Minderjährige können in Online-Casinos wochenlang zocken – jetzt wird Kritik laut

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Casinos locken auch junge Leute an, sei es mit Spielautomaten vor Ort oder mit Angeboten im Internet. Bild: Gaetan Bally/Keystone

Schweizer Online-Casinos erlebten 2020 einen Boom. Dies zeigen die Zahlen des Grand Casino Luzern, das letztes Jahr 69 Millionen Franken und damit 70 Prozent der gesamten Spieleinnahmen mit Internetspielen generiert hat. Sechs weitere Casinos, darunter etwa jenes in Pfäffikon, haben letztes Jahr ebenfalls gutes Geld im Internet verdient. Die Schweizer Online-Spielbanken steigerten ihren Ertrag von 23 auf 187 Millionen Franken, wie das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» kürzlich berichtete.

Möglich macht diesen Geldsegen das neue Geldspielgesetz, das vor drei Jahren angenommen wurde: Erst durch diese Gesetzesanpassung erhielten heimische Anbieter entsprechende Lizenzen und ausländische Angebote wurden verboten. Durch die Lancierung der lizenzierten Online-Casinos ist es gelungen, gegen 190 Millionen der zuvor geschätzten illegalen Online-Glücksspielerträge von 250 Millionen Franken in die heimischen Kassen zu lenken. Die Branche verpflichtete sich einerseits, einen grossen Teil des Online-Ertrags an die AHV zu überweisen, andererseits führte sie auch Online-Massnahmen gegen Spielsucht ein.

30 Tage Zeit für eine Überprüfung

Doch nicht alle freuen sich über die sprudelnden Online-Einnahmen. Ein Casino-Kenner aus Luzern kritisiert im Gespräch mit unserer Zeitung etwa die seiner Meinung nach «unlauteren aggressiven Werbemethoden und die fehlenden Alterskontrollen» im Internet: «Die gesetzlich vorgeschriebene Alterskontrolle mittels Identitätskarte findet erst nach dreissig Tagen oder nach Einsatz von 1000 Franken statt. Ein 11-Jähriger kann sich also wochenlang als 18-Jähriger ausgeben und Geldeinsätze tätigen.»

Der Schweizer Casino-Verband weist die Kritik zurück. Es sei Minderjährigen verboten, in einem Online-Casino zu spielen, und die Casinos müssten das Alter der Spieler überprüfen, sagt Geschäftsführer Marc Friedrich. Für die Eröffnung eines Spielerkontos eines Online-Casinos müsse eine Person Namen, Geburtsdatum und Adresse angeben. Friedrich räumt allerdings ein: «Es kommt vor, dass eine Person das Casino absichtlich täuscht und ein falsches Geburtsdatum angibt. Das Casino muss deshalb die Angaben innerhalb von 30 Tagen gestützt auf eine Kopie eines amtlichen Ausweises überprüfen. Bis diese Überprüfung erfolgt ist, darf das Spielerkonto nur provisorisch eröffnet werden. Auf ein provisorisches Spielerkonto können maximal 1000 Franken einbezahlt werden. Stellt das Casino bei der Überprüfung des Ausweises fest, dass die Person falsche Angaben gemacht hat, muss das Spielerkonto geschlossen werden. Die Person erhält den Saldo ihres Kontos zurück. Hat der Spieler gewonnen, darf ihm der Gewinn nicht ausbezahlt werden, sondern geht an die AHV. Hat das Casino gewonnen, muss es den Gewinn ebenfalls an die AHV überweisen. In diesem letzten Fall kann der Spieler aufgrund seiner falschen Angaben höchstens 1000 Franken verlieren.»

Bei Swisslos sind Einsätze erst nach Prüfung möglich

Der Casino-Kritiker aus Luzern kennt diese Argumentation. «Leider ist dies Augenwischerei», sagt er. «Fakt ist, dass Casinos eine Prüfpflicht haben. Dieser kommen sie aber bewusst dreissig Tage nicht nach. Und nach dieser Frist kann ein Jugendlicher das gleiche Spiel beim nächsten Online-Casino spielen.» Er verweist auf die terrestrischen Casinos, die vor jedem Einlass einen Ausweis verlangen. Zudem gebe es Beispiele, wie man es besser machen könne: «In England gab es vor 2019 dieselbe Gesetzesvorgabe wie aktuell in der Schweiz, was zu einer Viertelmillion spielsüchtigen Teenagern führte. Seit Anfang 2019 müssen Online-Casinos in England Spieler innerhalb von 72 Stunden mit dem Alter verifizieren, ansonsten bleiben Geldeinsätze gesperrt.» Dass das Alter der Spieler strenger verifiziert werden kann, zeigt zudem Swisslos: Dort werden Geldeinsätze online erst möglich, wenn Swisslos sicher ist, dass die Person 18 Jahre alt ist. Kritik an der aktuellen Praxis kommt auch von Sucht Schweiz: Die Frist von 30 Tagen für die Kontrolle der Eröffnung eines Spielerkontos müsse «dringend auf wenige Tage verkürzt werden, oder es darf erst nach der Kontrolle gespielt werden», fordert Sucht Schweiz.

Bei der Eidgenössischen Spielbankenkommission sieht man in der Frist von 30 Tagen kein Problem: «Die Möglichkeit der provisorischen Spielerkonti wurde vom Gesetzgeber mit dem Gedanken eingeführt, dass der Spieler für eine bestimmte Zeit und unter strikten Bestimmungen einen einfachen Zugang zum legalen Spielangebot haben soll. Dieses Vorgehen vereinfacht das Kanalisieren der Spielerinnen und Spieler auf das Angebot des legalen Marktes von jenem des bereits bestehenden illegalen Marktes», sagt Sprecherin Marjorie Perusset.

Wartelisten für Spielsüchtige

Doch wie steht es überhaupt um die Spielsucht im Zusammenhang mit Online-Casinos? Aktuelle empirische Daten gibt es nicht. Die einzige regelmässige Erhebung zu Problemen mit dem Geldspiel ist diejenige, die in der Schweizerischen Gesundheitsbefragung integriert ist – die aber nur alle fünf Jahre durchgeführt wird, zuletzt 2017. Laut Experten wird man die Auswirkungen erst in ein bis zwei Jahren sehen. «Bis sich eine Sucht entwickelt und bis die Betroffenen dies erkennen und etwas unternehmen, dauert es meist deutlich mehr als ein Jahr», sagt Franz Eidenbenz, Leiter Behandlung beim Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix. Corona und die «gut beworbenen Angebote» der Schweizer Casinos würden jedoch «sicher Wirkung zeigen», ist er überzeugt. Der Anteil von Spielsüchtigen, die online spielen und bei Radix in Behandlung sind, nehmen seit einigen Jahren zu, sagt Eidenbenz. Dem «Kassensturz» von SRF sagte er im März: «Wir sind ausgelastet und haben Wartelisten.»

Sucht Schweiz fordert eine Expertenkommission

Bei Sucht Schweiz geht man davon aus, «dass es einen Anstieg der Spielsüchtigen geben wird, da das Online-Geldspiel suchtgenerierender ist als das terrestrische Spiel», sagt Sprecher Markus Meury. Er verweist ebenfalls auf «aggressive Werbekampagnen der Online-Casinos vor allem während des Lockdowns». Gewisse Werbekampagnen, etwa der Loterie Romande für Sportwetten, «sprachen unseres Erachtens Jugendliche an, was einen parlamentarischen Vorstoss zur Folge hatte», so Meury.

Sucht Schweiz fordert deshalb «dringend eine Expertenkommission, die das Geschehen von nahem verfolgt und untersucht». Ohne diese würden auch keine Korrekturen des Kurses vorgenommen. «Denn die interkantonale Geldspielaufsicht Gespa und die Spielbankenkommission kümmern sich vor allem um die Einhaltung der Gesetzgebung.» Die Bekämpfung der Spielsucht und der Schutz von Jugendlichen und gefährdeten Personen vor Werbung seien mangelhaft. «Es werden auch immer neue Spiele auf den Markt gebracht, ohne echte Klärung des Suchtpotenzials», so Meury. Die von Sucht Schweiz geforderte Expertenkommission wurde allerdings vom Parlament abgelehnt, weil sie nicht nötig sei, wie es damals hiess. «Das hat sich nun offensichtlich als Fehler herausgestellt», sagt Meury.

 
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Scheinheilig...

M.B.C
schrieb am 09.06.2021 10:28
Ja Ja, die scheinheilige Politik. Zuerst wie in China Seiten sperren und mit dem Vorwand dass es nötig sei um die Spielsucht zu dämmen. Dabei kassieren die Casinos jetzt selber ab wie noch nie. Das Gegenteil ist nun der Fall, weil man gesehen hat wieviel man abstauben kann sieht man nun überall vorallem im TV "non-stop" Werbungen von mycasino,jackpots.ch und co. Da wurden sehr gute Arbeit geleistet und Politiker sicher super entlöhnt und das Volk so manipuliert das sie das Gesetzt angenommen hat. Schämt euch.
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