Stadtammann Hottiger blickt zurück: «Ich wünschte mir mutigere Menschen»

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Der Zofinger Stadtammann Hans-Ruedi Hottiger ist bereits am Räumen seines Büros. Bild: Martin Zürcher

Herr Hottiger, die Stadtratswahlen liegen nun rund einen Monat zurück. Ich bin auf Ihre Analyse gespannt.

Ich habe mir vorgenommen, mich auf die Jobs zu konzentrieren, die ich nach meinem Rücktritt weitermachen darf. Ich möchte dem neuen Stadtrat die Möglichkeit geben, sich so zusammenzusetzen und so zu starten, wie er das für richtig hält. Da will ich nicht dreinreden und kommentieren, was gut ist und was nicht. Was man sagen kann: Es ist sicher schlecht, dass die SVP im Stadtrat nicht vertreten ist. Das macht die Rolle der Partei im Parlament schwierig, auch darum, weil ihr nicht direkt alle Informationen aus der Exekutive vorliegen. Es macht auf der anderen Seite auch die Arbeit der Exekutive schwierig.

Die Vorlage fünf statt sieben Stadträte ist gescheitert. Aus Ihrer Sicht: Wäre es nach wie vor gut, wenn im Stadtrat zwei vollamtliche Politiker sässen?

Ja, die letzten paar Monate haben uns gezeigt, dass es eine sehr gute Idee wäre. Die Anforderungen an ein Miliz-Mitglied eines Stadtrats sind in der Pandemie, aber auch unter dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck und unter den aggressiver werdenden Tönen aus der Bevölkerung noch einmal gestiegen. Ich bewundere all diese Milizler, die wir haben. Wie die sich die Zeit stehlen müssen zwischen Amt und Beruf, der ebenfalls hohe Anforderungen stellt. Deshalb fände ich es ehrlicher, wenn man mit zwei Profis arbeiten würde.

Welche Mandate werden Sie nach Ihrem Rücktritt behalten?

Ich bleibe Verwaltungsratspräsident der StWZ Energie AG, dann bin ich Verwaltungsrat bei Swisspower, das ist der Zusammenschluss der Schweizer Stadtwerke, hier vor allem als Marketing- und Kommunikationsspezialist. Dann haben wir neu die Weiterbildung AG Zofingen etabliert, bei der ich das VR-Präsidium übernommen habe, gleichzeitig bin ich neu wieder Präsident des Schulvorstands.

Die Arbeit wird Ihnen nicht ausgehen.

Nein, das nicht. Aber sagen wir es so: Das Hamsterrad des Alltagsgeschäfts wird sich schon langsamer drehen.

Was sind Ihre zentralen Lehren aus 15 Monaten Pandemie?

Eigentlich sind es zwei Erkenntnisse. Erstens: Es kann alles eintreten, auch das, was niemand auf der Risikomatrix hatte. So etwas ist eingetreten und hat die letzten zwei Jahre die ganze Welt geprägt. Das Zweite: Dass man noch mehr versucht, über die Nasenspitze hinauszuschauen, und Vorkehrungen trifft für verschiedenste Situationen, die eintreten könnten – und klare Vorstellungen hat, wie sich etwas entwickeln könnte. Wir müssen uns schon jetzt Gedanken machen, was passiert, wenn die Folgen dieser Pandemie voll durchschlagen.

Sie meinen vor allem mehr Sozialhilfeausgaben und weniger Steuereinnahmen?

Richtig. Ich hoffe, dass es bei den Steuereinnahmen nicht ganz so heftig durchschlägt. Aber ich bin überzeugt, dass es bei der Sozialhilfe sehr stark einschenken wird. Darum ist es wichtig, dass Tagesstrukturen für jene Menschen geschaffen werden, die aus dem Arbeitsprozess fallen; dass man diesen Menschen sinnvolle Tätigkeiten gibt, damit sie ihr Selbstvertrauen behalten können.

Sie kommen gerade aus einer Videokonferenz. Hat die Pandemie die Digitalisierung tatsächlich turbomässig vorangetrieben?

Das ist eine der grossen Errungenschaften dieser Pandemie. Vorher haben sich alle die «Digitalisierung» in ihre Legislaturprogramme geschrieben. Vorangetrieben wurde sie dann nur schleichend. Jetzt ging alles plötzlich sehr schnell. Unsere Mitarbeitenden haben hier in der Verwaltung wirklich einen super Job gemacht. Bürgerinnen und Bürger können Dinge von zu Hause aus erledigen, ohne vorbeikommen zu müssen. Ohne den Druck der Pandemie wären wir nicht halb so weit gekommen.

Auf welche Leistung sind Sie besonders stolz?

Dass wir einerseits die finanzielle Situation der Stadt auf einem recht hohen Niveau stabilisieren und andererseits die Verwaltung professionalisieren konnten.

Was bereuen Sie?

Dass wir die Fusion mit Uerkheim nicht geschafft haben, weil wir, in meinen Augen, die Kommunikation unterschätzt haben. Ich bereue grundsätzlich, dass wir strukturell und organisatorisch in der Region nicht mehr erreicht haben. Also: eine intensivere Zusammenarbeit und bessere Vernetzung unter den Gemeinden. Wir geben in meinen Augen immer noch zu viel Geld aus für Strukturerhaltung. Ich wünschte mir, dass die Menschen etwas mutiger sind.

Was für den neuen Stadtrat nicht einfach wird: Sie sind ein «animal politique» mit kommunikativem Geschick. Es wird nicht einfach sein, diese Lücke zu füllen.

Ich bin überzeugt, dass man an der Erfahrung wachsen kann. Wichtig ist auch, dass man gerade in der Kommunikation bereit ist, sich zu hinterfragen. Ich habe beispielsweise Videotraining gemacht, um zu sehen, wie ich auftrete.

Man darf nicht beratungsresistent sein.

Genau. Der wichtigste Teil ist, sich selbst zu hinterfragen, Kritik anzunehmen und sich mit dieser Kritik zu ändern. Was ein anderer Aspekt ist: Im Teamsport habe ich gelernt, dass jedes Team eine «Hackordnung» haben muss. Ich bin kein Fan von flachen Hierarchien, das geht nicht. Im Team hat es verschiedene Rollen, eines ist das Alphatier und muss von allen anerkannt werden – und seinen Job so machen, dass es die anderen mitnimmt. Diese Arbeit wird der neue Stadtrat am Anfang wohl leisten müssen, bis man einander so weit vertraut, dass alle wissen, welche Position sie in diesem Team haben.

Was sind die grössten Herausforderungen für Zofingen und dessen Exekutive – abgesehen von den sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie?

Eine Herausforderung wird der Umgang mit dem Wachstum sein. Der Umgang mit den Bauvorhaben, der Umgang mit der Verdichtung und der Umgang mit der Verkehrsbelastung. In einem hohen Haus zu wohnen ist toll, aber der andere nebenan, der in seinem Haus wohnt, findet es nicht so toll. Es wird zukünftig noch schwieriger werden, das Bewusstsein zu wecken, dass wir eine Gesellschaft sind, in der alles enger wird, in der man haushälterisch mit dem Boden umgehen muss – und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch, wenn es einen trifft.

Also der Umgang mit Befürchtungen, Zofingen werde zu einem Klein-Manhattan?

Ja. Das zeigt mir, dass wir eine Auseinandersetzung mit dem Wachstum grundsätzlich angehen müssen. Die Menschen würden böse auf die Welt kommen, wenn wir jedem Wachstum absagen würden. Es fragt sich einfach: Welches Wachstum, in welchem Ausmass und von welcher Qualität.

Die bisherige Siedlungspolitik – Verdichtung, Qualität statt Quantität – gilt es beizubehalten?

Ja. Wir sind bei den Steuereinnahmen gut unterwegs, trotz anhaltender Pandemie, und das Wachstum ist schön moderat. Wir explodieren nicht plötzlich, und das sollten wir beibehalten, aber das braucht Massnahmen, jedes Jahr. Das muss man immer wieder sagen – und es braucht dazu auch unangenehme Positionen.

Beim Seniorenzentrum gab es in den letzten Monaten wieder Negativ-Schlagzeilen. Weshalb ist es nicht gelungen, Ruhe und Stabilität hineinzubringen?

Uns ist es nicht wirklich gelungen, die Governance so auszugestalten, dass ein betriebswirtschaftlich erfolgreiches Wirken da ist. Von der pflegerischen Qualität her – und das möchte ich wirklich betonen – hat das Seniorenzentrum immer geliefert. Wir haben dort eine hohe Betreuungsqualität, aber der grosse Spagat in einem Seniorenzentrum ist es, eine hohe Betreuungsqualität mit einer familiären Atmosphäre zu bieten – und trotzdem die Finanzen im Griff zu haben. Da muss man sicher in den nächsten Jahren überlegen, ob die Rechtsform, die wir jetzt haben, noch die richtige ist. Oder ob es nicht eine professionellere strategische Führung braucht.

Was man schon versucht hat, aber nicht gelungen ist.

Wenn man schaut, wie erfolgreich wir mit der StWZ unterwegs sind als AG, dann wäre das sicher ein Modell. Ich bin zudem überzeugt, dass wir nach ein wenig Startwirren auch mit der Spitex AG erfolgreich sein werden.

Wie beurteilen Sie die Leistungen des Einwohnerrats?

Ich habe den Eindruck, wir haben sehr viele engagierte Personen im Einwohnerrat. Wo ich grössere Schwankungen spürte, war bei der Performance der sehr wichtigen Finanz- und Geschäftsprüfungskommission. Ich wusste nie so recht: Wer hat jetzt welche Rolle innerhalb des Teams? Das habe ich manchmal kritisiert. Ich habe weniger die Personen kritisiert, sondern den Prozess: Welche Rolle haben die einzelnen Mitglieder – auch in der Vermittlung der Dossiers, die sie in die Fraktionen tragen.

Das ist eine erneute Kritik an der Rolle des Präsidenten. Sie haben das schon während der letzten Sitzung des Einwohnerrats getan.

Nicht unbedingt nur an ihm. Es hat dort sehr routinierte Mitglieder, von denen ich ebenfalls erwartet hätte, dass sie da mehr getan hätten.

Wird es Ihnen schwerfallen, Ende Jahr das Büro zu räumen?

Nein, ich habe jetzt schon angefangen, denn es hat sich einiges angesammelt. Ich freue mich, dass ich einige unternehmerische Tätigkeiten weiterführen darf. Das ist das, was mir schon immer Spass gemacht hat – neben der Arbeit mit der Verwaltung. Aber die politischen Ränkespiele, das merke ich, die werde ich keinen Moment vermissen.

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