Der Fotofinish vor dem Anschwingen

Vier junge Schwinger heben sich gemäss den Resultaten der letzten Monate und Jahre von der Konkurrenz ab und sind mit ihren überragenden Leistungen untereinander kaum zu unterscheiden.

Eine Konstellation wie vor dem Eidgenössischen Fest vom Wochenende in Zug gab es an keinem Eidgenössischen der Nachkriegszeit.

21, 22, 23, 24. Dies sind der Reihe nach die Altersangaben der vier Gladiatoren Samuel Giger, Joel Wicki, Pirmin Reichmuth und Armon Orlik. Auch die rund zehn Jahre älteren Christian Stucki, der Unspunnensieger, und Matthias Glarner, der regierende Schwingerkönig, werden gelegentlich als Favoriten genannt, aber ihre Namen fallen nicht annähernd so häufig wie die der vier Youngsters.

Vor der Saison waren die jungen ganz Bösen zu dritt. Aber Pirmin Reichmuth gesellte sich schon ab Mai zu ihnen, indem er in kurzer Zeit mit überragenden Leistungen drei Kantonalfeste im eigenen Verbandsgebiet gewann. Wer noch Zweifel hatte, sah diese am 28. Juli ausgeräumt, als der baumlange Zuger aus Cham mit sechs Siegen das Bergkranzfest auf dem Brünig gewann und dabei einen Berner um den andern ins Sägemehl bettete.

Reichmuth war als Blackbox in die Saison gestartet. Man wusste zwar um sein immenses Talent und seine körperlichen Vorzüge - er ist mit 198 cm exakt auf Stuckis Breitengrad -, aber man wusste nicht, wozu er nach drei Kreuzbandrissen überhaupt noch fähig sein würde. Jetzt weiss man, dass ihm alles zuzutrauen ist.

Reichmuth sagt, er könne unbelastet schwingen und müsse im Kampf nicht ans Knie denken. Noch im Juni 2018 hatte es ihn im rechten Knie wieder "gezwickt", wie er sagt. Einen Moment lang habe er sich gefragt, ob er mit dem Schwingen weiterfahren sollte. Er machte weiter. Und jetzt sorgt er dafür, dass gleich vier Junge in der Favoritennennung auf einer Linie aufgereiht sind. Ein Fotofinish, noch bevor es losgeht.

Für Samuel Giger, der als damals 18-Jähriger schon Zweiter am Eidgenössischen 2016 in Estavayer war, gestaltete sich die laufende Saison schwierig. Nach einer Anfang Mai zugezogenen Schulterverletzung setzte der Thurgauer zwei Monate aus. Die ersten Ergebnisse nach dem Comeback waren nicht berauschend. Später meisterte er jedoch auf dem Weissenstein ein starkes Feld mit sechs Siegen und fünf Maximalnoten. Giger verkörpert wie Reichmuth den grossgewachsenen Modellathleten.

Joel Wicki ist 10 respektive 15 Zentimeter kleiner als Giger und Reichmuth, aber ein Schwingerkönig muss keine körperlichen Limiten einhalten. Das Manko in der Grösse macht der Sörenberger mit einer ungeheuren Kraft (und Schnellkraft) im ganzen Oberkörper wett. Und als etwas kleinerem Schwinger kommt ihm der tiefer liegende Schwerpunkt zupass. Heuer spielte er seine gute Form beispielsweise mit sechs Siegen auf dem Stoos aus.

Armon Orlik, der Bündner aus Maienfeld, ist mit fünf Kranzfestsiegen der Erfolgreichste der Saison. Am Nid- und Obwaldner Fest siegte er als Gast, bevor er in Hallau das eigene Teilverbandsfest gewann. In Estavayer war er schon nahe an der Krönung. Nur Matthias Glarner im Schlussgang verhinderte sie.

Wichtige Qualitäten verbinden die vier Topfavoriten: konsequente Professionalität, technische Vielfalt nahe der Perfektion und Ehrgeiz. Der Ehrgeiz dürfte bei Wicki und Orlik am grössten sein.

Und wer noch?

Auch wenn sich die vier Jungen vor dem Eidgenössischen abheben, werden die übrigen 272 Schwinger nicht chancenlos sein. Christian Stucki, der Populärste, könnte mit seiner unvergleichlichen Wucht und seiner immer besser gewordenen technischen Variabilität und trotz seiner 34 Jahre auch mit einem Wicki oder einem Giger kurzen Prozess machen - wenn er in Bestform schwingt. Aber hier ist das Fragezeichen zu setzen. Wie konnte Stucki die wenigen Wochen nach seiner erst Ende Juli ausgeheilten Knieverletzung nutzen? Am Berner Kantonalfest am 11. August war er noch nicht auf seinem besten Niveau.

Dem Meiringer Matthias Glarner hätte noch vor wenigen Wochen kaum jemand reelle Chancen auf einen weiteren Königstitel eingeräumt. Die Rückkehr nach dem fürchterlichen Sturz von der Gondel im Juni 2017 war erwartungsgemäss mühselig. Er musste sich 2018 erneut den linken Fuss operieren lassen. Überzeugende Resultate an den wenigen Festen, die er bestritt, waren selten. Aber just am letzten Fest vor dem Eidgenössischen glückte ihm ein Quantensprung. Am Berner Kantonalen trumpfte er gegen starke Gegner beinahe so gross auf wie vor drei Jahren. Falls er sich in den verbleibenden zwei Wochen weiter verbessert hat, werden die bösen Jungen in Zug auf der Hut sein müssen.

Alle an Bord

Über viele Saisons gibt es kaum eine Zeit, in der nicht der eine oder andere Böse verletzt ist. Joel Wicki wäre vermutlich heute schon Eidgenosse, wenn er in Estavayer hätte schwingen können und nicht mit einem Unterschenkelbruch ausgefallen wäre.

Heuer hat eine Zauberhand alle havarierten Bösen rechtzeitig vor dem schweizerischen Hosenlupf in Zug geheilt. Nach dem Fest wird keiner sagen können: Wenn der oder der auch noch geschwungen hätte, wäre es vermutlich anders herausgekommen. Am Wochenende wird es keine Relativierung und keine Entschuldigung geben.

In Zug sind alle an Bord, die für die vordersten Plätze in Frage kommen. Die Jungen Remo Käser und Nick Alpiger konnten das Schiff im letzten Moment besteigen, nachdem sie von Verletzungen aufgehalten worden waren. Sie beide gehören hinter den sechs genannten Hauptfavoriten dem erweiterten Favoritenkreis an, auch wenn Käser nach seinem überzeugenden Auftritt in Estavayer - der Königssohn wurde dort alleiniger Dritter - stagniert hat. Er wurde mehrfach von kleineren Verletzungen heimgesucht.

Zieht man allein die Resultate von 2019 heran, ist Matthias Aeschbacher stark zu beachten. Der Emmentaler triumphierte als Einziger an drei höheren Festen, nämlich am Schwarzsee, am Südwestschweizer Fest und am Berner Kantonalfest.

Im Unterschied zu den letzten drei Eidgenössischen sind die Berner nicht von Vornherein favorisiert. Das zeigt sich besonders daran, dass die vier jungen Königsanwärter aus der Nordostschweiz (Giger, Orlik) und aus der Innerschweiz (Wicki, Reichmuth) kommen. Auch die beiden kleinen Verbände haben - für den Schwingsport erfreulich - nach langem wieder je ein heisses Eisen im Feuer: Nick Alpiger könnte den Nordwestschweizern auch in späteren Jahren viel Freude machen, gleich die Lario Kramer den Südwestschweizern, die weder 2013 noch 2016 einen Eidgenossen hervorbrachten.

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