Opernhaus Zürich: "Don Pasquale" von Gaetano Donizetti

No Videos! Oper funktioniert auch so. Dank grossartiger Sängerdarstellern, durchdachter Regie und elegant reduzierter Ausstattung. Die aktuelle Zürcher Produktion "Don Pasquale" von Gaetano Donizetti zeigt, wie.

Oh je, denkt man, einmal mehr ein Regisseur, der glaubt, die Handlung schon zum Vorspiel in Gang setzen zu müssen! Die Befürchtung verstärkt sich, als aus den beiden Türen des übereck gestellten freudlosen Salons - strenge Streifentapete, Parkett, raumhohe Fensterfront mit heruntergelassenen Jalousien - drei Bedienstete herauswanken: slapstick-artig torkelnd, zu Boden stürzend, mit Putzzeug und Staubsauer hantierend. Dazu ein betagter Herr mit Halbglatze, offensichtlich Don Pasquale, der verloren überall im Wege steht.

Tragischer Voyeur

Doch dann gehen die Jalousien hoch: Man blickt in eine Art Gegenwelt, ein lichtes Zimmer mit Blümchentapete, wo sich eben eine junge Frau anschickt, zu Bett zu gehen. Unversehens wird Don Pasquale zum Spanner, der gebannt durchs Fenster starrt. Die Assoziation zu Georges Simenons unheimlichem Psycho-Thriller "Les fiançailles de M. Hire", wie sie Regisseur Christof Loy im Programmheft nahelegt, mag etwas weit hergeholt sein, auch wenn der obsessive Blick des gesellschaftlichen Aussenseiters ins Zimmer von Alice inklusive Gewitter an die einschlägige Sequenz in der Verfilmung von Patrice Leconte (1989) erinnert.

Dennoch: Wir sehen hier einen, der sich ebenso verzweifelt wie aussichtslos die Vision eines späten Glücks erträumt. Doch alsbald senkt sich eine dem Salon vorgelagerte Wand herab, welche diese und spätere Szenen in ein schmuckloses Vorzimmer versetzt.

So macht das szenische Vorspiel, auch musikalisch-motivisch unterlegt, sehr wohl Sinn. Denn als die Handlung tatsächlich einsetzt, wissen wir bereits, dass Don Pasquale im Begriff ist, seinen Neffen Ernesto zu enterben und aus dem Haus zu schmeissen, weil sich dieser in jugendlichem Trotz wiederholt geweigert hat, die vom Onkel vorgeschlagene Partie zu ehelichen, da er in die kapriziöse Norina verliebt ist.

Nun steigt der geizige Hagestolz selbst in die Hose des Freiers und erwartet eine tugendhafte Gattin "frisch ab Kloster", die ihm sein Hausarzt und Berater Malatesta vorschlägt. Dank einer um Jahre jüngeren Frau und einer künftigen Kinderschar, so sein Kalkül, wird der familiäre Besitz weiterbestehen.

Somit kann die Buffa-Handlung in gewohnter Manier abschnurren: Selbstverständlich erwartet den alten Galan ein Debakel, denn besagte Norina schlüpft in die Rolle der angeblichen Braut, entpuppt sich nach der Unterzeichnung des Ehekontrakts aber als wahre Xanthippe, putzsüchtig, verschwenderisch, aufmüpfig. So ist der gepiesackte Pasquale nur zu gern bereit, diese Ehe zugunsten Ernestos aufzugeben.

Tiefgründige Buffa

Was wir hier allerdings zu sehen bekommen, geht über die Buffa-Schablone "Alter Knacker freit junges Ding und wird entsprechend ausgetrickst" hinaus. Donizetti verlangte offenbar, dass die Sänger zeitgenössisch (1843) gekleidet sein sollten, was zeigt, dass ihm trotz des tradierten Commedia-dell’arte-Plots leibhaftige Charaktere in einer "konkreten Gesellschaftskomödie" vorschwebten, denen er seine Musik - vielleicht die wahrhaftigste in diesem Genre seit Mozart - einschrieb.

Das scheint - neben dem formal strengen Bühnenbild von Johannes Leiacker - auch die Kostümbildnerin Barbara Drosihn inspiriert zu haben. Chor (vorzüglich vorbereitet von Ernst Raffelsberger) und Solisten tragen fast ausschliesslich Schwarz - zeitlos und dezent, sodass ein graues Kostüm, ein weinrotes Sakko, ein lila Lufballon geradezu bunt wirken.

Diesem wohltuenden Understatement trägt auch die Regie klug und bedachtsam Rechnung. Jede Geste, jeder Blick, jeder Gang dient - selbst wenn es um Verstellung und Trug geht - der Wahrheit. Buffoneske Komik fehlt nicht, wird aber ironisch verfeinert und hochpräzis eingesetzt. So wird denn auch die drastische Ohrfeige, die die zur Furie mutierende Norina Don Pasquale verpasst, zum Dreh- und Angelpunkt in dieser existentiellen Tragikomödie: eine irreversible Verletzung, die weit über den Komödienklamauk hinausreicht. Norina erschrickt selbst darüber und kauert neben dem Geschlagenen: Partitur und Regie folgen dem menschlichen Empfinden und Handeln in seiner ganzen Widersprüchlichkeit.

Auch im Duett Norina-Ernesto sind wir meilenweit vom gefälligen Belcanto-Sentiment und südlichen Nachtzauber entfernt. Nachdem Ernestos ätherische Serenade, wie es die originale Anweisung verlangt, im Off erklungen ist, finden sich die Protagonisten vor jener kargen Vestibül-Wand wieder. Doch das Liebespaar fällt sich nicht gleich in die Arme. Norina löst sich erst langsam aus der Umarmung Pasquales: Die Liebe hat den Beigeschmack von Verzicht, Abschied, Leid. Und für Pasquale auch Einsamkeit, bleibt er doch am Schluss allein auf der leeren Bühne zurück.

Musikalischer Reichtum

Begünstigt hat die punktgenaue Personenführung zweifellos die ebenso zwingende Stabführung am Pult der Philharmonia Zürich durch Enrique Mazzola. Ein hellwaches Orchester folgt den Feinheiten von Donizettis Partitur und wahrt auch in furiosen Tempi das durchhörbare Klangbild, ja, selbst das häufig eingesetzte Blech besticht durch Wärme und Leichtigkeit.

Johannes Martin Kränzle zeigt einen Don Pasquale weitab vom liebestrunkenen alten Trottel: Zwischen Herzversagen und aufschäumender Libido durchlebt er eine emotionale Spanne, die der Figur tiefe Menschlichkeit verleiht.

Konstantin Shushakovs Dottor Malatesta ist stimmlich wie darstellerisch ein wendig-windiger Ratgeber, mit allen Wassern gewaschen. Hinreissend wie die beiden die drei Salven der fast hundert Sechzehntelnoten auf dem gleichen Ton C losfeuern.

Mit makellosem Tenorglanz und berückendem Piano und besticht Mingjie Lei als jugendlich emphatischer Liebhaber. Die bezaubernde Julie Fuchs schliesslich macht aus Norina neben aller stimmlichen Agilität eine schillernde junge Frau, die die unterschiedlichsten Charakterzüge in sich vereint - bravi tutti, bravo Donizetti!

Verfasser: Bruno Rauch, ch-intercultur

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