Zertifikat: Wirte wollen nicht Polizist spielen, Fitnessanbieter fürchtet Mehrkosten, Veranstalter rechnet mit weniger Besuchern

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Michael Ganz, Betreiber des Club Boiler in Aarau, unterstützt die Ausweitung der Zertifikatspflicht. Chris Iseli

Michael Ganz, Betreiber des Boiler Clubs in Aarau, setzt schon seit einigen Wochen auf das Covid-Zertifikat: «Für uns ist das ein bisschen wie ein Gütesiegel, die Leute wissen, dass ein Besuch in unserem Club relativ sicher ist», sagt er. Das Sicherheitspersonal am Eingang habe früher die IDs der Besucher kontrolliert, um das Alter festzustellen. Jetzt werde zudem noch das Zertifikat gescannt, der Aufwand halte sich in Grenzen. «Wir mussten kein zusätzliches Personal einstellen und es gab auch kaum Diskussionen mit Gästen», sagt Ganz.

Er räumt ein, dass eine Kontrolle der Zertifikate in Restaurants, wo nicht ohnehin Sicherheitspersonal am Eingang steht, mehr Aufwand bringen würde. Dennoch hält Ganz die Ausweitung der Zertifikatspflicht für richtig – um die Pandemie einzudämmen und Betriebe offenzuhalten. «Wer diese Massnahmen nicht mittragen möchte, den möchte ich auch nicht in meinem Lokal haben», sagt der Clubbetreiber.

Werden die Vorschläge des Bundesrats umgesetzt, muss Ganz im Boiler künftig auch die Kontaktdaten der Besucher erfassen. «Das haben wir im Sommer 2020 auch gemacht, damals noch per SMS, damit wir sicher die richtigen Handynummern haben», sagt er. Die Datenerfassung bringe einen gewissen Mehraufwand und er wisse noch nicht, auf welches System er setze – «aber ich halte diese Massnahme für gerechtfertigt», sagt Ganz.

Gastro-Präsident: «Jetzt müssen wir auch noch Polizist spielen»

Bruno Lustenberger, Wirt in der Krone in Aarburg und Präsident des Branchenverbandes Gastro Aargau, hat sich schon mehrfach gegen eine Zertifikatspflicht in Restaurants ausgesprochen. «Wir sind nicht schuld an den steigenden Fallzahlen, es gibt nur wenige Ansteckung in der Gastronomie, aber jetzt müssen wir Polizist spielen und Zertifikate kontrollieren», kritisiert er.

Bruno Lustenberger, Präsident von Gastro Aargau, sieht die Zertifikatspflicht als unnötige Auflage für Wirte.

Bruno Lustenberger, Präsident von Gastro Aargau, sieht die Zertifikatspflicht als unnötige Auflage für Wirte.

Severin Bigler

Mit der Zertifikatspflicht werde eine grosse Gästegruppe vom Restaurantbesuch ausgeschlossen, sagt Lustenberger. «Wenn jemand nicht geimpft ist, wird er sich nicht extra testen lassen, um einen Kaffee zu trinken, zum Feierabendbier zu kommen oder über Mittag im Restaurant zu essen», erläutert er. Zudem sei der Aufwand für die Kontrollen je nach Betriebsgrösse beträchtlich, wer zum Beispiel hundert Gäste habe, müsse jemanden dafür anstellen.

Immerhin sei es positiv, dass eine schweizweite Regelung für Zertifikate in Restaurants geplant sei, sagt Lustenberger. Dennoch sei die zusätzliche Auflage eine erneute Belastung für die Gastronomie, die bei Gästezahlen und Umsatz noch nicht wieder auf Vorkrisen-Niveau liege. «Zudem verunsichert das auch Firmen und Gesellschaften, die jetzt Bankette oder Weihnachtsessen buchen würden, das droht wieder auszufallen.»

Fitnesscenter-Betreiber: «Wer bezahlt mir das?»

Geht es nach dem Bundesrat, muss demnächst auch ein gültiges Covid-Zertifikat besitzen, wer in einem Fitness-Center trainieren will. Für Celal Karakay, den Inhaber des Centers American Gym in Anglikon bei Wohlen, wäre das schwierig.

Ausgerechnet jeweils im September, wenn der Herbst naht und die teuren Sommerferien bereits eine Weile her sind, würden normalerweise viele Abos abgeschlossen. Brauche es aber fürs Training ein Covid-Zertifikat, wäre das in diesem Jahr anders, davon ist Karakay überzeugt: «Bereits haben Kunden gesagt, sie würden bei Zertifikatspflicht nicht mehr in einem Center trainieren und darum auch kein Abo mehr abschliessen», sagt er. Rückmeldungen, wonach die Kundschaft das Zertifikat sogar begrüssen würde, gab es bisher nicht.

Celal Karakay, Inhaber des «American Gym» in Anglikon bei Wohlen, macht sich Sorgen wegen Mehrkosten und Einbussen.

Celal Karakay, Inhaber des «American Gym» in Anglikon bei Wohlen, macht sich Sorgen wegen Mehrkosten und Einbussen.

Britta Gut

Karakay befürchtet bei einer Zertifikatspflicht aber nicht nur weniger Einnahmen sondern gleichzeitig, durch den Mehraufwand, auch höhere Ausgaben. «Wir müssten sicherstellen, dass immer jemand vom Personal zur Verfügung steht um die Zertifikate zu überprüfen. Vermutlich müsste ich darum sogar aufstocken», sagt er.

Celal Karakay hat sein «American Gym» bisher einigermassen gut durch die Krise gebracht. Dies auch, weil sich sein Vermieter kulant zeigte und ihm die Hälfte der Miete erliess, «so konnte ich den Lockdown überbrücken, da bin ich sehr dankbar». Dass ihm jetzt trotzdem wieder grössere Einbussen drohen, macht ihm zwar Sorgen, aber: «Ich bleibe positiv.»

Stapferhaus-Direktorin: «Wir schaffen das»

Wenn die Zertifikatspflicht bedeutet, dass die Besucherinnen und Besucher des Museums keine Maske mehr tragen müssen, sei das sicher positiv, sagt Sibylle Lichtensteiger, die Direktorin des Stapferhaus in Lenzburg, denn: «Kultur ist ohne Gesichtsmaske schöner.» Für eine die Sinne ansprechende Ausstellung, wie die aktuelle «Geschlecht. Jetzt entdecken», gelte das erst recht. Ein Problem sei die Maske bisher aber nicht, nur sehr vereinzelt stelle jemand die Pflicht in Frage.

Die Museumsdirektorin vom Stapferhaus Lenzburg, Sibylle Lichtensteiger, fände einen Museumsbesuch ohne Maske schöner.

Die Museumsdirektorin vom Stapferhaus Lenzburg, Sibylle Lichtensteiger, fände einen Museumsbesuch ohne Maske schöner.

Britta Gut

Ob sich eine Zertifikatspflicht auf die Anzahl der Besucherinnen und Besucher auswirken würde, mag Lichtensteiger nicht prognostizieren, die Akzeptanz in der Bevölkerung und unter den Museumsgänger sei schwierig einzuschätzen. Sicher aber würde die Pflicht für das Stapferhaus einen Mehraufwand bedeuten. «Würde sie bereits ab morgen gelten, wären wir überfordert», so Lichtensteiger. Jede Änderung bringe neue Unsicherheiten mit sich. Wie und von wem die Zertifikate geprüft werden etwa, sei offen. Auch, wie eine gut besuchte Institution wie das Stapferhaus dann mit allfälligen, langen Warteschlangen umgehen müsste. Oder was genau für Gruppen gelte, welche die Ausstellung besuchen.

«Vielleicht müssten wir uns zur Vorbereitung mit jemandem austauschen, der die Erfahrungen bereits gemacht hat», meint Lichtensteiger. Denn selbstverständlich würde das Stapferhaus sich auch bei Schwierigkeiten an die Regeln halten: «Wenn wir so unseren Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten können, machen wir das natürlich. Und wir schaffen das.»

Heitere-Organisator: «Anlässe drinnen könnten sich nicht mehr lohnen»

Christoph Bill ist Präsident des Veranstalterverbandes SMPA und Chef der Heitere Events Zofingen. «Für uns als Heitere-Organisatoren steht schon länger fest, dass bei uns eine Zertifikatspflicht gelten wird, weil wir ein Anlass mit über 1000 Besuchern sind. Der Aufwand dafür ist beträchtlich, es braucht mehr Eingänge, mehr Personal für die Kontrollen und Testmöglichkeiten vor Ort», sagt er.

Christoph Bill, Präsident des Veranstalterverbandes SMPA und Chef der Heitere Events Zofingen.

Christoph Bill, Präsident des Veranstalterverbandes SMPA und Chef der Heitere Events Zofingen.

Alexandra Wey / KEYSTONE

Zudem zeige sich beim Heitere Open Air, das dieses Jahr vom 10. bis 12. September stattfindet, das gleiche Bild wie fast überall: «Der Vorverkauf verläuft bisher eher schleppend, die Nachfrage ist geringer als angenommen, offenbar besuchen viele Leute trotz allem weniger Grossanlässe.»

Bei kleineren Outdoor-Anlässen wird auch künftig kein Zertifikat nötig sein, doch im Herbst und Winter gibt es diese kaum, dann werden Konzerte drinnen durchgeführt. «Dass künftig auch bei Anlässen mit kleiner Besucherzahl drinnen ein Zertifikat obligatorisch sein soll, ist eine neue Auflage, die zusätzlichen Aufwand bringt», sagt Bill. Er befürchtet, dass dies die Leute weiter verunsichert «und die Besucherzahlen bei Anlässen in Innenräumen so tief sein werden, dass sich das für viele Veranstalter nicht mehr lohnt».

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