Pflegeheime werben mit Plakatkampagne um neue Bewohner – SVP-Nationalrätin Martina Bircher kritisiert dies scharf

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Mit solchen Plakaten wirbt der Aargauer Gesundheitsverband Vaka für den «Heim-Vorteil» – also die Pluspunkte von Pflegeheimen. Zvg

«Endlich habe ich wieder Jasskollegen gefunden», steht auf einem Plakat, mit dem der kantonale Gesundheitsverband Vaka für die Vorteile von Pflegeheimen wirbt. «Die Pflegeheime wollen den Bewohnerinnen und Bewohnern eine möglichst hohe, selbstbestimmte Lebensqualität bieten», heisst es auf der Website des Verbands zur Kampagne, die noch bis Ende August läuft. Anton, der in einem Aargauer Pflegeheim lebt, ist Teil dieser Kampagne, die ältere Menschen zum Heimeintritt animieren soll.

Bewohnerinnen und Bewohner schätzten die hohe Lebensqualität in den Heimen, schreibt der Verband weiter. Während der ersten und zweiten Welle der Coronapandemie habe man diese «wegen der damit verbundenen Einschränkungen» nicht vollumfänglich gewährleisten können. Dank der Impfungen sei die Normalität aktuell aber weitgehend zurückgekehrt, hält der Verband zum Alltag in den Heimen fest.

Andre Rotzetter, Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im Oberen Fricktal und Spartenpräsident Pflegeinstitutionen der Vaka.

Andre Rotzetter, Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im Oberen Fricktal und Spartenpräsident Pflegeinstitutionen der Vaka.

Alex Spichale

Andre Rotzetter, Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im Oberen Fricktal und Spartenpräsident Pflegeinstitutionen der Vaka, erklärt dazu: «Die Pflegeheime, das Personal, die Bewohnenden und ihre Angehörigen haben eine herausfordernde, anstrengende und belastende Zeit hinter sich. Jetzt wollen die Einrichtungen nach vorne schauen und der Bevölkerung im Aargau zeigen, dass die Pflegeheime für Menschen mit Unterstützungsbedarf, die ein stationäres Setting benötigen, ein sicherer, offener und guter Ort zum Leben sind.»

Im Rahmen der Kampagne berichten Bewohnerinnen und Bewohner aus den Aargauer Pflegeheimen darüber, «welches ihr persönlicher Heim-Vorteil ist und was sie an ihrem Lebensort besonders schätzen», hält der Verband weiter fest. So freut sich Melanie, wenn ihre Familie zum Essen kommt – was während der Pandemie monatelange nicht möglich war. Horst lobt die grossartige Aussicht aus seinem Zimmer, Bea findet Denksport mit der Ergotherapeutin genial und Margarita spaziert täglich durch den Park.

Martina Bircher: «Verband schiesst Kanton und Gemeinden in den Rücken»

Gar nicht gut kommt die Kampagne, die von einer Arbeitsgruppe mit Vertretungen aus den Aargauer Pflegeheimen zusammen mit der Geschäftsstelle der Vaka konzipiert wurde, bei SVP-Nationalrätin und Gesundheitspolitikerin Martina Bircher an. «Ich habe das Plakat am Bahnhof Zofingen gesehen und war schockiert, für mich ist diese Kampagne unglaublich», kritisiert sie.

«Während der Kanton und die Gemeinden versuchen, ambulant vor stationär zu fördern, schiesst der Aargauer Gesundheitsverband uns in den Rücken und ruft die Leute auf, ins Heim zu gehen.»
Martina Bircher, SVP-Nationalrätin und Gesundheitspolitikerin.

Martina Bircher, SVP-Nationalrätin und Gesundheitspolitikerin.

Fabio Baranzini

Bircher findet die Botschaft auf dem Plakat sehr fragwürdig, dieses vermittelt aus ihrer Sicht ein falsches Bild. «Pflegeheime sind für Menschen gedacht, die pflegebedürftig sind und nicht zu Hause betreut werden können – nicht für Leute, die einfach neue Jasspartner suchen.» Der Verband sollte sich laut Bircher, die in Aarburg als Frau Vizeammann das Gesundheitsressort unter sich hat, lieber fragen, warum die Heime leer seien.

«Allein im Bezirk Zofingen könnte man ohne weiteres zwei Heime schliessen, stattdessen wird noch fleissig gebaut», sagt sie. Bircher weist auf die finanziellen Folgen hin, so koste der Bau eines einzigen Pflegeheimplatzes ohne Betriebskosten rund 350'000 Franken. Sie befürchtet zudem, «dass bestehende Plätze nicht abgebaut oder umfunktioniert werden, wie dies der Markt eigentlich verlangen würde, sondern mit Steuergeldern erhalten werden».

Andre Rotzetter: «Kampagne soll falsches Image korrigieren»

Gemäss der aktuellsten Pflegeheimliste des Kantons gab es Mitte Juli insgesamt 6704 Plätze in Pflegeheimen, die Karte unten zeigt die regionale Verteilung. Auf der Website des Heimverbands Vaka findet sich eine Bettenbörse, in der freie Plätze aufgeführt werden. Gemäss diesen Angaben sind kantonsweit 83 Betten nicht belegt, die Leerstandsquote beträgt also nur gerade 1,2 Prozent. «In der Bettenbörse sind nicht alle freien Plätze aufgeführt, die Belegung ist von Region zu Region unterschiedlich, aber das war schon vor Corona so», sagt Andre Rotzetter auf Nachfrage.

Bei der Kampagne gehe es nicht in erster Linie darum, leere Plätze in den Heimen zu füllen, sondern das falsche Image zu korrigieren, das in der Öffentlichkeit bestehe. «Obwohl der Betrieb in den Pflegeheimen seit Monaten schon wieder normal laufe und seit Ende Januar praktisch alle Bewohnerinnen und Bewohner durchgeimpft sind, stehen viele Leute noch immer unter dem Eindruck der Coronasituation», sagt Rotzetter.

Mit den Plakaten wolle man erreichen, dass der Entscheid, ob für ältere Personen ein Heimplatz die optimale Lösung sei oder die Pflege zu Hause mit Unterstützung der Spitex besser wäre, ohne Corona im Hinterkopf gefällt werden könne. Zur Kritik von Martina Bircher sagt Rotzetter, es gebe durchaus Fälle, bei denen ein Heimeintritt auch kostenmässig günstiger sei als die ambulante Pflege. Zudem hätten leere Plätze in den Heimen auch negative finanzielle Auswirkungen für die öffentliche Hand.

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