Krise? Wiese! – Das Zürcher Theaterspektakel sorgt für Überraschung

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Jubel, Trubel, Heiterkeit? Das Stimmungsbarometer auf der Landiwiese soll dieses Jahr deutlich steigen. Kira Barlach
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Ein Mann der Tat. Matthias von Hartz sorgt dafür, dass im August das Festival fast ohne Corona-Einschränkungen wieder stattfindet. Christian Altorfer

Das Zürcher Theaterspektakel zählt zu den ältesten und wichtigsten internationalen Kunstfestivals in Europa, und Matthias von Hartz ist dafür massgeblich verantwortlich. Er gilt als kluger Denker und begabter Netzwerker und hat als künstlerischer Co-Leiter das interkulturelle Angebot um zahlreiche Formate erweitert.

Durchschnittlich 150'000 Gäste besuchen Ihr Festival. Letztes Jahr gab es für wenige immerhin eine Schrumpfvariante. Herrscht im August auf der Zürcher Landiwiese wieder Jubel, Trubel, Heiterkeit?

Matthias von Hartz: Trubel gibt es auch dieses Jahr noch wenig, weil der nicht sein darf. Die Regel ist ja so, dass alles, was stattfindet, in kontrollierten Räumen stattfinden muss. Die Sicherheit stellen wir her, etwa durch ein ohne Ticket zugängliches, neues Amphitheater. Wir haben auf dem Gelände aber keine Türe, und das wollen wir auch nicht. Also müssen wir die Sicherheit der Leute durch Abstand und Covid-Zertifikate sicherstellen.

Die Gretchenfrage: Wie halten Sie es mit der Maske?

Neunzig Prozent der Vorstellungen sind ohne Maske zugänglich. Entweder gilt die Abstandsregel, weil draussen gespielt wird. Oder wenn drinnen gespielt wird, können die Vorstellungen maskenfrei und mit Zertifikat besucht werden. Um niemanden auszugrenzen, haben wir eine Teststation auf dem Gelände, und man zahlt nichts für den Test.

Inhaltlich legt das «Speki» also wieder Speck zu?

Genau, wir zeigen zwölf internationale Premieren, das ist ein Rekord. Drei Viertel der Produktionen werden Live-Formate sein, dazu gibt’s digitale und installative Formen. Auf der Landiwiese sind allerdings noch etwas weniger Spielstätten, und das Gastro-Angebot wird sich etwa auf die Hälfte belaufen.

Wie hat die Krise Ihr Festival und das Theater allgemein geprägt?

In den letzten eineinhalb Jahren sind viele neue Formen entstanden, weil Theatermacher versuchten, ihr Publikum zu erreichen. Ich finde es beruhigend, wie flexibel sich die Theater, aber auch das Publikum gezeigt haben. Für uns heisst das: Wir haben auch jene 15 Künstler eingeladen, die nicht anreisen können, sich ein Monument für die Landiwiese auszudenken. Es werden Monumente gezeigt, die für all das stehen, was im letzten Jahr passiert ist, oder was einen Platz im öffentlichen Nachdenken braucht. Der Diskurs über Black Lives Matter oder die Frage: Wer ist alles gestorben, ohne dass sich jemand gekümmert hat?

Das Festival erinnert sich der Coronatoten?

Nicht direkt. Es gibt ein Projekt des partizipativen Erinnerns. Ein Künstlerinnenduo aus London bringt eine Ankunfts- und eine Abflugtafel mit, wie sie in Flughäfen stehen. Mittels Handy kann sie jeder und jede mit den Geburts- und Sterbedaten von Menschen beschicken, von denen man findet, dass das mal jemand lesen muss.

Findet im Theater eine Aufarbeitung der Pandemie statt? Oder braucht das Publikum nun gerade Komödien, die leichte Kost?

Das Festival hat schon immer beides getan. Auch dieses Jahr gibt es leicht zugängliche Kunst und auch einige schwerere Themen. Aus Lateinamerika werden Produktionen kommen, die teilweise sehr explizit von der sozialen Realität dort berichten.

Es gibt bisher kein Stück über Corona, erstaunt Sie das?

Theater ist ein langsames Medium. Aber stimmt Ihre Feststellung wirklich? Die meisten Themen, die Corona aufwirft, sind keine neuen Themen. Ihre Dringlichkeit hat sich allerdings verschärft: Die Pandemie hat die Fragilität des Globus und bestimmter Gesellschaften und Gesellschaftsgruppen akzentuiert, und davon erzählen viele Produktionen.

Was heisst das für den Alltag und die Gesundheitssituation Ihrer Gäste aus dem globalen Süden?

Wir haben mit sehr vielen Künstlern und Künstlerinnen zu tun, die in Ländern leben, wo in den nächsten zwei Jahren ganz bestimmt kein Impfstoff vorbeikommen wird. Lateinamerika beispielsweise und afrikanische Staaten. In Kenia gibt es überhaupt keinen Plan, die Leute zu impfen. Darüber verschärfen sich Ungleichgewichte, und es gibt bei uns viele Arbeiten zu sehen, die genau davon erzählen, ohne dass sie explizit sagen: Corona did this!

Ist es überhaupt noch verantwortbar, Kunstschaffende um die ganze Welt fliegen zu lassen, einzig, um sie uns Privilegierten auf der Landiwiese zu präsentieren?

Das ist eine Frage, die wir uns schon länger stellen – und jetzt natürlich noch einmal dringlicher stellen. Unsere Antwort darauf ist: Zusammenarbeit! Mit Künstlern, anderen Häusern und anderen Festivals. Wir konnten für fast alle Gruppen eine Tour durch Europa organisieren oder anschliessende Resi­dences, Forschungsaufenthalte und so weiter.

Vor dem Hintergrund der Pandemie gefragt: Wird es, soll es in Zukunft politischer auf der Bühne zugehen?

Ich denke, wir haben noch nie ein Stück eingeladen, das uns nicht irgendwie politisch interessiert oder bewegt hätte. Selbst unsere Kinderstücke sind dieses Jahr politisch: Das Schweizer Theater «Kolypan» macht eine Revue über die Welt im Jahr 2050. Die Schweizer Tänzerin und Choreografin Lea Moro zeigt eine Arbeit über die Ozeanverschmutzung, und «Fundus Theater» aus Deutschland macht eine Arbeit über die Kolonialgeschichte des Zuckers.

Man fordert durch die Bank, dass sich das Theater vom hohen Ross bequemen muss. Inwiefern reagiert eigentlich das Theaterspektakel auf Publikumswünsche?

Das eine ist: Als Kurator muss ich ja denken, dass ich weiss, was als Angebot an die Gesellschaft Sinn macht. Das andere ist: Wir machen regelmässig sehr umfangreiche Publikumsbefragungen. Und wir haben sogar einen Publikumspreis mit der Zürcher Kantonalbank. Ich glaube, wir wissen besser als manche andere Kulturinstitution, was die Menschen auf unserem Platz mögen. Damit gehen wir um.

Das ist nun doch sehr vage...

Es geht ja nicht nur um Wünsche eines schon vorhandenen Publikums. Es ist auch unsere Aufgabe, sich zu überlegen, welches Publikum denn noch nicht da ist, und wie es abzuholen wäre.

Abzuholen gäbe es tatsächlich noch diverse Zuschauersegmente. Auf Ihren Bühnen wird Diversität gefeiert, im Publikum aber sitzen zumeist weisse, bürgerliche Mittel- und Oberschichtsmenschen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander.

In den letzten Jahren machen wir sehr viel Arbeit, um migrantische und postmigrantische Minderheiten zu erreichen. Wir haben traditionell ein sehr breites Programmangebot. In Zukunft versuchen wir, noch mehr Energie zu investieren, um Leute zu erreichen, die sich vielleicht nicht gemeint fühlen.

Was sind die grössten Hindernisse oder Missverständnisse in der Aussenwahrnehmung des Theaterspektakels?

Noch immer denken viele, das Theaterspektakel sei eine weisse Erste-Welt-Institution in einem weissen Erste-Welt-Land. Das Programm ging aber darüber schon immer hinaus. Wir hoffen, dass das in den nächsten Jahren mit unserem Publikum auch so sein wird. Wir arbeiten jedenfalls intensiv am «Festival für alle».

Zürcher Theaterspektakel 19.8. bis 5.9. Der Vorverkauf hat begonnen.

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