Warum Adolf Muschg auch in seinem neuen Roman wieder zu viel hinein packt

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Adolf Muschg in seinem Schreibatelier. Bild: Urs Jaudas (Männedorf, 22. April 2014)

Dieses Buch ist ein weiteres Beispiel vergeblicher Liebesmüh. Da hat man wieder einen selbstbezüglichen, verschachtelten, verspiegelten, mit kulturgeschichtlichen Anspielungen überbordenden Muschg-Roman gelesen – und würde folgende Wette sicher gewinnen: Die meisten Leser werden spätestens nach der Hälfte kapitulieren. Man wird den Eindruck nicht los, dass Muschgs Kunst ein vergeblicher Hochseilakt ist.

Das Missverstandenwerden scheint an Muschg zu hängen

Das gilt leider auch für seine politischen Einmischungen: Als preisgekrönter Feuilleton-Intellektueller war er jahrzehntelang eine gewichtige Stimme, die aber kaum mehr Breitenwirkung entfaltet und kürzlich mit dem verunglückten Satz «Diese Cancelling Culture ist eine Form von Auschwitz» Kopfschütteln erntete, obwohl er damit bloss grassierende Selbstgefälligkeit kritisierte. Das Missverstandenwerden scheint sich an ihn zu hängen.

Man muss es bedauern, denn Muschg ist der einzige Schweizer Schriftsteller, der als Intellektueller europäischen Rang hat. Ohnehin definiert er sich als ein Schweizer, der auch Europäer ist und der an diesem Projekt Europa seit vielen Jahren mitdenkt: mit Wehmut, Zorn und nimmermüdem Engagement – in den Nullerjahren als Präsident der Berliner Akademie der Künste die Republik Europa propagierte.

Die europäische Identität als Schlüssel zum Muschg-Roman

Dieses Nachdenken über europäische Identität kann man auch als Schlüssel verstehen zu seinem literarischen Verfahren, besonders in seinem neuen Roman.

Denn Muschg wünscht sich Europa als Solidargemeinschaft der Erschütterten, die sich mit ihrer kulturellen Verschiedenheit als zusammengehörig empfinden und ihre schmerzhaften Erfahrungen der Entzweiung, der Schuld und der Verdrängung versöhnen: «Ich wünsche es auch darum, weil es der beste Weg ist, das Andere in mir selbst zu hüten», sagte er in seiner Rede 2012 zum Tag der Deutschen Einheit.

Muss man betonen, dass er damit in der Schweiz kaum gehört wird? Muschgs Credo, das er gleichermassen politisch und literarisch bewahrt: Das Andere in einem selbst zu erkennen sei Voraussetzung für das Anerkennen des kulturell und politisch Anderen.

Weniger Referenzen wären viel ergiebiger gewesen

Weil das Projekt Europa ein kulturelles sein müsse, um zu überleben, also mehr als ein neoliberales Wirtschaftsprojekt, beharrt er auch darauf, die Figuren seiner Romane an Europas Kulturgeschichte zu spiegeln.

Dass er mit der Flut von Anspielungen und Referenzen die Mitarbeit seiner Leserinnen und Leser überstrapaziert, scheint er in Kauf zu nehmen. In seinem neuen Roman kennt er leider kein Mass. Von Hugo Balls «Der gefallene Cherub» über Ernst Barlachs Plastiken, Fontanes «Poggenpuhls», seitenlange Interpretationen der antiken Komödie «Amphitryon», lange englischsprachige Passagen, Episoden aus der «Odyssee» und der Bibel, Verse von Walther von der Vogelweide bis zum Roman «Wu­thering Heights» der Emily Brontë.

Muschg lässt nichts aus. Weniger wäre eindeutig ergiebiger gewesen. Man hört aber das Gebot: Ein richtiger Europäer scheut sich nicht vor der eigenen Kulturgeschichte!

Einer will sterben und wird von seinen Frauen verspottet

Dabei wäre das Erzählte spannend. In «Aberleben» schildert Adolf Muschg eine Solidargemeinschaft in Ostdeutschland nach der Wende. Eine idealistische Kommune mit freier Liebe und einem sanften Guru, ein Auffangbecken für Aussteiger.

Diese Kommune – vergebliche Liebesmüh auch hier – wird von der Immobilienspekulation und der «neoliberalen Pest» vertrieben. Muschg würzt die Erinnerung an sie mit Satire und Melancholie. Die Vertriebenen finden sich gegen Romanende in Marokko wieder, in der Hippie-Hochburg Essaouira, und führen dort «Amphitryon» auf, in der Jupiter sich in einen Ehemann verwandelnd mit einer Weltlichen Herkules zeugt.

Der alte Schriftsteller will eigentlich nur sterben

Adressat dieser Aufführung ist zugleich die männliche Hauptfigur von «Aberleben», der 70-jährige Schweizer Schriftsteller Peter Albisser, der im Text meist A. genannt wird. Ihm folgt man im ersten Teil des Romans. Er hat seine Ehefrau Henny verlassen und ist, unheilbar an Prostatakrebs erkrankt, mit der Absicht zu sterben nach Berlin gereist. Dort will er seine Romanfigur Ruth, die er im Roman «Sutters Glück» krebskrank hat ertrinken lassen, in einem neuen Roman wiederbeleben.

Wir versuchen in einem Satz, das Geschehen zusammenzufassen: Albisser kommt erst in der Akademie unter, dann in einem geisterhaften Mietshaus, wo zu seiner Irritation bereits seine früheren Schweizer Möbel stehen, wo anscheinend ein Doppelgänger von ihm gelebt hat und wo er mit einer viel jüngeren, hochschwangeren Frau schläft, die sich später als seine Tochter herausstellt, Albisser folgt einer Einladung zu einer Predigt in der heruntergekommenen Ortschaft der ehemaligen Kommune, wo er auf Wendegewinnler und Abgehängte stösst, und fährt bald darauf nach Essaouira, wo sich eine Art Versöhnung ergibt – und eine erschreckende Selbsterkenntnis.

Die Kunst ist Lebensrettung und Selbsttäuschung zugleich

Denn Albissers Frauen machen ihm klar, dass seine Schriftstellerei ein peinlicher Akt des Selbstmitleids ist, wofür er Frauenfiguren als Objekte seines Wehklagens benutzte. Eine kluge Pointe. Die Aufgabe von A.: das Zersplitterte seiner Identität auszuhalten, das Verdrängte und die Schuld anzuerkennen. Weil Muschg das Ganze als Komödie lesbar macht, nimmt er dem Stoff ein Stück seiner Schwere.

Die politische Parallele zu seinem Wunsch-Europa wird augenfällig. Ohnehin spielt er für Eingeweihte mit offenen Karten: In A. steckt viel eigene Biografie inklusive Krebs, Albisser ist ein Wiedergänger aus dem Roman «Albissers Grund», Ruth aus «Sutters Glück», Henny hat in Muschgs Ex-Frau Hanna Johansen einen Namenszwilling.

Jede Menge biografische und literarische Selbstbezüglichkeit

Kommt hinzu: Albisser oder A. wie Adolf ist natürlich ein Schweizer. Einer, der sich für harmlos und unschuldig hält und im Verlauf des Romans mit Realität, Ignoranz und Selbstgefälligkeit konfrontiert wird. Viel biografische und literarische Selbstbezüglichkeit also, und man erkennt das Rettende, die Wiedergutmachung durch die Kunst als Motiv.

Hübsch ist der Auftritt des US-Forschers, der von einem künstlichen Molekül berichtet, das der Struktur eines Gedichtes nachgebaut ist und Krebs heilt. Leider verliert man bei den unzähligen Referenzen zu oft den Faden. Wem aber beim kulturgeschichtlichen Hürdenlauf die Luft nicht ausgegangen ist, der kann einiges entdecken.

Sorry, aber es muss halt sein: «Aberleben» ist Eheroman, Geisterroman, Aussteigerroman, satirischer Schriftstellerroman, Science-Fiction, politischer Ossi-Wenderoman, Berlinroman, Akademikerroman, Altersroman – und am Ende auch noch ein Coronaroman. Letzteres allerdings wirkt wie ein plumpes Anhängsel, mit Plattitüden wie «Was wir jetzt brauchen, ist ein ganz neuer Modus Vivendi – dafür könnte eine Pandemie der Auslöser sein».

Dieser Roman ist vielleicht sogar eine Parodie auf die Romane von Max Frisch
Wenn man freihändig interpretiert, kann man «Aberleben» auch als Parodie auf die grossen drei Romane von Max Frisch lesen. So sagt A. «Mein Name sei Albisser» in Anlehnung an «Mein Name sei Gantenbein», in welchem einer sich in der Eifersucht verliert.

Der Inzest kommt in «Homo Faber» sehr ähnlich vor, und A. scheint wie einst «Stiller» nicht wahrhaben zu wollen, wer er ist oder sein müsste. Aber vielleicht ist das ja bloss Spielerei oder künftiger Stoff für ein literaturwissenschaftliches Seminar.

Adolf Muschg: Aberleben. Roman. C.H.Beck, 368 Seiten.

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