Trotz Defizit und Kurzarbeit: Die Chefs der SRG lassen sich hohe Boni auszahlen – Politikerinnen und Politiker sind empört

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Leistung mässig, Lohn hoch: SRF-Direktorin Nathalie Wappler, SRG-Generaldirektor Gilles Marchand. Bild: Severin Bigler, Britta Gut

Es gibt Politiker, welche die SRG so gut wie immer verteidigen. Wird der öffentliche Rundfunk kritisiert, streichen sie sofort den Wert elektronischer Medien heraus, die dem Service public verpflichtet sind. Diesmal hört man solche Argumente aber nicht. Jetzt reicht der Ärger in alle politischen Lager. Unterschiedlich ist nur die Intensität des Unmuts.

Den Grund für die Empörung findet man auf der Seite 130 des Geschäftsberichts, den die SRG gerade publiziert hat. Die Vergütung der SRG-Geschäftsleitung ist dort aufgelistet.

Es fällt auf: Die Boni sind nahezu gleich hoch angesetzt wie im Vorjahr. SRG-Direktor Gilles Marchand verdiente insgesamt 533'000 Franken, 1000 Franken weniger als im Jahr 2019. Die sieben anderen Mitglieder der Geschäftsleitung erhielten im Durchschnitt 390'000 Franken. Weil Nathalie Wappler, die Direktorin von Schweizer Radio und Fernsehen, eine grosse Unternehmenseinheit führt, liegt ihr Lohn höher. Sie dürfte 2020 rund 450'000 Franken bekommen haben, so viel wie ein Bundesrat.

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Kurzarbeit trotz fehlendem unternehmerischen Risiko

Für 600 ihrer rund 6000 Mitarbeiter bezog die SRG im Jahr 2020 Kurzarbeitgelder. Diese Massnahme war umstritten. Der Arbeitgeberverband, der Gewerkschaftsbund, der Gewerbeverband und auch das Staatssekretariat für Wirtschaft vertraten die Ansicht, dass staatsnahe Betriebe keine Kurzarbeit beantragen sollten. Ihnen droht anders als privaten Unternehmen in einer schweren Krise nicht der Konkurs. Der SRG sind pro Jahr 1,25 Milliarden Franken aus der Haushaltabgabe garantiert.

Auch Angestellte staatsnaher Betriebe zahlen Beiträge in die Arbeitslosenversicherung ein – so verteidigte sich die SRG. Ihre Anträge auf Kurzarbeit wurden schliesslich bewilligt.

Trotzdem schloss der öffentliche Rundfunk das Jahr mit einem Defizit von 13 Millionen Franken ab. Die SRG sorgte mehrmals für Negativschlagzeilen: Generaldirektor Gilles Marchand wurde von der Belästigungsaffäre in Genf eingeholt. Sie ist noch nicht ausgestanden; ein zweiter Bericht könnte im Juni weitere Verfehlungen von Kaderleuten beim Westschweizer Fernsehen an den Tag bringen. Das Schweizer Fernsehen kämpft derweil mit der diffizilen Technologie in seinen neuen Studios. 400'000 Franken muss SRF pro Monat für die Reparatur aufbringen. Diese Peinlichkeit führte den Präsidenten der Mitte, Gerhard Pfister, zur Einschätzung, dass SRF «ein Saftladen» sei.

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Gilles Marchand und die SRG wurden von Gerhard Pfister, dem Präsidenten der Mitte, gerügt. Bild: Britta Gut

 

Der Marktanteil des Schweizer Fernsehens sank im vergangenen Jahr auf 30,7 Prozent (Vorjahr 31,5 Prozent), trotz dem hohen Interesse des Publikums an Berichten über die Coronakrise. Am Leutschenbach verweist man auf die Olympischen Sommerspiele und die Fussball-Europameisterschaft, die beide verschoben wurden und damit als Quotengaranten ausfielen. Weil die Werbeeinnahmen einbrechen, setzt die SRG zurzeit ein Sparprogramm um, das den Abbau von 250 Stellen vorsieht.

Es war also kein gutes Jahr, abgesehen vielleicht von der Lancierung der Streaming-Plattform Play Suisse. Warum sind die Leistungsanteile an den Löhnen des SRG-Kaders gleich hoch wie 2019? SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher erklärt, als systemrelevantes Service-public-Unternehmen habe die SRG eine Vorbildfunktion. Deshalb wäre es angebracht, dass auch die SRG-Geschäftsleitung 2020 ihren Teil zum Sparprogramm beitrage, indem sie auf einen angemessenen variablen Lohnanteil verzichte. Die SBB als Systemführer im Schienenverkehr hätten es vorgemacht: Das oberste Kader einschliesslich der Konzernleitung verzichte auf rund zehn Prozent der variablen Lohnanteile.

«Führungsriege der SRG versteht Tragweite der Krise nicht»

Die Mediengewerkschaft SSM kommt zum gleichen Schluss wie Nationalrätin Graf-Litscher, wählt aber schärfere Worte. Generalsekretär Jérôme Hayoz meint, ein Verzicht auf einen Teil der variablen Lohnbestandteile – wie das bei den SBB erfolgt sei – wäre das Mindeste gewesen, was die SRG-Führung hätte machen können. «Der Status quo ist das Zeugnis einer Führungsriege, welche die Tragweite der aktuellen Her­ausforderungen und Krisen immer noch nicht verstanden hat. Dass die Boni weiterhin so üppig fliessen, ist auch ein Schlag ins Gesicht all derer, die in den letzten Jahren entlassen wurden oder die am Arbeitsplatz wegen des Stellenabbaus höherem Druck ausgesetzt sind», sagt Hayoz.

Auch die Angestellten erhalten einen Bonus: 200 Franken

SVP-Nationalrat Gregor Rutz bezeichnet die Höhe der Lohnzahlungen als «völlig überrissen». Erstens stehe die SRG nicht im privatwirtschaftlichen Wettbewerb, habe gesicherte Einnahmen und trage kaum ein unternehmerisches Risiko. Zweitens sei es unbegreiflich, warum in einem Krisenjahr die Mitglieder der Unternehmensleitung Boni in gleicher Höhe bezögen wie im Vorjahr. Drittens müssten in einem staatlichen Unternehmen mit Grundversorgungsauftrag Bonus-Zahlungen generell überdacht werden.

Mitte-Nationalrat Martin Candinas ist anders als Gregor Rutz nicht als SRG-Kritiker bekannt. Nun sagt Candinas: «Die Geschäftsleitung der SRG hat eine Chance verpasst. Im Coronajahr hätte sie mehr Demut und Bescheidenheit zeigen sollen.»

Zu intervenieren, sei aber sicher nicht Aufgabe der Politik, sondern des SRG-Verwaltungsrats, findet Candinas.

Der Sprecher der SRG, Edi Estermann, betont, dass die variable Lohnkomponente an individuelle Ziele geknüpft sei und nicht an Unternehmenskennzahlen wie Gewinn, Quote oder anderem. Das Jahresergebnis 2020 der SRG sei durch notwendige Restrukturierungskosten belastet worden. «Da die SRG kein gewinnorientiertes Unternehmen ist und bei ihren Abschlüssen eine schwarze Null anstrebt, macht eine Koppelung des variablen Lohnes an das Unternehmensergebnis wenig Sinn.»

Estermann merkt an, dass die Coronapandemie bei vielen Mitarbeitenden und Kadern in der SRG im Jahr 2020 zu ausserordentlichen Belastungen geführt habe. Den Mitarbeitenden sei für das hohe Engagement als Zeichen der Anerkennung Ende 2020 eine Prämie von 200 Franken pro Person ausbezahlt worden. «Eine gleichzeitige Kürzung der variablen Lohnkomponente bei den Kadern wäre ein falsches Signal.»

Umstrittener variabler Lohnanteil

Bei individuellen Zielen droht Willkür – darum räumt die Post jetzt damit auf

Die SRG betont, dass sie an die acht Mitglieder der Geschäftsleitung keinen Bonus entrichte, sondern einen variablen, leistungsabhängigen Lohnanteil. Bei Generaldirektor Gilles Marchand beläuft er sich auf 101000 Franken für das vergangene Jahr, bei den anderen sieben Führungskräften im Durchschnitt auf 73400 Franken.

Die variablen Lohnanteile geben in der Arbeitswelt immer wieder zu reden. Antoinette Weibel, Professorin für Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen, erklärt, dass variable Lohnanteile ursprünglich bei Fabrikarbeitern eingeführt worden seien. Bei ihnen sei es leicht, zu messen, ob jemand mehr geleistet habe als ein anderer. «Je höhrer die Kaderstufe, desto schwieriger wird es, die Kriterien für die variablen Lohnanteile festzulegen. Oft trifft man darum individuelle Zielvereinbarungen.»

Gründe für die Erfüllung der eigenen Ziele finden sich immer

Auf die SRG trifft die Beobachtung der Arbeitsspezialistin zu: Es gelten individuelle Zielvereinbarungen, die weitgehend losgelöst sind vom Unternehmensgang. Das birgt die Gefahr der Willkür. Ein Kadermitarbeiter wird zum Beispiel für die Umsetzung eines Projekts belohnt, das bereits geplant war. Er hat damit keine besondere Leistung erbracht – vielmehr soll sichergestellt werden, dass der variable Lohnanteil in jedem Fall fliesst.

Die Post verabschiedet sich nun von variablen Lohnanteilen, die an individuellen Zielen ausgerichtet sind. Im Vordergrund steht die kollektive Leistung der gesamten Organisation. «Diese neue Art der Vergütung fördert die intrinsische Motivation der Kadermitarbeitenden», sagt Post-Sprecherin Léa Wertheimer. Zugleich senkt die Post den variablen Lohnanteil; sie erhöht dafür den Fixlohn.

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