«Unüberlegter Entscheid» oder «Zertifikatspflicht hat nur Vorteile»: So unterschiedlich reagieren Aargauer Wirte auf den Bundesratsentscheid

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Ab dem kommenden Montag ist das Covid-Zertifikat in Aargauer Restaurants obligatorisch – und muss kontrolliert werden. KEYSTONE

«Wir mussten leider damit rechnen, dass die Zertifikatspflicht ab Montag auch in Restaurants gilt», sagt Bruno Lustenberger, Präsident von Gastro Aargau und Besitzer der «Krone» in Aarburg. Als die AZ ihn nach der Medienkonferenz des Bundesrats am Mittwoch telefonisch erreicht, sitzt Lustenberger mit weiteren Aargauer Gastronomen in Kandersteg in der Gartenbeiz des Schweizer Wirtepräsidenten Casimir Platzer. Draussen auf der Terrasse ist auch künftig kein Zertifikat nötig, doch dies hilft den Restaurants laut Lustenberger wenig.

«Bei gutem Wetter sind die Leute auf der Terrasse, bei schlechtem Wetter sitzen sie drinnen. Jetzt ist es schön und warm, aber im Herbst und Winter, wenn es regnerisch und kalt wird, sind Plätze auf der Terrasse keine Lösung», sagt Lustenberger. Der kantonale Gastropräsident sagt, die Aargauer Wirte hätten sich klar gegen eine Zertifikatspflicht ausgesprochen, doch nun müssten sie sich der Vorschrift fügen.

«Es bringt nichts, jetzt die Faust im Sack zu machen und zu fluchen, wir müssen uns mit der Situation arrangieren und das Beste daraus machen», sagt Lustenberger. Dennoch rechnet der Gastro-Präsident einerseits mit Mehraufwand, andererseits mit einem Umsatzrückgang für die Wirte. «Bei mir im Hotel ist die Kontrolle der Zertifikate kein grosses Problem, das kann man beim Einchecken machen bei Geimpften oder alle drei Tage bei Getesteten», sagt er. Für eine Bar oder ein Restaurant ohne Hotelbetrieb sei der Aufwand ungleich grösser, weil das Zertifikat bei jedem Gast kontrolliert werden müsse, der neu ins Lokal komme.

Bruno Lustenberger, «Krone» Aarburg: «Weihnachtsessen stehen auf der Kippe»

Bruno Lustenberger, Präsident von Gastro Aargau: «Es bringt nichts, jetzt die Faust im Sack zu machen und zu fluchen, wir müssen uns mit der Situation arrangieren und das Beste daraus machen.»

Bruno Lustenberger, Präsident von Gastro Aargau: «Es bringt nichts, jetzt die Faust im Sack zu machen und zu fluchen, wir müssen uns mit der Situation arrangieren und das Beste daraus machen.»

Britta Gut

«Dass sich jemand, der nicht geimpft ist, für ein schönes Abendessen mit der Familie vorher testen lässt, mag noch sein», sagt Bruno Lustenberger. Aber die Handwerker, die zum Znüni kommen, oder die Angestellten, die ein Feierabendbier nehmen, würden dies sicher nicht tun, gibt er zu bedenken. Und auch die Weihnachtsessen und Firmenfeiern zum Ende des Jahres stünden mit diesem Entscheid auf der Kippe, sagt der Wirtepräsident. «Wenn von der Belegschaft eines Unternehmens vielleicht 40 Prozent nicht geimpft sind, wird sich der Chef dreimal überlegen, ob er ein Weihnachtsessen durchführt», befürchtet Lustenberger.

Als die Restaurants während der Pandemie ganz geschlossen waren oder nur die Terrassen öffnen durften, wurden sie von Bund und Kanton entschädigt. Auch jetzt fordert Lustenberger wieder Entschädigungen für den Mehraufwand und die Umsatzeinbussen. «Ich hoffe, dass die Politik hier Lösungen findet, damit diese schwierige Zeit für uns einigermassen tragbar wird», sagt der Gastropräsident.

 

Manuela Schmid, Gasthof Zum Schützen Aarau: «Der Entscheid ist unüberlegt»

Manuela Schmid, Co-Inhaberin des «Schützen»: «Entweder brauchen wir mehr Personal oder wir müssen die Öffnungszeiten verkürzen.»

Manuela Schmid, Co-Inhaberin des «Schützen»: «Entweder brauchen wir mehr Personal oder wir müssen die Öffnungszeiten verkürzen.»

Sandra Ardizzone

Auch bei den Gastgebern im «Schützen» in Aarau stösst der bundesrätliche Beschluss auf wenig Gegenliebe. «Der Entscheid ist unüberlegt», sagt Co-Inhaberin Manuela Schmid. Für sie ist klar: Es ist alles viel zu schnell gegangen. «Was mich am meisten plagt, ist die kurzfristige Entscheidung – bis am Montag müssen wir alles umsetzen», so Schmid. Dabei gebe es noch viele Fragezeichen. Etwa, ob auch Terrassengäste für den Toilettengang drinnen ein Zertifikat bräuchten, oder wie man die Regelung beim Personal und den Lieferanten umsetzen solle.

Schmid, die gemeinsam mit ihrem Bruder Peter Schneider und dessen Frau zwei Restaurants führt, benennt die Folgen der Zertifikatspflicht für ihre Betriebe:

«Entweder brauchen wir für die Kontrolle mehr Personal oder wir müssen die Öffnungszeiten verkürzen.»

Der «Schützen» hat von halb acht Uhr morgens bis Mitternacht geöffnet – «da ist es unmöglich, die ganze Zeit zu kontrollieren.» Dass die Masken- und Abstandsregeln mit der Zertifikatspflicht wegfallen, könne die Nachteile nicht kompensieren: «Die Einbussen scheinen mir grösser», sagt Schmid. Sie glaubt auch, dass sich die Gäste vorerst noch mit Schutzmassnahmen wohler fühlen: «Da ist die Sensibilität der Leute zu gross.» Abschliessend sagt die «Schützen»-Gastgeberin: «Grundsätzlich ist die Zertifikatspflicht vielleicht der richtige Schritt, damit wir irgendwann wieder zur Normalität kommen. Die Umsetzung ist aber nicht durchdacht.»

 

Robin Deb Jensen, «Müli» Mülligen: «Wir begrüssen den Entscheid mit dem roten Teppich»

Gastronom Robin Deb Jensen und seine Frau Marloes Tjalsma hätten die Zertifikatspflicht in der «Müli» sowieso eingeführt.

Gastronom Robin Deb Jensen und seine Frau Marloes Tjalsma hätten die Zertifikatspflicht in der «Müli» sowieso eingeführt.

Britta Gut

Am anderen Ende der Gefühlsskala ist Robin Deb Jensen, der gemeinsam mit seiner Frau das Restaurant Müli in Mülligen führt. «Wir begrüssen die Zertifikatspflicht mit dem roten Teppich», erklärt er. «Wenn man sieht, was in den Spitälern los ist, kommt der Beschluss sogar ein bisschen zu spät.» Auch unabhängig vom bundesrätlichen Entscheid hätten sie in der «Müli» demnächst die Zertifikatspflicht eingeführt. Jensen sagt:

«Der Aufwand hält sich in Grenzen. Wir haben schon alles organisiert: Die App ist bereit und auch beim Personal müssen wir nicht aufstocken.»

Denn die Aufhebung der Abstands- und Maskenpflicht erlaube es ihnen, endlich wieder alle Mitarbeitenden aus der Kurzarbeit zu holen.

Zudem gebe es mehr Planungssicherheit, sowohl für den Betrieb als auch die Gäste. Gerade im Hinblick aufs Weihnachtsgeschäft sei das sehr wichtig – so rechnet Jensen eher mit Gewinnen denn mit Verlusten. Er bilanziert: «Stand heute sehe ich in der Zertifikatspflicht nur Vorteile.»

Dano Dreyer, Henry's Sports Bar Baden: «Positiv überrascht vom ersten Wochenende mit Zertifikatspflicht»

Dano Dreyer hat mit der Zertifikatspflicht schon Erfahrungen gesammelt und ist positiv überrascht: «Die Leute haben die wiedergewonnenen Freiheiten voll ausgekostet.»

Dano Dreyer hat mit der Zertifikatspflicht schon Erfahrungen gesammelt und ist positiv überrascht: «Die Leute haben die wiedergewonnenen Freiheiten voll ausgekostet.»

Rahel Künzler

Eine unfreiwillige Vorreiterrolle bei der Zertifikatspflicht spielt Dano Dreyer, Betreiber der Henry’s Sports Bar in Baden. Schon letztes Wochenende galt in der Bar: Zutritt nur mit Zertifikat. Zuvor hatte Dreyer Besuch von der Polizei bekommen, weil ein Video kursierte, das Verstösse gegen die Maskenpflicht in seinem Lokal zeigte.

Nun erzählt Dreyer von den ersten Erfahrungen mit der Zertifikatspflicht: «Ich bin positiv überrascht», erklärt er. Die Reaktionen der Gäste seien mehrheitlich positiv gewesen:

«Die Leute haben alle Freiheiten gehabt wie vor Corona. Das haben sie voll ausgekostet, die Stimmung war ganz anders als sonst.»

Zudem hätten die Gäste das erste Mal die Gesichter der Angestellten gesehen: «Das ist eine ganz andere Interaktion zwischen Gast und Personal.»

Was die Zukunft betrifft, verfällt Dreyer aber nicht in Euphorie: «Wenn die Leute die Tests selbst bezahlen müssen, sieht es womöglich wieder ganz anders aus.» Ob viele Gäste wegbleiben oder gar extra kommen, weil sie sich sicherer fühlen, kann Dreyer unmöglich abschätzen. «Die Regeln sind, wie sie sind. Wir halten uns daran und versuchen, das Beste daraus zu machen», so Dreyer.

Hans-Peter Budmiger, «Wave» Muri: «Zertifikat ist 100-mal besser als Schliessung»

Hans-Peter Budmiger, Betreiber von «Wave» in Muri: «Die Pandemie ist Realität und Massnahmen wie die Zertifikatspflicht sind Schritte dazu, sie zu bewältigen.»

Hans-Peter Budmiger, Betreiber von «Wave» in Muri: «Die Pandemie ist Realität und Massnahmen wie die Zertifikatspflicht sind Schritte dazu, sie zu bewältigen.»

Eddy Schambron

Hans-Peter Budmiger betreibt in Muri die Café-Bar Wave, ist Gemeindepräsident im Klosterdorf und sitzt für die GLP im Grossen Rat. «Ich gehe davon aus, dass gewisse Leute nicht mehr ins Restaurant kommen und dass es für einige Lokale spürbare Einbussen geben wird, wenn ab Montag das Zertifikat obligatorisch ist», sagt er. Dennoch habe er grundsätzlich Verständnis für den Entscheid des Bundesrats und stehe der Massnahme positiv gegenüber. Budmiger hält fest:

«Es ist immer noch hundert Mal besser, wenn im Restaurant die Zertifikatspflicht gilt, als wenn wir die Lokale wieder ganz schliessen müssten.»

Für viele Gäste schaffe die Lösung mit dem Zertifikat zudem eine gewisse Sicherheit, ergänzt der Gastronom und Politiker. Budmiger ist sich bewusst, dass er im «Wave» die Zertifikate seiner Gäste kontrollieren muss und dies einen gewissen Aufwand mit sich bringt. «Wir kommen nicht um Kontrollen herum, aber ich begrüsse es sehr, dass nicht die Wirte gebüsst werden sollen, wenn jemand ohne Zertifikat im Lokal sitzt», sagt er.

Sein Konzept im «Wave» basiert darauf, dass sich viele Leute auf wenig Platz aufhalten, was in Pandemiezeiten nicht möglich ist. «Weder ich noch meine Gäste noch der Bundesrat haben sich das Virus gewünscht. Aber die Pandemie ist Realität und Massnahmen wie die Zertifikatspflicht sind Schritte dazu, sie zu bewältigen», sagt Budmiger. Dennoch wünscht er sich, dass Bund und Kanton die Gastrobetriebe weiter unterstützen.

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Die Mehrheit bestimmt

Pitsch
schrieb am 09.09.2021 17:24
interessanterweise sind alle Entscheide im Zusammenhang mit der Pandemie in der Schweiz schwieriger umzusetzen als im Ausland. Dies obwohl wir die wenigsten Einschränkungen verordnet bekamen.
Weshalb nimmt man Beschränkungen für Reisen oder den Zugang zu Restaurants im Ausland an und in der Schweiz nicht?
Wenn im November das Zertifikat fallen würde, wären Schliessungen die Konsequenz und Ferienreisen dürften nochmals schwieriger werden.
Aber keine Angst, dafür gibt es dann die SVP oder die "Freunde der Verfassung" welche sicherlich tragbare Lösungen bereit halten.
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