Sie wurde gemobbt, hatte Angstzustände und Panikattacken: Jetzt ist diese junge Aargauerin zurück im Leben und hat ein Buch geschrieben

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Positiver Blick in die Zukunft: Nicole Pfund will mit ihrem Buch anderen Menschen helfen und sie ermuntern, zu ihren Ängsten zu stehen. Bild: Ursula Burgherr

Es ist der zierlichen, 1.60 Meter grossen Frau mit den grünen Augen und hüftlangen Haaren nicht anzusehen, wie viel sie in ihrem Leben schon durchmachen musste. Sie sei in behüteten Verhältnissen mit zwei älteren Geschwistern im unteren Aaretal aufgewachsen, erzählt die 25-jährige Nicole Pfund.

An ihre Kindheit hat sie nur gute Gedanken. Doch dann, in der Sekundarschule, fing es an mit dem Mobbing. Warum ausgerechnet die hübsche und sympathische Schülerin alles Fett wegbekam, kann sie sich bis heute nicht erklären. Sie erinnert sich: «Ich wurde in der Gruppe ständig mit Fluchwörtern beschimpft. Man leerte Essen und Getränke über mich aus.»

Nicole Pfund sagt: «Ich hätte mich wehren sollen, aber das ist nicht meine Stärke.» Ihre Ängste und den Kummer frass sie während der vier Jahre Oberstufe in sich hinein. Wenn es ganz schlimm wurde, ging sie zur Schulleitung. «Ich hatte aber nie das Gefühl, ernstgenommen zu werden.»

Nach der Schule entschied sie sich für eine Ausbildung zur Köchin und hoffte, dass sich alles zum Besseren wenden würde. Aber weit gefehlt.

Die Diagnose «Angststörung» war für sie eine Erleichterung

«Ich war an meiner Lehrstelle nicht am richtigen Ort. Öfters bekam ich zu hören, ich sei unfähig», blickt Pfund zurück. Sie sei sensibel, gibt sie in ihrer Würenlinger Wohnung zu, und nehme sich Kritik sehr zu Herzen. Dass etwas mit ihr nicht stimme, merkte sie erstmals, als sie mit Freundinnen in den Ausgang ging. «Ich bekam Bauchkrämpfe, Übelkeit und starkes Herzrasen. Manchmal drohte ich, ohnmächtig zu werden. Ich musste dann sofort weg und meine Ruhe haben.»

Dieses Unwohlsein befiel sie mit der Zeit auch in Restaurants, Einkaufszentren und anderen Orten mit grossem Menschenaufkommen. «Ich dachte lange, meine Störungen seien physischer Natur», erzählt Pfund. Sie liess sich von etlichen Ärzten durchchecken. Ohne Befund. Erst eine Psychologin diagnostizierte ihr schliesslich eine starke Angststörung. «Es war eine Erleichterung, endlich eine Diagnose zu erhalten», meint sie im Rückblick und fährt mit ernster Miene fort, «andererseits wollte ich mir nicht eingestehen, dass ich mit gerade mal 20 Jahren ein ernstes psychisches Problem hatte.»

Nicole Pfund spürte längstens, dass sie unglücklich war in der Kochlehre. «Ich brach sie ab und zog mich für ein Jahr total aus der Öffentlichkeit zurück.» Dank regelmässiger Therapien fand die sensible Frau mit kleinen Schritten wieder ins Leben zurück. «Ich bekam von meiner Psychologin Atemübungen und Meditationen für den Alltag mit auf den Weg. Wenn ich merke, dass ich stark gestresst bin, gehe ich in die Natur raus und versuche tief in den Bauch zu atmen, bis ich wieder ruhig werde.» Vor allem habe sie eins gelernt: «Auf Distanz von einem Geschehen zu gehen, statt sich reinzusteigern.»

Diese ganz bewusste Haltung half ihr vor drei Jahren auch, ihr Schicksal im Buch «Little Fighter» niederzuschreiben und es in Eigenregie herauszugeben. «Es gibt zahlreiche Bücher über Angststörungen von Psychologen und Ärzten. Aber wie es in einer Betroffenen aussieht, wenn sie in die Negativspirale der Angst gerät, darüber gibt es nur wenig Literatur.»

Beruflich und privat das Glück gefunden

Mit ihrem Buch will Nicole Pfund ein Thema ansprechen, dass ihrer Meinung nach in der Gesellschaft immer noch zu oft unter den Teppich gekehrt wird. Und Menschen vor allem Mut machen, zu sich und ihren Ängsten zu stehen. «Mir wurde lange gesagt, ich soll mich etwas zusammenreissen und hätte ja gar kein wirkliches Problem», sagt sie.

Auf ihrem linken Arm prangt ein grosses Tattoo von einem Tiger. «Er ist loyal und Einzelkämpfer. Ein kräftiges Tier, das jede Situation meistern kann. Das entspricht mir voll und ganz», sagt sie. Auf dem Schlüsselbein hat sie sich den Titel ihres Buches «Little Fighter» stechen lassen. Zusammen mit der höchsten Herzfrequenz, die sie bei einer Panikattacke je hatte.

Das Foto von ihr auf dem Buchcover hat Symbolgehalt. Pfund lässt ihren Blick vom Pilatus aus in die Weite schweifen. Ihr steht heute eine prosperierende Zukunft bevor. Sie hat ein Diplom zur Gesprächstherapeutin in der Tasche, absolviert eine zweijährige Nachholbildung zur Fachfrau Betreuung und ist glücklich liiert. Was wird ihr niemals mehr passieren nach den schweren Erfahrungen, die sie gemacht hat? «Alles was mir nicht gutgetan hat. Ich habe viel gelernt. Heute weiss ich, wie wichtig es ist, auf mein Bauchgefühl zu hören und ihm zu vertrauen», sagt Nicole Pfund und zeigt zum ersten Mal ein breites Lächeln.

«Little Fighter», Nicole Pfund, 152 Seiten.

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