Agrarinitiativen Pro und Contra: Zeit für ein extremes Umdenken – oder Anliegen schon erfüllt?

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Marco Vonmoos hat sich auf die Zucht von Bio-Sprossensamen spezialisiert.  Bild: zvg

Die Gegner bezeichnen die Trinkwasser-Initiative und die Initiative fürs Pestizidverbot als «extrem». Warum sind Sie als Biobauer dennoch dafür, sind Sie ein Extremist?

Marco Vonmoos: Wenn wir uns vor Augen führen, dass in der Muttermilch einer Frau Pflanzenschutzmittel mitschwimmen, ein grosser Teil der Insektenmasse – und mit ihnen viele unserer Singvögel – keine Nahrung mehr findet, über eine Million Menschen in der Schweiz Wasser trinken, das mit Pestiziden über dem Grenzwert belastet ist, 1000 Tonnen Import-Futtermittel täglich aus dem Ausland an unsere Nutztiere verfüttert werden und dadurch so viel Gülle entsteht, dass unsere Seen noch immer belüftet werden müssen, so viel Antibiotika durch die intensive Tierhaltung eingesetzt wird und dadurch Antibiotika-resistente Bakterien unsere Gesundheit gefährden, so frage ich mich schon, ob es nicht an der Zeit ist, jetzt eben deutlich und meinetwegen «extrem» umzudenken.

Gewisse Biobauern sind für das Pestizidverbot und gegen die Trinkwasser-Initiative. Wie sehen Sie das?

Man hat die Bauern zum Teil bewusst falsch informiert. Vor allem in dem Punkt bei der Trinkwasser-Initiative sei hofübergreifender Futteraustausch nicht mehr erlaubt. Dies stimmt so nicht und sorgte für Verwirrung. Das ist immer schlecht für eine Initiative. Die Taktik der mächtigen Gegner ist aufgegangen. Den Initianten geht es darum, in der Schweiz als Ganzes ein Gleichgewicht zwischen Tierzahl und Futterfläche zu erzielen. Der Bundesrat hat am 14. Dezember 2018 bestätigt, dass Betriebsgemeinschaften zum Futteraustausch selbstverständlich erlaubt sind. Leider kommuniziert der Bauernverband jetzt das Gegenteil. Dies ist irreführend für die Stimmbevölkerung und die Landwirte!

Was wären aus Ihrer Sicht die positiven Konsequenzen, wenn die Initiativen angenommen würden?

Die Landwirtschaft bekommt die Chance, zu lernen, gesunde Lebensmittel hervorzubringen, die im Einklang mit der Natur stehen und uns gesund erhalten. Es werden noch mehr Lösungen gefunden wie neue, widerstandsfähige, robuste Sorten, die ohne den Einsatz von synthetischen Pflanzengiften auskommen. Im Moment werden gegen Insekten noch Nervengifte, gegen Pilze Fungizide und gegen Beikräuter Herbizide und – damit das Getreide nicht zu hoch wächst – Halmverkürzer gespritzt. Genau diese Stoffe finden wir in unserem Trinkwasser und Essen wieder. Der «Kampf und Krieg auf unseren Äckern» darf aufhören. Es wird ein hohes Verständnis für die Zusammenhänge in der Natur erforderlich sein, da nicht einfach zur Giftkeule gegriffen werden kann, um die anderen Mitlebewesen zu vergiften. Alle Bio-Landwirte beweisen es tagtäglich, dass dies bereits heute sehr gut anders möglich ist.

Die Trinkwasserinitiative will neben Pestiziden auch Stoffe verbieten, die im Biolandbau erlaubt sind wie Verbindungen aus Kupfer im Weinbau. Finden Sie das als Biobauer nicht problematisch?

Selbstverständlich, auch im Biolandbau sind wir noch lange nicht am Ziel. Aber es gibt schöne Beispiele wie das Weingut Lenz in der Nähe von Frauenfeld, das Pilz-resistente Trauben züchtet. Deshalb sind die acht bis zehn Jahre Umsetzungsfrist nötig, um saftige, schmackhafte, von Natur aus starke Pflanzen und Früchte zu finden und zu kultivieren. Wir werden staunen, was da noch alles möglich wird.

Ist es sinnvoll, die Umweltbelastung wegen eventuell nötig werdender Lebensmittelimporte ins Ausland zu verlagern?

Nein, überhaupt nicht. Es ist aber vor allem die Herstellung von tierischem Eiweiss, die diese horrenden Importe erst nötig machen. Vielleicht wäre zum Beispiel der Sonntagsbraten – wie früher – fürs Klima und unsere Gesundheit ein zu überlegender Ansatz und würde die Importe erst gar nicht nötig machen.

Warum, glauben Sie, bewegt dieser Abstimmungskampf dermassen?

Was ich erkennen kann, sind es vor allem konventionelle Landwirte, die sich gegen die längst überfällige Veränderung sträuben. Wer mag schon Veränderung? Aber bei vielen Nichtlandwirten, und das sind zirka 96 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz, dämmert es gewaltig. Das wird auch nicht aufhören. Vielleicht sehen wir hier einmal mehr, dass ein Baum, der fällt, mehr Lärm macht als ein Wald, der wächst.

Wie sähe eine ideale Landwirtschaft für Sie aus?

Ich habe einen Traum … Nämlich, dass die Landwirtschaft zu einem freudigen Dialog von Natur, Tier und Mensch werden darf und nicht ein Diktat und eine Abhängigkeit von Grosskonzernen mit ihren chemischen Pflanzenschutz- und Kunstdüngermitteln und artfremden Massentierhaltungen. Die Rationalität durch uns Männer wurde übertrieben. Viele frohe Menschen dürfen in die Landwirtschaft zurückfinden und mit ihnen auch die Menschlichkeit. Denn ich habe gesehen und erfahren, dass es möglich ist. Aus diesen Gründen stimme ich zwei Mal Ja.

Zur Person

Marco Vonmoos (41) ist Biobauer. Die Bauernlehre absolvierte er auf einem Demeter-Betrieb. Der Mehlsecker bietet mit seinem 2016 gegründeten Unternehmen 40 verschiedene Sprossensamen aus biologischem Anbau an, die er mit einem von ihm entwickelten System zum Keimen bringen kann. Vonmoos ist zudem Holzbautechniker, Imker und Aktivist einer Umweltschutzorganisation. (ben)

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Franz Joller und seine Familie bewirtschaften den Hof Meiershalden, wo diese Woche Heuete angesagt war. Bild: ben

Herr Joller, «Volksinitiative für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung» und «Volksinitiative für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» tönt positiv und einleuchtend. Aus welchen Gründen sind Sie dennoch dagegen?

Franz Joller: Beide Initiativen fordern einen Weg, der seit Jahren schon erfolgreich beschritten wird. Die Schweizer Landwirtschaft hat in den letzten vier Jahren den Pflanzenschutzmittelverbrauch um 40 Prozent gesenkt und den Antibiotikaverbrauch in den letzten zehn Jahren halbiert. Weiter ist es die Aufgabe der Schweizer Landwirtschaft, die Bevölkerung mit gesunden und qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln zu versorgen. Die beiden Initiativen senken den Selbstversorgungsgrad immens und erhöhen den Import von Nahrungsmitteln, die weder nach solch strengen Richtlinien in Bezug auf Pflanzen- und Tierschutz produziert oder kontrolliert wurden. Die Initiativen sind eine Problemverlagerung ins Ausland und die Umweltbelastung würde ebenfalls verlagert. Nahrungsmittel würden umweltschädlicher produziert und weiter transportiert.

Wie stehen die Bauern und Bäuerinnen im Wiggertal zu den beiden Initiativen?

Grossmehrheitlich sind die Landwirtinnen und Landwirte unserer Region entschieden dagegen.

Was wären aus Ihrer Sicht die negativen Konsequenzen, wenn die Initiativen angenommen würden?

Wie erwähnt, würde der Selbstversorgungsgrad immens sinken und die Initiative würde nur eine Problemverlagerung ins Ausland zur Folge haben. Mir ist es wichtig, dass ich weiss, woher meine Lebensmittel kommen und dass deren Produktion stark kontrolliert wird. Dies geschieht meiner Meinung nach nirgends so streng wie in der Schweiz.

Die Trinkwasser-Initiative knüpft die Direktzahlungen an strengere Bedingungen. Wer keine Steuergelder beansprucht, ist weiterhin frei in seinen Produktions-Methoden. Wo liegt denn das Problem?

Bei der Trinkwasser-Initiative würden tierintensive Betriebe und Betriebe mit dem Schwerpunkt von Spezialkulturen die Produktion unweigerlich ausdehnen und intensivieren. Bei diesen Betrieben machen die Direktzahlungen einen kleinen, aber wichtigen Teil des Einkommens aus. Folglich würden diese Betriebe die Produktion optimieren und maximieren und auf die Direktzahlung verzichten. Eine Studie von Agroscope hat herausgefunden, dass eine Mehrheit der Betriebe auf die Direktzahlungen verzichtet und intensiver produziert. Genau das will ich nicht! Die Gesellschaft fordert eine nachhaltige und ökologische Produktion und dafür stehe ich ein. Schweizer Nutztiere, sprich Geflügel, Schweine und Rindvieh, verwerten Nebenprodukte aus der Nahrungsmittelproduktion. Die Annahme beider Initiativen würde genau diese Veredlung von Produkten, die der Ernährung der Menschen nichts dienen, unterbinden. Mehrere hunderttausend Tonnen Futtermittel müssten ohne Verwendung entsorgt werden, unnötiger Foodwaste entstünde.

Das Verbot von Pestiziden würde vor allem die Milliarden-Industrie treffen, welche diese herstellt. Warum blasen Landwirte ins selbe Horn, sollten sie sich nicht stattdessen für eine intakte Umwelt einsetzen?

Das ist richtig. Im Endeffekt trifft das Verbot aber den Konsumenten. Die Produktesicherheit würde stark darunter leiden. Gängige Reinigungsmittel und Desinfektionsmittel würden verboten. Die Herstellung von Schweizer Rohmilchkäse sehe ich stark gefährdet. Das Wort Pflanzenschutz zeigt die Bedeutung ja schon sehr gut auf; die Pflanze muss vor Schädlingen oder Pilzbefall geschützt werden. Für mich dienen die Mittel zur Sicherung der Ernte und deren Qualität und verringern den Foodwaste. Diesen Frühling mussten etliche Biorapsfelder umgepflügt werden, da Schädlinge die komplette Ernte vernichtet haben.

Warum, glauben Sie, bewegt dieser Abstimmungskampf dermassen?

Die Initiativen sind nicht durchdacht und viel zu extrem. Die Schweiz hat noch nie extreme Pfade eingeschlagen. Eines unserer wichtigsten Erfolgsgeheimnisse ist der stetige Weg der Verbesserung. Die Produktion von pestizidfreien Lebensmitteln verteuert die Nahrungsmittel massiv. Ich weiss nicht, ob sich das eine fünfköpfige Familie mit 6000 Franken monatlichem Nettoeinkommen leisten kann. Weiter werden die WTO-Verpflichtungen nicht eingehalten und die Wahlfreiheit beim Einkauf eingeschränkt. Die Bevölkerung hatte am Anfang noch wenig Kenntnisse von beiden extremen Initiativen. Durch die guten Aufklärungen der Landwirtschaft und der vor- und nachgelagerten Branche sowie mit guter Werbung hat sich die Situation laut Umfragen jetzt für zwei Mal Nein verändert.

Wie sähe eine ideale Landwirtschaft für Sie aus?

Die ideale Landwirtschaft produziert, was der Konsument kauft respektive nachfragt. Da der Landwirt auch gegenüber der Natur eine grosse Verantwortung trägt, produziert er nachhaltig und ökologisch, setzt Pflanzenschutz aufgrund von Schadschwellen ein und achtet auf das Tierwohl. Die Schweizer Landwirtschaft leistet für die Gesellschaft Enormes und ist aus meiner Sicht auf dem idealen Weg. Mit dem Pestizidgesetz, welches in der Frühlingssession beschlossen wurde, werden wichtige Aspekte der beiden Initiativen berücksichtigt und verbindlich umgesetzt.

Zur Person

Franz Joller (61) ist Präsident des Bäuerinnen- und Bauernvereins Wiggertal, der 114 Mitglieder zählt. Er und seine Frau Rita führten 30 Jahre lang den Hof Meiershalden in Richen- thal, den ihr Sohn Beat in dritter Generation seit 2017 weiterführt. Jollers betreiben eine Pouletmast (mit Grillservice), halten Milchkühe und einige Mastschweine. (ben)

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