Hausärzte sollen Medikamente selber verkaufen dürfen – oder doch nicht? Grossräte lancieren umstrittene Debatte neu

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Bisher dürfen Medikamente im Aargau nur in Apotheken verkauft werden – hier die Apotheke Wyss in Baden – den Hausärzten ist dies verboten. Sandra Ardizzone

Es war ein sehr emotionaler Abstimmungskampf, und er endete vor acht Jahren mit einer Niederlage der Aargauer Ärzte an der Urne: Mit einem Nein-Anteil von rund 60 Prozent verwarf die Bevölkerung im Jahr 2013 ihre Initiative, die es Ärzten erlauben sollte, selber Medikamente zu verkaufen. Dagegen hatten sich insbesondere die Apotheker gewehrt und damals sogar selber ein Volksbegehren lanciert, um das sogenannte Selbstdispensationsverbot der Ärzte in der Verfassung festzuschreiben.

Auch diese Initiative fand vor acht Jahren keine Mehrheit und seither gilt der Grundsatz: Medikamente dürfen im Aargau nur die fast 120 Apotheken verkaufen. Ärzten ist die Abgabe und der Verkauf nur in Notfällen erlaubt - dies ist seit 2009 so im kantonalen Gesundheitsgesetz festgeschrieben. Geht es nach dem Willen von GLP-Grossrat Hanspeter Budmiger aus Muri, soll sich dies bald ändern.

Grossräte sehen Standortnachteil für Aargau bei Hausärzte-Rekrutierung

Zusammen mit René Bodmer (SVP), Jeanine Glarner (FDP) und Arsène Perroud (SP) hat Budmiger am Dienstag im Grossen Rat eine Motion eingereicht, die Ärzten die Abgabe von Medikamenten erlauben will. Die vier Motionäre halten in ihrem Vorstoss fest, in 17 von 19 Kantonen in der Deutschschweiz gebe es kein Verbot der Selbstdispensation für Ärzte. Mit seiner Regelung habe der Aargau einen massiven Standortnachteil, wenn es um die medizinische Grundversorgung gehe.

«Vor allem in ländlichen Gebieten des Aargaus ist es heute schwierig bis unmöglich, einen Haus- oder Kinderarzt zu finden, der Ärztemangel ist zum Teil dramatisch», sagt Budmiger, der in Muri als Gemeindepräsident amtet. «Wenn ich das Freiamt als Beispiel nehme, hat das zur Folge, dass manche Leute zum Beispiel nach Affoltern oder in die Kantone Zug oder Luzern zum Hausarzt gehen», ergänzt der Grünliberale. Dort dürften die Hausärzte selber Medikamente abgeben, deshalb seien diese Nachbarkantone für die Ärzte attraktiver als der Aargau.

Budmiger: Medikamentenverkauf würde Hausarztberuf attraktiver machen

Dies wollen Budmiger und drei anderen Grossratsmitglieder mit ihrem Vorstoss ändern. «Seit dem Nein zur Initiative im Jahr 2013 hat sich einiges geändert, die Apotheker dürfen zum Beispiel auch Impfungen verabreichen, was zuvor nur Ärzten erlaubt war», erklärt Budmiger. Eine gute Apotheke sei wichtig, sein Apotheker habe ihn schon ein paar Mal vor dem Gang zum Arzt bewahrt. «Das schätze ich sehr, aber man muss wegkommen vom Gegeneinander von Ärzten und Apothekern, sondern das System als Ganzes anschauen und eine optimale Gesundheitsversorgung für die ganze Bevölkerung schaffen», betont der GLP-Grossrat.

Hanspeter Budmiger, GLP-Grossrat und Gemeindepräsident von Muri.

Hanspeter Budmiger, GLP-Grossrat und Gemeindepräsident von Muri.

ZVG

Für eine optimale Gesundheitsversorgung seien alle wichtig, die ärztliche Grundversorgung sei aber zentral und «wir wollen nicht mit kürzeren Spiessen als unsere Nachbarkantone kämpfen», erläutert Budmiger.

«Gerade für ältere Leute oder Familien mit Kindern ist es sehr mühsam, wenn es in ihrer Region keinen Hausarzt gibt.»

Zudem seien die Hausärzte wichtige Zuweiser für die Spitäler und sorgten dafür, dass Patienten bei medizinischen Bagatellfällen nicht teure Notfallplätze im Spital belegten. «Deshalb ist es wichtig, dass die Attraktivität des Hausarztberufs gefördert wird, wobei die Abgabe von Medikamenten ein wichtiger und einfacher Schritt wäre», findet Budmiger.

Apotheker sehen den Vorstoss als «erneute Zwängerei»

Ganz anders sieht dies der Aargauische Apothekerverband, der die Motion in einer Mitteilung als «erneute Zwängerei» bezeichnet. Die Apotheker halten weiter fest, die ärztliche Medikamentenabgabe löse das Problem des Hausärztemangels nicht. «Stattdessen gefährdet sie die medizinische Grundversorgung durch die Schwächung des gut ausgebauten Apothekennetzes», heisst es in der Mitteilung.

Lukas Korner, Präsident des Aargauischen Apothekerverbands.

Lukas Korner, Präsident des Aargauischen Apothekerverbands.

Michael Küng / Aargauer Zeitung

Apotheker-Präsident Lukas Korner sagt auf Nachfrage der AZ: «Das Problem des Hausärztemangels besteht schweizweit, das gibt es nicht nur im Aargau.» Mit der Erlaubnis für die Ärzte, selber Medikamente abzugeben, lasse sich dies nicht lösen. Dies, obwohl die Apotheker in ihrer Mitteilung vorrechnen, dass es «gemäss Studien zu einem lukrativen Zusatzverdienst von gut 100'000 Franken pro Arzt und Jahr» führen würde, wenn Ärzte selber Medikamente verkaufen dürften.

Korner sagt: «Aus meiner Sicht gibt es einen gesellschaftlichen Wandel, viele Angestellte legen vermehrt Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance und geregelte Arbeitszeiten. Dies lässt sich in Gruppenpraxen besser bewerkstelligen, welche auch administrative Aufgaben übernehmen.» Eine andere Lösung wäre, die Tarife für Spezialisten zu senken und jene für Hausärzte zu erhöhen, damit der Anreiz für die Eröffnung einer Praxis grösser wird.

Korner: Bei einem Ja zum Vorstoss droht ein Apothekensterben

«Seit der Abstimmung im Jahr 2013 hat sich kaum etwas verändert – wir Apotheker dürfen jetzt zwar auch Impfungen machen, das ist aber finanziell kein lohnendes Geschäft und würde den massiven Ausfall beim Medikamentenverkauf niemals kompensieren», sagt Korner. Vielmehr würde bei einem Ja zu diesem Vorstoss aus seiner Sicht ein Apothekensterben drohen: «Im Kanton Luzern, wo die Ärzte selber Medikamente abgeben dürfen, gibt es im Verhältnis zur Bevölkerung nur halb soviele Apotheken wie im Aargau.»

Dass es heute in manchen Dörfern keinen Laden, keinen Bancomat, oder keine Poststelle mehr gebe, ist für Korner bedauerlich – aber eine Entwicklung, die sich nicht aufhalten lasse. Ähnlich sei dies mit der medizinischen Grundversorgung, auch dort gehe der Trend zu grösseren, zentral gelegenen Gemeinschaftspraxen. «Die Bevölkerung ist viel mobiler, als allgemein angenommen wird, und für die weniger mobilen Personen müssen wir Dienstleistungen zu Hause anbieten können», sagt Korner.

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