Der Rennfahrer und Denker

Daniel Yule arbeitet sich zu einem der gegenwärtig besten Slalom-Fahrer hoch. Der Walliser überrascht sich mit seinem Aufstieg selber.

Kleiner gehts nicht. Branche d'en Haut im Val Ferret, südlich von Martigny im Unterwallis gelegen. Eine Siedlung mit gut einem Dutzend Einwohnern - und die Heimat von Daniel Yule und dessen Familie. Vater Andrew, ein Engländer, der sich heute ganz welsch André nennt, war nach vielen kurzen und längeren Aufenthalten an diesem Flecken Erde sesshaft geworden. Er war ursprünglich Ingenieur, arbeitete in der Schweiz aber als Lehrer. Mutter Anita, eine Sportlehrerin aus Schottland, war ihrem Zukünftigen zwei Jahre später gefolgt, nachdem sich die beiden bei einem Besuch von Freunden kennengelernt hatten.

Daniel ist das mittlere der drei Kinder. Der ältere Bruder Alastair ist Skilehrer, die jüngere Schwester Vanessa lässt sich derzeit zur Lehrerin ausbilden. Seit elf Jahren sind die Yules Schweizer Bürger. Daniel hat wohl an den britischen Meisterschaften teilgenommen (und gewonnen), für das Heimatland seiner Eltern ist er aber nie wettkampfmässig Ski gefahren.

Aus dem Nest Branche d'en Haut also war Daniel Yule einst ausgerückt, um in der grossen (Ski-)Welt Fuss zu fassen, obwohl er nicht das ganz grosse Talent gewesen war. Doch er biss sich durch und wurde für seinen Eifer und Ehrgeiz mit steter Leistungssteigerung belohnt. Trotz gehobenerem Niveau blieb der Jüngling bescheiden. Nie hatte er es für möglich gehalten, ein Weltcup-Rennen gewinnen zu können. Hoffnungen hatte er sich schon gemacht. Doch sein Realismus hatte Träume in ganz grossen Sphären nie zugelassen.

Die andere Realität

Seit einem knappen Jahr und dem Sieg in Madonna di Campiglio weiss Yule, dass er mit seiner Einschätzung falsch lag, dass er sich als Jugendlicher wohl selber unterschätzt hatte. Seit dem Coup im traditionellen Nacht-Slalom im Trentino ist die Realität eine andere. Seine Bescheidenheit kann Yule getrost ablegen und seine Ziele neu definieren. Er will noch mehr - und spricht das auch aus. "Meine Erwartungen sind nochmals gestiegen. Auf jeden Fall habe ich im Sommer und im Herbst alles getan, um mich weiter zu verbessern", sagte der 26-Jährige im Vorfeld des Saisonauftakts in Levi.

Alles für den Erfolg getan hat Yule nicht nur im sportlichen Bereich, sondern auch im Materialsektor. Die Abstimmungsarbeiten mit dem neuen Skischuh-Modell seines Ausrüsters Fischer sind gut verlaufen. "Ich habe sicher zehn Paar getestet. Der grosse Aufwand hat sich gelohnt. Ich glaube, eine ganz gute Lösung gefunden zu haben." Im neuen Skischuh ist die Position des Fusses eine etwas andere. Zudem ist die Plastik-Schale im Vergleich zu jener des Vorgängers ein wenig härter.

Der andere Horizont

Yules Blick reicht über die kommende Saison hinaus. "Wenn ich in jedem Winter ein Weltcup-Rennen gewinne, dann habe ich am Ende meiner Karriere ein schönes Palmares beieinander." Das Vorausschauen in die fernere Zukunft ist typisch für Yule. Sein Denken hört nicht am Pistenrand auf. Sein Horizont ist ein ganz anderer, seinem Bildungsgrad entsprechend viel grösser. In diesem Jahr hat er sein Wirtschaftsstudium an einer britischen Fern-Universität abgeschlossen - so ganz nebenbei, denn mit den Fachbüchern hat er sich während der Saison kaum beschäftigt.

Seine hohe Intelligenz, seine Sozialkompetenz und seine Weitsicht will Yule auch in seiner neuen, im Juni übernommenen Funktion als Athletensprecher zum Tragen bringen. "Ich hoffe, dass ich einiges bewegen kann." Yule will seinen Beitrag zu einem sicheren Fortbestand des Skirennsports leisten. Er nennt die Attraktivität und die breiter abgestützte finanzielle Absicherung der Athleten als Eckpunkte seiner Bemühungen. "Von unserem Sport sollen auch Fahrer profitieren und leben können, die nicht zu den besten fünfzehn gehören." Es sind passende, symbolische Ideen für Yule, den Rennfahrer und Denker in seinen zwei Welten. Ausserhalb der Wettkampfzone denkt er für und an die anderen. Da stellt er das Allgemeingut über die eigenen Interessen. Konkurrenz beschränkt er auf die Rennpiste, auf den Slalom-Hang.

Da ist aber noch eine dritte Welt, in der der Walliser weder der Skirennfahrer noch der Athletensprecher ist. Dort ist er einfach der Mensch Daniel Yule, der die Ruhe und Abgeschiedenheit geniesst. In Branche d'en Haut, diesem Nest im Val Ferret.

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