Bereit für das Saisonhighlight? So funktioniert der Schweizer Nationalsport

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Joel Wicki (r.) duelliert sich mit Samuel Giger. Sie sind die Topfavoriten für den Kilchberger Schwinget. Bild: Urs Flueeler / KEYSTONE

Ursprünglich als Revanche für das Eidgenössische Schwingfest organisiert, findet das Fest im zürcherischen Kilchberg nur alle sechs Jahre statt. Aufgrund der ­Coronapandemie wurden es nun sogar sieben. Doch dem Interesse an der Sportart tat dies keinen Abbruch. Die Nachfrage für Tickets übersteigt das Angebot deutlich und die TV-Über­tragungen erreichen Traumquoten. Doch wie funktioniert dieser Sport überhaupt?

A wie Arbeit: «Manne, a d’Arbet», heisst es zu Beginn des Schwingfests. Ihren Sport nennen die Schwinger Arbeit. Ebenso heilig ist vielen der Amateurstatus. Das zeigte sich besonders, als es im Frühling darum ging, ob die besten Schwinger früher trainieren dürfen als ihre Kollegen, nachdem Kontaktsport aufgrund von Corona verboten wurde. Dass der Eidgenössische Schwingerverband diesen Weg wählte, und quasi eine Elite definierte, sorgte für viel Kritik.

B wie Benotung: Beim Schwingen ist das Ziel, den Gegner auf den Rücken zu legen. Ein Kampf ist entschieden, wenn zweidrittel des Rückens oder beide Schulterblätter das Sägemehl berühren. Danach erhalten beide Schwinger eine Note. Wird der Gegner direkt auf den Rücken gelegt, gibt es eine 10,00. Muss der ­Sieger nachdrücken, erhält er eine 9,75. Für ein Unentschieden, im Schwingen gestellt genannt, wird bei einer aktiven Schwingweise eine 9,00 auf das Notenblatt geschrieben und sonst eine 8,75. Eine Niederlage wird mit 8,50 bewertet, oder in Ausnahmefällen bei attraktiver Gegenwehr mit 8,75. Wer nach sechs Gängen – oder acht am Eidgenössischen Schwingfest – am meisten Punkte vorweist, gewinnt das Fest.

C wie Coming-out: Als erster aktiver männlicher Spitzensportler sprach Curdin Orlik 2020 im «Magazin» öffentlich über seine Homosexualität. Das warf hohe Wellen. Von vielen wurde Orlik für den Mut bewundert, weil in Schwingerkreisen teils noch veraltete Weltbilder vorherrschen. Dass es Vorurteile gibt, musste auch Sinisha Lüscher erfahren. Der Aargauer gewann im August als erster dunkelhäutiger Sportler den Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag und erzählte, wie er früher rassistisch angefeindet wurde.

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Sinisha Lüscher (l.) gewann in diesem Sommer den Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag, er musst in seiner Schwingkarriere aber auch schon rassistische Bemerkungen ertragen. Bild: Pascale Alpiger

 

D wie Doping: Ist im Schwingen, wie in jeder anderen Sportart, verboten. Dennoch wurden schon Schwinger positiv getestet. Ein erster prominenter Fall war jener von Beat Abderhalden, der Bruder von Schwingerkönig Jörg Abderhalden. Bei ihm wurde 2001 ein erhöhter Testosteronwert festgestellt. Beat Abderhalden sagte 2014 zu dieser Zeitung: «Ich habe nie wissentlich gedopt.» Mit Martin Grab wurde 2018 der bisher bekannteste Schwinger überführt. Auch er beteuert seine Unschuld.

E wie Einteilung: Im Schwingen treffen Athleten von verschiedener Grösse, Gewicht und Qualität aufeinander. Vom Hobbyschwinger, der einmal pro Woche trainiert, bis zu den Besten, die täglich für den Erfolg arbeiten, ist alles dabei. Um diese Unterschiede auszugleichen und weil es keine Gewichtsklassen gibt, teilt das Kampfgericht den Schwingern möglichst gleich starke Gegner zu. Da mit dieser Methode im Verlauf des Fests immer Athleten aus der gleichen Region der Rangliste aufeinandertreffen, sind spannende Gänge bis zum Schluss gewährleistet. Trotzdem ist die Einteilung ein Politikum.

F wie Frauen: Nach wie vor gibt es in Schwingerkreisen Traditionalisten, die sagen, Frauen haben im Sägemehl nichts zu suchen – ausser als Ehrendamen oder Zuschauerinnen. Im Jahr 1992 wurde der Schweizerische Frauenschwingverband gegründet. Die Vereinigung mit etwa 180 Aktivschwingerinnen wird vom Eidgenössischen Schwingverband aber nicht offiziell anerkannt.

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Michelle Brunner wurde 2019 als Königin geehrt. Bild: Eveline Beerkircher

 

G wie Gaben: Am Ende eines Fests dürfen sich die Schwinger der Rangliste nach einen Preis aus dem Gabentempel aussuchen. Die Besten erhalten einen Lebendpreis. Weil die wenigsten Schwinger einen Landwirtschaftsbetrieb führen, ist es üblich, diese an den Züchter zurückzugegeben und dafür den Barwert ausbezahlt zu bekommen.

H wie Hauptschwünge: Das Schwingerlehrbuch führt etwa 100 Schwünge auf – die meisten Spitzenschwinger beherrschen davon aber nur etwa fünf oder sechs. Zu den Hauptschwüngen zählt der Kurz. Ebenfalls sehr beliebt sind der Gammen, der Bur, der Übersprung, der Hüfter und auch der Wyberhaken.

 

I wie Interesse: Das Schwingen erlebte in den vergangenen Jahren einen Boom. Über 400 000 Menschen besuchten an drei Tagen das Eidgenössische Schwingfest 2019 in Zug. 56 500 Personen fanden in der Arena Platz. Die Coronapandemie hat nun alles etwas verkleinert. Am Kilchberger Schwinget sind am Samstag 6000 (statt sonst 12 000) Fans dabei. Dank TV-Übertragung wird das Fest aber erneut Rekordaufmerksamkeit erlangen. Das Schweizer Fernsehen hat sich die Rechte für die wichtigsten Feste bis ins Jahr 2028 gesichert.

J wie Jungschwinger: So werden Nachwuchsathleten im Alter von 8 bis 15 Jahren bezeichnet. Nebst 3000 Aktivschwingern zählte der Eidgenössische Schwingverband über viele Jahre ebenso viele Jungschwinger in seinen Reihen. Allerdings sind die Zahlen derzeit leicht rück­läufig – im Aktiv- und im Nachwuchsbereich. Als Grund wird die Coronapause vermutet.

K wie Kranz: Das Eichenlaub ist bei den Schwingern begehrt. An einem Kranzfest werden die besten 15 bis 18 Prozent damit ausgezeichnet. Wer am Eidgenössischen einen Kranz holt, darf sich fortan Eidgenosse nennen. Hinter seinem Namen werden auf den Startlisten in Zukunft drei Sterne (***) aufgeführt. Schwinger, die an einem Teilverbands- oder Bergfest Eichenlaub ­holen, erhalten zwei Sterne (**), Kränze an einem Kantonalfest werden mit einem Stern (*) belohnt. Speziell: An den beiden eidgenössischen Anlässen Kilchberger Schwinget und Unspunnen-Fest gibt es keine Kränze zu gewinnen. Es zählt nur der Sieg.

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Schwingerkönig Christian Stucki wird 2019 mit einem Kranz gekrönt. Bild: Andy Mettler / swiss-image.ch

 

L wie Lutz: Das Elixier des Schwingerfans. Der Kaffee mit Schnaps fehlt an keinem Schwingfest im Getränkeangebot. Manchmal wird der Lutz auch von fleissigen Helfern direkt an den Platz geliefert – gezapft aus Militär-Thermosbehältern, die auf dem Rücken getragen werden.

M wie Muni: Der Sieger eines Schwingfests erhält traditionellerweise einen Muni. Am Samstag in Kilchberg heisst dieser Harald.

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Muni «Harald» ist bereit für den Sieger des Kilchberger Schwingets. Bild: zvg

 

N wie Nationalsport: Das Schwingen ist in seiner Art weltweit einzigartig. Zwar gibt es auch in den USA und Kanada kleine Schwingfeste, allerdings sind es Auswanderer aus der Schweiz und deren Nachkommen, die ins Sägemehl steigen. Der genaue Ursprung ist unbekannt, erste Darstellungen datieren aus dem 13. Jahrhundert. Erstmals geschichtlich überliefert wurde am Unspunnen-Fest 1805 geschwungen.

O wie Obmann: Der Präsident des Zentralvorstands des Eidgenössischen Schwingerverbandes wird Obmann genannt. Derzeit ist es der Berner Markus Lauener.

P wie Profi: Profis gibt es im Schwingen nicht – auch wenn die Besten dank Werbeeinnahmen wohl vom Sport leben könnten. Allerdings haben mittler­weile einige Spitzenschwinger ihr Arbeitspensum reduziert.

Q wie Qualität: Das Schwingen hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt. Während vor 20 Jahren noch Schwergewichte dominierten, sind es heute oft kräftige Modellathleten, die um den Sieg schwingen. Dadurch hat sich auch der Trainingsaufwand stark erhöht. Aus dem Schwingen wurde ein Spitzensport. Selbst König Christian Stucki, der noch eher dem Körperbild früherer Zeiten entspricht, hat heute einen eigenen Kraft- und Konditionstrainer.

R wie Regeln: Im Schwingen ist Fairness sehr wichtig. Vor jedem Duell geben sich die Schwinger die Hand, danach wischt der Sieger dem Verlierer das ­Sägemehl vom Rücken. Aber auch für die Zuschauer gelten ungeschriebene Gesetze. So ist es verpönt, jemanden auszubuhen oder zu pfeifen. Wer seine Freude zeigen will, soll das mit einem Jauchzer und Applaus machen. Nicht erwünscht sind Regenschirme, welche die Sicht nehmen. Regnet es, ist die ­Militärpelerine Kult.

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Am Schwingfest bei Regen ein Muss: die Militärpelerine. Bild: Philipp Schmidli

 

S wie Schwingerkönig: Am Eidgenössischen Schwingfest wird alle drei Jahre an zwei Tagen der König erkoren. Der Ehren­titel gilt lebenslang – einen ehemaligen Schwingerkönig gibt es nicht. 1945 und 1950 wurde kein König gekrönt, weil die Schwinger im Schlussgang, also im letzten Kampf des Tages, zu passiv kämpften. Die Schwinger erhielten den Titel des Erstgekrönten. Diesen hat auch Joel Wicki am Eidgenössischen Schwingfest 2019 in Zug erhalten. Der Innerschweizer verlor im Schlussgang gegen Christian ­Stucki, beendete das Fest aber trotzdem punktgleich. Der Berner Stucki wurde König und Wicki Erstgekrönter.

T wie Turner: Schwinger müssen in korrekter Kleidung antreten, so steht es in den Regeln. Turnerschwinger sind auf dem Schwingplatz an ihren weissen Hosen und T-Shirts zu erkennen. Sie sind Mitglied in der Schwingsektion eines Turnvereines. Anders die Sennenschwinger: Sie gehören einem reinen Schwingklub an und tragen meistens Sennenhemden und dunkle Hosen.

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Ein Sennenschwinger (l.) trifft auf einen Turnerschwinger. Bild: Lorenz Reifler

 

U wie urchig: Folklore ist an Schwingfesten nach wie vor wichtig. So treten während der Wettkämpfe immer Mal wieder Jodlergruppen oder Alphorn­bläser auf. Zuletzt wurde das Schwingen auch in den Städten immer populärer. Mit Edelweisshemden gekleidet sitzen diese Fans auf den Sponsorentribünen. Denn Tickets sind auf dem normalen Weg kaum zu ergattern. Da die Nachfrage riesig ist, gehen die Kontingente an die Teilverbände, welche wiederum ihre Schwingklubs beliefern.

V wie Verbot: Obwohl sich Spitzenschwinger immer besser vermarkten und teils für ausländische Grossverteiler werben, darf während der Duelle im ­Sägemehl kein Sponsor oder Kleidungsmarke zu erkennen sein. Sonst drohen Sperre und Busse. Mittlerweile ist es den Schwingern erlaubt, in den Pausen eine Trainingsjacke oder eine Kappe mit ­Beschriftung zu tragen. Im Gegenzug müssen sie zehn Prozent ihrer Werbeeinnahmen dem Eidgenössischen Verband abgeben.

W wie Wasser: Traditionell hat es auf dem Schwingplatz einen aus Holz geschnitzten Brunnen, an dem sich die Schwinger vor dem Kampf treffen. Der Spritzer Wasser ins Gesicht wurde für viele Schwinger zu einem Ritual.

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Gehört am Schwingfest dazu: Der Gang an den Brunnen. Bild: Claudio Thoma / Freshfocus

 

X wie x-fach: Erst ein Schwinger konnte den Kilchberger Schwinget, der nur alle sechs Jahre stattfindet, zweimal gewinnen: Karl Meli (1967/1973). Sicher ist, dass es einen neuen Sieger geben wird. Der letzte Sieger, Matthias Sempach 2014, ist zurückgetreten, der vorletzte, Christian Stucki 2008, fehlt verletzt.

Y wie Youngsters: Die beiden grössten Favoriten für den Kilchberger Schwinget sind erst 23 (Samuel Giger) und 24 Jahre (Joel Wicki) alt. Doch aufgepasst: Am Eidgenössischen 2019 stahl ihnen der damals 36-jährige Stucki die Show.

Z wie Zwilchhose: Die Schwinger greifen sich an den Zwilchhosen. Diese sind von Hand gefertigt und werden vom Veranstalter eines Fests gestellt. Seit 2010 trägt jeweils ein Kontrahent eine dunkle und der andere eine helle Hose, um sie besser zu unterscheiden.

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Die Zwilchhosen gibt es in der hellen oder dunkelen Variante. Bild: Boris Bürgisser
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