Wo die Natur sich selbst überlassen wird: Wieviel «Urwald» braucht der Aargau?

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Naturwaldreservat Säliflue-Wartburg-Heideloch. Hier mit Blick von der Säliflue Richtung Aarburg und Rothrist. Bild: Kanton Aargau/BVU

Die Schweiz ist stolz auf ihren Nationalpark im Kanton Graubünden. Dort darf ein Wald wachsen wie er will. Wenn ein Sturm Bäume umlegt, bleiben diese liegen, verrotten, und bieten dabei vielen Lebewesen willkommenen Lebensraum. Generell wird der Wald in der Schweiz aber seit jeher bewirtschaftet. Und er dient gerade in der Coronakrise noch mehr als bisher als hochgeschätzter Naherholungsraum.

Die Menschen sehnen sich aber nach mehr ursprünglicher Natur. Diesem Bedürfnis kommt Zürich im Sihlwald entgegen, der sich selbst überlassen wird. Im Kanton Thurgau hat Pro Natura jetzt dem Bund Wald abgekauft. Ein 30 Fussballfelder grosses Terrain soll sich in einen Urwald zurückverwandeln können. Das dauert allerdings Jahre bis Jahrzehnte.

Der Kanton Aargau hat 40 Naturwaldreservate

Der Aargau ist in dieser Hinsicht schon lange sehr aktiv. 40 Naturwaldreservate (diese sind je etwa so gross wie das eben erwähnte geplante Reservat im Thurgau) hat er durch Vertragsabschlüsse mit den Waldeigentümern bereits ausscheiden können. Ein Grossteil dieser Reservate liegt in den waldreichen Gebieten des Jura. Grössere Waldflächen zählen aber auch im südlichen Kantonsteil dazu.

Matthias Betsche, Geschäftstführer von Pro Natura Aargau, findet die Naturwaldreservate grossartig. Dank dem kantonalen Naturschutzprogramm Wald und dem Engagement von Waldeigentümerinnen und -eigentümern seien grosse Waldflächen geschützt worden, in denen sich der Wald frei entwickeln könne, so zum Beispiel im Teufelskeller bei Baden.

Pro Natura: langfristig 20 Prozent als Naturwaldreservate

Er will aber noch einen Schritt weiter gehen, und fordert: «Zwanzig Prozent des Schweizer und damit des Aargauer Waldes sollen langfristig als Naturwaldreservate nachhaltig ganz für die Natur gesichert werden.» Inwieweit will die Naturschutzorganisation denn weiter gehen als der Kanton, der ja genau in diese Richtung geht? Im dicht besiedelten Mittelland werde man einen Wald kaum komplett sich selbst überlassen können, räumt Betsche ein: «In den Naturwaldreservaten überlässt man ganze Waldpartien unter Aufsicht für eine gewisse Zeit sich selbst. Der Kanton hat Nutzungsverzichtsverträge über 50 Jahre abgeschlossen.»

50 Jahre seien aber irgendeinmal vorbei: «Wir wollen Wald hingegen kaufen, um diesen nachhaltig ganz der Natur zu übergeben.» Über Generationen hinweg sollen dort die natürlichen Prozesse von Altern, Zerfall und Erneuerung Vorrang haben und der Mensch nicht mehr gestalterisch eingreifen. Nochmals Betsche: «Wir wollen eine gewisse Wildnis zulassen, die irgendwann in der Zukunft durchaus als «kleiner Urwald» gelten kann.»

Schauen, was dort abgeht, müsse man aber trotzdem, denn die Menschen sind mehr als je zuvor im Wald unterwegs: «Der Zutritt zum Wald ist mit wenigen Einschränkungen frei». Pro Natura befürworte aber auch die Holzgewinnung im Rahmen eines naturnahen Waldbaus. Dieser soll einheimische, standortgerechte Baumarten nutzen sowie natürliche Strukturen und Prozesse im Wald fördern. Eine grosse Vielfalt an heimischen Baumarten sei auch die einzig richtige Antwort auf ein sich änderndes Klima. Betsche: «Wald für Ressourcennutzung, als Lebensraum für Fauna und Flora sowie als Naherholungsgebiet: alles hat seine Berechtigung. Das eine schliesst das andere nicht aus.»

Was hält er denn von den Plänen seiner Schwesterorganisation im Thurgau? Auch im Aargau gebe es Pläne beziehungsweise Überlegungen, Wald zu kaufen, sagt Betsche. Denn im Wald und am Waldrand leben fast die Hälfte aller in der Schweiz bekannten Pflanzen, Tiere und Pilze. Pro Natura Aargau setze sich daher mit Schutzgebieten und Förderprojekten für den Wald beziehungsweise die Ansprüche der waldbewohnenden Arten ein.

Pro Natura: Wiedervernässung von Wald zulassen

Diese Arten brauchen zum Beispiel mehr Totholz, mehr Licht oder eine bessere Verbindung mit dem offenen Kulturland. Mit dem Sichern von Naturwaldreservaten möchte Pro Natura Aargau Lebensräume fördern, in welchen viel Totholz steht und natürliche Prozesse ungestört ablaufen können. Weiter sollen insbesondere «wertvolle Feucht- und Nasswaldgesellschaften wiederhergestellt werden».

Warum dies? An nassen Standorten soll die Wiedervernässung von Wald wieder zugelassen werden. Dies sei eine wichtige Massnahme auch im Hinblick auf den fortschreitenden Klimawandels, sagt der Geschäftsführer von Pro Natura. Aktuell ist die Naturschutzorganisation grad dran,ein Projekt für die Renaturierung und Aufwertung seltener Bruchwaldgesellschaften in Wohlen anzugehen.

Wald Aargau: Forderung ist schon übererfüllt

Was hält Theo Kern, Geschäftsführer von WaldAargau, von diesen Plänen? Er verweist auf das Naturschutzprogramm Wald, das im Aargau seit 25 Jahren läuft. Kern: «Fakt ist, dass wir im Aargau bereits einen Acht-Prozentanteil an Totalreservaten haben. In diesen Wäldern wird (abgesehen vom Unterhalt von Waldwegen und Waldstrassen) für 50 Jahre komplett auf Eingriffe verzichtet. Ein urwaldähnlicher Zustand stellt sich so nach und nach ein. Es braucht aber sehr viel Zeit.»

Dazu kämen sieben Prozent Waldstrukturen, in denen die Biodiversität aktiv gefördert wird. Dafür müsse der Mensch eingreifen, etwa um Flächen für Orchideen freizuhalten, die würden sonst einwachsen. Kern: «Zusammengezählt komme ich da heute schon auf einen Anteil von gut 15 Prozent.» Für Kern ist dies der richtige Weg, der auch eine politische Diskussion darüber zulasse, «welchen Wald die Menschen wollen». Auch er sagt, die Wohn- und Waldgebiete seien im dicht bevölkerten Aargau so eng verzahnt, dass es nicht gelingen werde, ein Gebiet wirklich völlig sich selbst zu überlassen, weil man die Menschen nicht vom Wald fernhalten könne. Kern: «Es waren ja noch nie so viele Biker, Spaziergänger und Jogger im Wald unterwegs wie jetzt in der Zeit der Pandemie.»

Theo Kern: Der Aargau ist hier ein Spitzenreiter

Für Kern ist wichtig, die Ansprüche der verschiedenen Interessengruppen – Waldeigentümer die den Wald pflegen, und den natürlichen Rohstoff Holz nutzen wollen, Bevölkerung und Naturschutzverbände – unter einen Hut zu bringen. Für Theo Kern ist der Aargau mit seiner Politik bezüglich Biodiversität und Waldreservate «ein Spitzenreiter in der Schweiz». Die heute weit geschätzten Waldbilder seien das Ergebnis einer aktiven Waldbewirtschaftung. Der Wald verändere sich nicht von heute auf morgen. Die Mischwälder nehmen zu, die Fichtenbestände nehmen ab und die natürliche Verjüngung habe heute ein Niveau von fast 90 Prozent erreicht. «Wir sind auf dem richtigen Weg, der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.» 

Kern kennt auch im Aargau schon «mehrere märchenhaft anmutende Wälder mit bewachsenem Totholz, wo man sich wie in einem Urwald wähnen kann».

Schon viele Verträge für einen 50-jährige Nutzungsverzicht

In der Schweiz gebe es heute praktisch keinen wirklichen Urwald mehr, konstatiert der kantonale Waldchef Fabian Dietiker: «Wohl alle Wälder sind einmal bewirtschaftet worden, selbst im Amazonasgebiet im Regenwald findet man Spuren davon.» Im Aargau habe man im Rahmen des Naturschutzprogramms Wald aber bereits viele Verträge mit Waldbesitzern für einen 50jährigen Nutzungsverzicht für Naturwaldreservate geschlossen: «Ich hoffe natürlich, dass diese Verträge dereinst verlängert werden.»

Nur jeder hundertste Baum im Aargau ist über 120-jährig

Es dauere aber sehr lange, bis aus einem bewirtschafteten Stück Wald wieder ein richtiger Naturwald wird. Dietiker gibt zu bedenken, dass als Folge der Bewirtschaftung bloss jeder hundertste Baum im Aargau älter als 120 Jahre alt ist. Gemäss der Waldpolitik 2020 des Bundes sollen bis 2030 auf 10 Prozent der Waldfläche Waldreservate eingerichtet werden, sagt Dietiker: «Daran arbeiten wir.»

Bereits Vereinbarungen über 3000 Hektaren Waldfläche

Aktuell gibt es bereits Vereinbarungen für Nutzungsverzicht auf über 3000 Hektaren Waldfläche. Daraus werden Waldreservate. Dazu über 200 km Waldrandaufwertungen, fast 3700 Hektaren Eichenwälder und rund 1300 Hektaren Spezialreservate. Letztere sind zum Beispiel Föhrenwälder, in denen jährlich einmal gemäht wird, damit dort Orchideen blühen können.

Alles zusammengenommen werden bereits über 8200 Hektaren für die Biodiversität bewirtschaftet, «das sind aktuell 16,7 Prozent der Waldfläche. Wir kommen dem Ziel des Bundes dank vielen Waldeigentümern, die da mitmachen, schon recht nahe», sagt Dietiker. Wenn Pro Natura einen Schritt weitergeht, und Waldfläche kauft, um sie dauerhaft der Natur zurückzugeben, «dann begrüssen wir das selbstverständlich».

Verträge nicht grad für die fichtenreichsten Bestände

Natürlich gebe es bei Waldeigentümern auch Ängste, etwa, dass sich in einem Naturwald der Borkenkäfer ausbreiten könnte. Dietiker: «Wir machen solche Verträge natürlich nicht grad für die fichtenreichsten Waldbestände, da diese am stärksten auf den Borkenkäfer anfällig sind.»

Man hat aber auch schon käferbefallene Stämme entrindet (und so dem Käfer die Lebensgrundlage genommen), die Stämme dann als Totholz zum Vermodern liegen lassen. Auch greift man bei Sicherheitsproblemen ein, etwa wenn ein Baum auf eine Waldstrasse fällt oder ein vom Sturm gefällter Baum eine hohe Spannung aufweist und Spaziergänger gefährden könnte. Irgendwann, schliesst der kantonale Waldchef, «nähern wir uns dann in solchen Gebieten tatsächlich einem urwaldähnlichen Zustand, beispielhaft zu sehen ist diese Entwicklung im Waldgebiet ‹Teufelskeller› in Baden.»

 

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