
«Auch an der EM kann es Ausfälle geben»: Nati-Spielerinnen lassen Ausrede für 0:6-Klatsche nicht gelten
«Gänsehaut.» Das sagt Torhüterin Elvira Herzog, nach dem Spiel über die Atmosphäre im Letzigrund. 17’306 Zuschauende fanden den Weg ins Stadion. Doch die Atmosphäre blieb das einzige an diesem Abend, das Gänsehaut auslöste – zumindest positive. Gleich 0:6 gingen die Schweizerinnen gegen Deutschland unter. Klar sind die Deutschen eine Topnation, befinden sich derzeit auf Rang 4 der Weltrangliste. Doch nach dem Unentschieden gegen Australien (Weltrangummer 15) und dem Sieg gegen Frankreich (Weltrangnummer 10) durfte man durchaus zuversichtlicher sein.
Ein Treffer hätte das Spiel verändert
Die Zuversicht blieb während der gesamten ersten Halbzeit bestehen. Nur durch einen ungünstigen Treffer konnten die Deutschen kurz vor der Pause auf 0:1 schalten. In der zweiten Hälfte folgte dann der Einbruch: «Die Spielerinnen waren müde von den gespielten 45. Minuten. Die defensive Leistung hat viel Kraft gekostet», so Trainerin Pia Sundhage nach dem Spiel. Mit dem Ausgleichstreffer hätte das Spiel anders aussehen können, ist sie sicher.
Hingegen kassierten die Schweizerinnen innert sechs Minuten (50. und 56.) zwei Tore. «Das 0:3 war besonders hart, die Einstellung fiel von da an.» Sundhage nimmt ihre Spielerinnen dennoch in Schutz: «Sie haben alles versucht. Wir nehmen die erste Halbzeit mit, auf dieser können wir aufbauen. Es gab viel Rotation in der Startelf, das ist schwierig für die Spielerinnen.»
Grund für diese Rotation war das Fehlender vielen Stammspielerinnen, darunter auch Captain Lia Wälti. Dafür hätten nun Spielerinnen spielen dürfen, die ansonsten wenige bis keine Spielminuten erhalten hätten. Und auch sonst sind sich Trainerin und Spielerinnen nach den 90. Minuten einig: Ausfälle muss man auffangen können. «Klar kann man Spielerinnen wie Wälti und Bachmann nicht eins zu eins ersetzen. Aber man muss Ausfälle als Team ausgleichen. Auch an der EM kann es Ausfälle geben» sagt Herzog nach dem Spiel.
«Dieser Match definiert uns nicht»
Auch sie versucht das positive mitzunehmen. Die erste Halbzeit beispielsweise. Und: die Rekordzuschauenden. Es sei im Stadion extrem laut gewesen, das seien pure Gänsehaut-Momente. «Ein so hoch ausfallendes Resultat ist deshalb nochmals härter, wir hätten den vielen Zuschauenden gerne mehr geboten.» Doch eigentlich kann sich gerade Herzog keinen Vorwurf machen. Immer wieder zeichnete sie sich mit starken Paraden aus. Sie war in ihrem ersten Spiel als offizielle Nummer 1 die beste Schweizerin auf dem Platz.

Bild: Claudio Thoma / freshfocus
Die anderen Spielerinnen hingegen waren, laut eigenen Aussagen weniger konzentriert als Herzog. «Wir sind nicht bereit gewesen», sagt Coumba Sow und Calligaris findet: «Wir müssen vor der Pause konzentrierter sein. Gegen Topgegnerinnen müssen wir die Chancen nutzen die wir bekommen.» Trotz dem ernüchternden Resultat betont Sow: «Dieser Match definiert uns nicht. Wir haben gegen Australien und Frankreich gezeigt, dass wir es besser können».
Die Jungen als Hoffnungsträger
Die Chancen nutzen. Das gelang an diesem Abend hinten und vorne nicht. Schon in der Startphase tauchte Alisha Lehmann praktisch alleine vor dem Tor der Deutschen auf. Sie konnte den Ball aber nicht wie gewünscht annehmen und kam schliesslich nicht zum Abschuss. Ob es schwierig sei, den Stürmerinnen bei dem Vergeben von solchen Chancen zuzuschauen, wird Calligaris gefragt. «Manchmal schauen wir ihnen zu, wie sie Chancen vergeben, ja. Aber sie haben uns heute zugeschaut, wie wir sechs Kisten kassierten» antwortet diese trocken. «Man gewinne und verliere als Team» betont sie daraufhin. Genau wie auch Sydney Schertenleib.
Die 17-Jährige war eine der besten Schweizer Feldspielerinnen am Freitagabend. Zusammen mit Iman Beney und Smilla Vallotto zeigten sie, dass sie fussballerisch schon auf einem Topniveau sind. Letztendlich dürfte das Auseinanderbrechen also auch an der fehlenden Erfahrung gelegen haben.

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Für Schertenleib, die in diesem Jahr erstmals für die A-Nati auflaufen durfte, war es «ein etwas anderes Spiel». Sie habe den Ball nicht so viel gehabt, wie sie es eigentlich mag. Trotzdem lieferten sie und ihre jungen Mitspielerinnen Beney und Vallotto die wenigen Lichtblicke des Abends. Schertenleib tänzelte gleich um vier Deutsche und Beney war, wie gewohnt, kämpferisch.
Das sind die positiven Ausschnitte des Spiels gegen Deutschland, die die Frauennati nach England mitnehmen kann. Die Spielerinnen und Sundhage sind sich einig, dass einiges analysiert und besser werden muss. Beispielsweise das Umschaltspiel oder die allgemeine Chancenverwertung. Trotz der Klatsche gegen Deutschland lassen sie sich vor dem Spiel am Dienstag in Sheffield nicht entmutigen. Sundhage spricht davon, dass ihre Spielerinnen aus dem Deutschland-Spiel ihre Lehren ziehen könnten. Und Innenverteidigerin Viola Calligaris sagt: «Es ist eine Möglichkeit zu zeigen, was wir können.» Ob das der Schweizer Nati gelingt, wird sich am Dienstag zeigen.