitsliebender und haben mehr auf Eigenverantwortung gesetzt.»

Der 39-Jährige lobt die Regierung in Bern für ihre Beharrlichkeit im sogenannten «Ski-Streit»: «Die Schweizer Ski-Arenen entwickelten sich nicht zu Pandemietreibern. Die Schweiz hatte recht, dass sie sich von Deutschland nichts vorschreiben liess.» Hagen verweist auf drastische Mittel wie Ausgangssperren, die höchstens einen «minimalen Effekt» zur Reduzierung des Infektionsgeschehens hätten: «Ein Hausarrest für die Bürger, der nichts bringt», moniert er. Dass Medien und Bevölkerung solche Eingriffe kaum kritisiert hätten, habe einen Grund, glaubt der FDP-Politiker:

«Die liberale Mentalität ist in Deutschland weniger ausgeprägt als in der Schweiz, hier gibt es immer noch eine Sehnsucht nach dem Obrigkeitsstaat.»

Was sagt die Wissenschaft dazu? Die bisher grösste Studie zur Effektivität von Coronamassnahmen kommt aus dem «Complexity Science Hub Vienna» in Wien. Eine Forschungsgruppe unter der Leitung des Komplexitätsforschers Peter Klimek hat 6000 Massnahmen aus 79 Staaten miteinander verglichen. Ihr Fazit: Der totale Lockdown ist zur Senkung des Infektionsgeschehens nur mässig effektiv. Deutsch-französische Forscher haben zudem auch einen nur geringen Effekt von Ausgangssperren ermittelt.

Allerdings: Dass die Infektionskurve in Deutschland und der Schweiz trotz unterschiedlicher Massnahmen etwa im Gleichschritt sinkt, hat für den Forscher vor allem einen Grund:

«Der stärkste Treiber in ganz Europa ist die Saisonalität. Der sinkende Trend hat kaum etwas mit der Massnahmensetzung vor Ort zu tun.»

Die Saisonalität sei in Mitteleuropa stärker ausgeprägt als in anderen Regionen der Erde. Dass die Schweiz einen weniger restriktiven Coronakurs gefahren ist, schlug sich dann im Spätherbst und Winter negativ nieder, als die Fallzahlen in der Schweiz zeitweise massiv in die Höhe schnellten.

«Schwierigste Phase haben wir hinter uns»

Der zweite Faktor neben der Saisonalität sei der Impffortschritt, sagt Klimek. «Ich gehe davon aus, dass wir im Hochsommer grosse Schritte zur Normalität machen können.» Dass die Schweiz trotz insgesamt weniger harter Massnahmen und zuletzt mit Öffnungsschritten sinkende Fallzahlen ausweise, «ist schon auffallend», sagt der Forscher. Den Schweizer Weg will er deshalb dennoch nicht als der bessere bezeichnen. Denn das Infektionsgeschehen sei stark regional unterschiedlich. Es spielten auch Faktoren wie Gesundheitskompetenz der Bevölkerung, Mobilität und Infektionslage nach Regionen eine Rolle.

Der 38-Jährige ist zuversichtlich: «Die schwierigste Phase haben wir hinter uns, es kann jetzt schrittweise Öffnungen geben.» Der Unsicherheitsfaktor blieben Virusmutationen. «Wir werden im Herbst sicherlich wieder mehr Dynamik sehen, die man aber vermutlich regional kontrollieren kann. Die Notwendigkeit grossflächiger Lockdowns sehe ich nicht mehr.»

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