Auch der bekannte forensische Psychiater Josef Sachs ist betroffen: «Ein solcher Fall ist mir in meiner langen Laufbahn nie begegnet»

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Josef Sachs war bis zu seiner Pensionierung im August 2015 Chef der forensischen Psychiatrie in Königsfelden. Bild: Chris Iseli

Dem schweizweit bekannten forensischen Psychiater Josef Sachs ist in seiner langen Laufbahn ein Fall, wie er sich am Dienstag in Frick abgespielt hat, noch nie begegnet. Im Interview spricht er darüber, was zu einem erweiterten Suizid führen kann und wie die Eltern des toten Geschwisterpaares den Weg in die Zukunft schaffen können.

Die Schwester hat ihren Bruder getötet und danach sich selbst. Sind Ihnen andere solche Fälle bekannt?

Josef Sachs: Ein Fall, in dem ein erweiterter Suizid unter Geschwistern erfolgt, ist mir in meiner langen Laufbahn noch nie begegnet.

Weshalb ist dies ungewöhnlich?

Zwischen Geschwistern bestehen in der Regel nicht derart intensive Beziehungen wie zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Ehepartnern. Dies sind klassische Konstellationen für einen erweiterten Suizid. Eine solche Tat setzt eine sehr intensive, emotionale Beziehung voraus.

Welche Konstellation trifft man bei einem erweiterten Suizid oft an?

Typischerweise handelt es sich um einen sozial gut integrierten Täter im mittleren Erwachsenenalter, der in persönliche, familiäre oder finanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Als Persönlichkeit legt er Wert auf den äusseren Schein und fühlt sich gekränkt, wenn er diesen nicht mehr aufrechterhalten kann. Seine Familie betrachtet er sozusagen als Teil seiner selbst. Oft wird in diesen Fällen auch von Familienmord oder von Mitnahmesuizid gesprochen. Seltener kommt es vor, dass eine Mutter ihr Kind – meistens im Kleinkindesalter – tötet und sich dann selbst das Leben nimmt.

Findet man also bei einem erweiterten Suizid oft ein Hierarchie- oder Machtgefälle?

Ja, denn die erweiterten Suizide ereignen sich in der Regel innerhalb einer Familie. Meistens ist es der Familienvater, der den erweiterten Suizid auslöst. In diesem Fall, in dem eine ganz andere Tatdynamik geherrscht hat, muss ein anderes Motiv vorhanden gewesen sein, das ich mir allerdings nicht ganz erklären kann.

Sie sagen, in der Regel löst der Familienvater den erweiterten Suizid aus. In diesem Fall ist es nicht der Mann, sondern die Frau. Was sagt Ihnen das?

Dass nicht die klassische Dynamik vorhanden war, in der jemand eine heile Welt nach aussen vorspielen wollte. Vermutlich bestand ein schwerer Konflikt zwischen den beiden. Dabei kann es sich um einen realen Konflikt gehandelt haben oder er kann nur im Erleben der Täterin bestanden haben.

Ein guter Bekannter der Familie sagt gegenüber der AZ, die Schwester sei im Job ein Mobbingopfer gewesen und habe dadurch psychische Probleme bekommen.

Das wäre eine mögliche Erklärung – falls es zum Beispiel psychische Probleme sind, die mit Wahn verbunden sind. Bei Menschen mit Wahnhandlungen gibt es häufig Motive oder auch Tathandlungen, die nach aussen bizarr wirken und nicht nachvollziehbar sind.

Ist ein erweiterter Suizid eine Handlung im Affekt oder genau geplant?

Normalerweise sind Suizide lange geplant. Manchmal werden sie auch im Voraus angekündigt; dies unter Umständen in verklausulierter Form. Allerdings besteht während der Planungsphase meistens eine lange Zeit der Ambivalenz – «soll ich, oder soll ich nicht?». Anders sieht es aus, wenn die Tat aus einer psychischen Erkrankung heraus erfolgt ist. Dann kann es auch zu Handlungen kommen, die nicht oder nur kurzfristig geplant sind.

Als Waffe kam ein Messer zum Einsatz. Was sagt Ihnen das?

Ein Messer ist eine Tatwaffe, die leicht zu beschaffen ist. Das spricht eher dafür, dass keine langfristige Planung da war – im Gegensatz zu einer Schusswaffe, wo es einen längeren Prozess bereits vor der Tat braucht, um diese zu beschaffen.

Kommen Messer bei erweiterten Suiziden also selten als Tatwaffe zum Einsatz?

Ja, meist werden Schusswaffen eingesetzt. Dies auch deshalb, weil die meisten erweiterten Suizide geplant werden.

Beide Kinder wohnten noch zu Hause. Was passiert in einem solchen Fall in den Eltern?

Die Tat ist für sie ein massives Trauma. Was es in ihnen auslöst, kann man allerdings nicht pauschal sagen. Häufig ist bei Suiziden eines Kindes zu beobachten, dass die Tat bei den Eltern Schuldgefühle auslöst. Die Eltern machen sich Vorwürfe, dass sie nichts gemerkt haben und es ihnen nicht gelungen ist, die Tat zu verhindern. Eine solche Tat löst auch Verzweiflung und Schamgefühl aus. Man traut sich fast nicht mehr unter die Leute, wenn so etwas passiert ist.

Wieso machen sich Eltern Schuldgefühle?

Weil sie sich vorwerfen, es nicht früher gemerkt zu haben. Und weil es ihnen nicht gelungen ist, die Tat zu verhindern.

Wie können Eltern mit einer solchen Tat zurechtkommen?

Um dies verarbeiten zu können, brauchen Betroffene in aller Regel therapeutische Unterstützung. Sie brauchen aber auch die Unterstützung in ihrem Beziehungsnetz. Es ist nicht gut, wenn sich die Menschen im Umfeld zurückziehen – nur weil sie nicht wissen, wie sie den Betroffenen begegnen sollen. Gerade in diesem Moment brauchen sie Unterstützung von ihrer Familie und ihrem Umfeld.

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