Das wünschen wir uns für die Schweiz im Pandemie-Jahr

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Eine Portion Nüchternheit

Seit eineinhalb Jahren wütet das Virus nun schon. Es befällt nicht nur menschliche Körper, sondern auch den Gesellschaftskörper, um einen Begriff des französischen Philosophen Michel Foucault (1926 – 1984) zu gebrauchen. Auch der Gesellschaftskörper gerät in eine Art Fieber. Überall können wir diesen überhitzten Erregungszustand beobachten. Symptomatisch sind gegenseitige Bezichtigungen, die kursieren. Wissenschaftliches Argumentieren gilt bei manchen bereits als unterwürfige Gläubigkeit; Skepsis gegen wissenschaftliche Begründungen wird von anderen schnell als dumpfe Verschwörungstheorie abgetan. Gesund sein kann das nicht. Die Schweiz, das sind wir. Wenn wir am 730. Geburtstag des Landes nicht mehr ganz nüchtern bleiben, macht das nichts. Wenn wir uns im Umgang mit der Pandemie mehr Nüchternheit angewöhnen, wird das helfen. 

Philippe Pfister

 

Nicht einfach blind vertrauen

Ich wünsche mir, dass mehr Respekt vor der Meinung anderer herrscht. Dass nicht jeder, der nicht blind und ohne nachzudenken jedem Mucks aus Politik und Wirtschaft folgt, gleich als Schwurbler, Rechtsextremer oder Verschwörungstheoretiker dargestellt wird. Aber gleichzeitig auch, dass nicht jeder, der nicht alles krankhaft hinterfragt und überall Echsenmenschen wittert, als Schaf oder Sheeple betitelt wird. Dennoch wünsche ich mir auch, dass die Allgemeinheit nicht einfach blind vertraut, etwas kritischer wird und Aktionen von Staaten, Firmen und Organisationen genau betrachtet. Man muss kein Experte sein, um Ungereimtheiten erkennen und anprangern zu können – oder gar zu dürfen. Die Medien spielen dabei eine essentielle Rolle. Wäre schön, wenn sie diese wieder wahrnehmen.

Remo Wyss

 

Etwas mehr Gelassenheit

Zu Beginn der Pandemie hat sie wunderbar funktioniert, die Solidarität. Junge Menschen gingen für vulnerable Personen einkaufen. In den Dörfern und Städten bildeten sich im Nu kleine Organisationen, die Einkaufsdienste koordinierten, Gespräche am Telefon oder sonst Hilfe anboten. Die Schweizer Bevölkerung wuchs zusammen. Und jetzt? Wir zerfleischen uns gegenseitig in Diskussionen über impfen oder nicht, Zertifikat oder nicht. Einige driften in völlig abstruse Verschwörungstheorien ab, wiederum andere checken wie besessen jeden Tag die Infektionszahlen und isolieren sich komplett. Wir sind als Gesellschaft auseinandergedriftet. Das tut der Schweiz nicht gut. Begegnen wir uns also bitte wieder mit etwas mehr Anstand, Verständnis und Gelassenheit. Und halten wir hoch, was unser Land so gut zusammenhält: die Solidarität.

Janine Müller

 

Den Kompass wieder finden

Die Schweiz galt lange als Paradies politischer Stabilität. Es wurden Kompromisse ausgehandelt, die beim Volk Bestand hatten. Jetzt ist alles hektischer und unberechenbarer. Die Kommunikation ist professioneller, transportiert jedoch kaum Inhalte. Und es fehlen konkrete Taten. Ich habe den Eindruck, dass viele Politiker in Bundesbern den Spürsinn dafür, was die Bevölkerung denkt und wünscht, verloren haben. Ein Beispiel ist das abgelehnte C02-Gesetz. Dabei gäbe es sehr wichtige Probleme zu lösen – wie das Verhältnis zur EU zu klären oder einen akzeptierten Klimaschutz. Ich wünschte mir mutigere Politiker, die klare Standpunkte vertreten, für diese kämpfen und sie auch gut vermitteln können – sodass sie Vertrauen schaffen. Es gibt momentan zu viele im Bundeshaus, die ihr Fähnchen nach dem Wind richten. Der Kompass ist irgendwie verloren gegangen.

Marc Benedetti

 

Gefährliches Halbwissen

Für die Schweiz wünsche ich mir im zweiten Pandemie-Jahr nur eines: Dass der gesunde Menschenverstand wieder den Lead übernimmt und Verschwörungstheorien dorthin verschwinden, wo sie hingehören. Ganz tief in den Keller. Jede und jeder soll seine Meinung haben dürfen, das ist schliesslich der grosse Vorteil einer Demokratie. Jede und jeder soll Dinge hinterfragen und kritisch betrachten. Aber es ist in keinster Weise zielführend, wenn sich in einer Situation, wie sie die Allerwenigsten schon einmal erlebt haben, alle ungefragt als Experten exponieren. Herausposauntes Halbwissen sorgt für Verunsicherung und nicht für Vertrauen oder Einigkeit. Oder sagen Sie ihrem Arzt auch, wie er eine Diagnose stellen muss und bezeichnen ihn schliesslich als Quacksalber? Oder marschieren sie in die Bäckerei und erklären den Angestellten, wie es geht, ein Brot zu backen?

Michael Wyss

 

Humor-Zertifikat muss her!

Was soll man einem Land wie der Schweiz wünschen? Wir haben ja genug Geld, genug Arbeit, genug Sicherheit, genug zu essen, genug Schulen, genug Ausbildungsplätze, genug Spitäler, genug Medikamente, genug Geld (oder hatte ich das bereits erwähnt?), genug Politiker, genug Gesetze, genug Vereine, genug einsame Menschen, genug Drogen, genug Kampfflugzeuge, genug Burnouts, genug Experten, genug Mikrobrauereien, genug Polizisten, genug Autobahnen, genug Selbstvertrauen, genug Skigebiete. Aber was zum Teufel fehlt uns? Wie wärs mit etwas mehr Dankbarkeit dafür, dass wir alles haben? Und etwas mehr Gelassenheit, weil wir ja alles haben? Am meisten aber wünsche ich mir, dass der Humor in diesem Land ähnlich gross wäre wie die Verbissenheit, mit der wir momentan Gesinnungs-Grabenkämpfe austragen. Von der hab ich nämlich genug.

Oliver Schweizer

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