«Ich lasse ein wenig die Hosen runter»: Der Ur-Aarauer Tierarzt Andres Brändli publiziert eine aussergewöhnlich ehrliche Biografie

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Markenzeichen rotes Gilet: Andres Brändli (l.) mit Autor Tommy Dätwyler auf dem Dach des «Laurenzi»-Hochhauses. Der Titel seiner Biografie lautet: «Alles oder lieber noch viel mehr». Bild: Urs Helbling

Er war über ein Jahrzehnt Tierarzt in Kölliken. «Nutztierpraktiker», wie er es nennt. Dann war er 1990 Mitgründer der Tierklinik Aarau-West in Oberentfelden, der heute grössten Tierklinik in der Schweiz. 1993 wirkte er an vorderster Front mit, als in Seon das Tierkrematorium entstand. Eine Pionierleistung, deren Überleben er phasenweise als Alleinaktionär sicherte.

Es folgten Aktivitäten als Investor im Immobilien- und Gastronomie-Bereich. Zuletzt bei der Wiedereröffnung der «Burestube» in Buchs. Alleine die berufliche Karriere von Andres «Res» Brändli (74) ist äusserst vielfältig. Noch viel vielfältiger ist aber sein Leben. Ewiger Pfader («Schlamp»), Glockenspieler (mit Kurt Brogli), Sprengmeister (mit eidgenössischem «Sprengbrevet A»), Hobby-Holzer (eigener Wald an der Wasserfluh), heimlicher Tunnel-Wanderer, Steinbildhauer, Initiant des Bahnhof-Klaviers, Motor der «Aarauer Güselwehr».

Als ob das nicht schon genug wäre, hat Brändli jetzt einen obendrauf gesetzt: Er hat ein Buch über sich selber, eine Biografie, schreiben lassen. Und auch dabei überrascht er. Andres Brändli verrät Intimes, wie man es auch im modernen Aarau von einem Vertreter seiner Generation kaum kennt.

«Ich komme mit Männern ‹besser zrank› als mit Frauen»

«Ich lasse in diesem Buch ein wenig die Hosen unter», erklärt Brändli, der Mann mit dem roten Gilet. Und fügt an:«Ich bin relativ ehrlich.» Etwa wenn er über seine Beziehung zu Susanna, einer Aarauer Uhrmachertochter, schreibt. Seiner Frau, die er 1973 heiratete («Eine Liebesheirat»), mit der er aber nie Kinder hatte. Er sagt von sich zur Kinderfrage: «Zu real war die Angst, meine eigenen Ansprüche als Vater nicht erfüllen zu können.»

Es ist mehrfach die Rede von Spannungen. Und in der Biografie kommt auch sie zu Wort. Sie schreibt: «Getrieben von einer inneren Unruhe lässt er sich von niemandem einengen.» Und: «Er passt in keine Schublade. Das macht das Leben mit ihm abwechslungsreich und farbig.» Aber: «Es ist ein Vorteil, nicht ständig im selben Haushalt zu leben.»

Die Brändlis haben seit 2003 eine Mietwohnung im 9. Stock des Hochhauses an der Laurenzenvorstadt. Das Haus in Kölliken haben sie verkauft – auch weil sie im Gefolge eines missglückten Engagements in ein französisches Tourismusprojekt flüssiges Geld nötig hatten. Res Brändli war, so Genfer Richter, «unendlich naiv». Es braucht Mut, so etwas in einer Biografie schreiben zu lassen.

Mut brauchte es auch für das, was Brändli im Kapitel «Erotik, ein geheimnisvolles Faszinosum» erzählt. Die Kernaussagen: «Es war und ist so, dass ich mit Männern ‹besser zrank› komme als mit Frauen.» Und: «Mich faszinieren noch heute beide Geschlechter. Ich bin froh, dass ich je länger je weniger ein Geheimnis daraus machen muss.»

«Ich wollte festgehalten haben, wie mein Leben gelaufen ist»

Wie ist die Biografie «Alles oder lieber noch viel mehr» entstanden? In einem vierjährigen Prozess. «Wir hatten zeitweise Spannungen», erklärt Tommy Dätwyler (60), der als Autor einer Mischung von journalistischer Arbeit und Erzählungen des Porträtierten geschaffen hat. Ergänzt wird sie durch 19 Statements («Analysen aus anderer Warte») von Bezugspersonen von Andres Brändli.

Der Porträtierte selber, so erklärt Dätwyler, habe im Entstehungsprozess des Buches bei verschiedenen Themen «auch Abschied genommen von der vornehmen Distanz». Und warum hat es Brändli überhaupt gemacht? «Ich wollte festgehalten haben, wie mein Leben gelaufen ist.» Und: «Das Persönliche, das Authentische ist dank des gegenseitigen Vertrauens zu Tommy Dätwyler möglich geworden.»

Der Journalist und Lehrer (wohnt heute in Gränichen) und der Tierarzt kennen sich vom gemeinsamen Engagement im damaligen Kulturverein «Späktrum». Das Buch ist jetzt erschienen, eine Vernissage in Planung – wegen Corona aber schwierig.

Das sechste Kind einer bestbürgerlichen Arztfamilie

Im Verlagstext ist die Rede vom Wandel Brändlis von einem karrierebewussten Tierarzt und Oberleutnant der Schweizer Armee hin zu einem Dienstleister an der Gesellschaft und sozialkritischen Denker. Begonnen hat sein Leben unter, wie der Autor schreibt, «wirtschaftlich formidablen Voraussetzungen».

Andres Brändli ist am 18. März 1947 als sechstes Kind der Arztfamilie Syndey und Gertrud Brändli geboren worden. Er wuchs in bestbürgerlichem Milieu an der Bachstrasse auf. Man hatte im Haushalt einen Stab von Mitarbeiterinnen und ein eigenes Ferienhaus im Tessin. Der Vater war, so schreibt Andres Brändli, «der Chef», die Familie der «Schmuck des Oberhauptes». Und Papa hatte ein «Migros-Verbot» erlassen. Geprägt von seiner Jugend schreibt Andres Brändli heute: «Je älter ich wurde, desto mehr ist mir die Einsicht gewachsen, dass man nur Erfolg haben kann, wenn man bereit ist zu teilen.»

Wie er das heute macht, wird im unterhaltend geschriebenen Buch aufgezeigt. Das Werk schildert nicht nur eine spannende Lebensgeschichte, sondern zeigt auch viel auf über das Leben in Aarau und seiner Umgebung – gesehen von einem Tierarzt, der nicht nur Grenzen gesprengt, sondern auch immer wieder Glück gehabt hat.

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