Armando Ruinelli: "Dörfer müssen sich erneuern"

Der Bündner Architekt Armando Ruinelli hat sein Atelier mitten im Bergeller Bergdorf Soglio eingerichtet. Mit Neubauten, Umnutzungen und minimalen Eingriffen trägt er zur Erneuerung des Dorfes bei.

An diesem Januarnachmittag ist das auf 1100 Meter über Meer gelegene Soglio sonnendurchflutet, während Promontogno unten im Tal im Schatten liegt. Armando Ruinelli öffnet die Tür zu seinem Atelier, einem langgestreckten zweigeschossigen Bau, der 1988 nach seinen Plänen entstanden ist: unbehandeltes, vom Wetter gezeichnetes Kastanienholz unter einem geduckten Giebeldach aus Stein. Im Innern herrscht schnörkellose, funktionale Behaglichkeit. Die Einrichtung ist von Hand gefertigt, auch der lange Tisch, der den lichten Raum im Erdgeschoss dominiert.

"Infiltration ist wichtig"

Ruinelli ist 1954 in Soglio geboren und betreibt seit 1982 sein Büro. Heute heisst es Ruinelli Associati Architetti. Mit dabei sind ein Partner und drei weitere Architektinnen und Architekten. Regelmässig beschäftigt Ruinelli Praktikantinnen und Praktikanten aus aller Welt, aus Kalabrien etwa, Norddeutschland oder Japan: "Sie bringen uns neue Ideen, auch für unsere Arbeit."

Vor fünf Jahren hat die Gemeinde Bergell/Bregaglia, zu der sich Soglio, Bondo, Castasegna, Stampa und Vicosoprano 2010 zusammengeschlossen haben, den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes erhalten. "Die hohe Wertschätzung des gebauten Erbes fusst auf dem traditionell starken Bürgerwillen, mit dem Bestehenden zu arbeiten und daraus Neues zu entwickeln", hiess es in der Begründung.

Ruinelli drückt es weniger pathetisch aus, stimmt aber zu: "Dörfer müssen sich wie Städte erneuern, damit sie Bestand haben. Sonst gibt es museumsähnliche Situationen, die niemandem dienen." Mit zahlreichen Projekten tragen er und sein Büro zur Erneuerung bei, hinterlassen ihre Spuren - allerdings nicht als einzige. Niedergelassen hat sich in Soglio ein zweites Büro mit jungen Architekten. Auch Kollegen von auswärts sind hier tätig.

"Diese Infiltration ist wichtig, auch kulturell", betont Ruinelli. Bergler hätten oft den Hang zu sagen, sie wüssten schon, was für sie gut sei. Das will er nicht bestreiten. "Aber damit man weiss, was gut für einen ist, braucht es das Gespräch mit Leuten von aussen."

Umnutzungen und Neubauten

Ruinelli verlässt sein Atelier, geht durch enge Gassen, überquert den Dorfplatz mit den Palazzi aus dem 17. und 18. Jahrhundert und steigt hoch zum oberen Dorfrand. Hier hat sein Büro drei Projekte realisiert, die zeigen, wie vielfältig der Architekt Erneuerung definiert. "Wir bauen nicht nur, wir bauen auch um. Wir haben uns nie spezialisiert, darauf bin ich stolz."

Manchmal verändert er ein bestehendes Gebäude lediglich mit kleinen Eingriffen, zum Beispiel den "Kaltstall" (2014). Der luftige Strickbau - früher ein Heu- und Tierstall - ist nun ein Ort für kulturelle Veranstaltungen. Neu sind nur eine Eichentür, eine Brandschutzmauer, zwei stabilisierende Betonpfeiler, eine Lampe. "So könnte man Ställe erhalten", sagt Ruinelli und öffnet die Tür zum benachbarten Gebäude, auch das ein ehemaliger Stall. Dieses Gebäude hat er stärker umgenutzt und in ein dreigeschossiges Wohnhaus verwandelt - mit Terrassen, Schlafzimmern, Küche, Bad, mit verwinkelten Verbindungsgängen und Treppenläufen.

Für die Arbeiten im Innern hat Ruinelli Bergeller Handwerker engagiert. Verwendet haben sie weder vorfabrizierte noch industriell gefertigte Materialien, sondern Stampfbeton, unbehandeltes Eichenholz und geschweissten Stahl. Eine der Besonderheiten sind die Stahlfenster mit hölzernen Lamellen davor, mit denen sich der Lichteinfall stufenlos regulieren lässt.

Weiterbauen, aktualisieren

Diese "Stallumnutzung" (2009) zeigt sich auch von aussen. Aber sie ist von Zurückhaltung geprägt. "Wir orientieren uns an der Nachbarschaft, den Proportionen und Grössenverhältnissen in der Umgebung", betont Ruinelli. "Massive Brüche meiden wir, schlagen keine Kerben."

Weiterbauen, aktualisieren: so umschreibt Ruinelli seine Arbeit. "Dauer und Wandel, beides spielt eine zentrale Rolle, wenn die Identität eines Ortes bewahrt werden soll." Nostalgisch an der Unveränderbarkeit festzuhalten, diene diesem Ziel nicht, ist Ruinelli überzeugt. Er betont die Bedeutung der Architekten Aldo Rossi (1931-1997) und Michael Alder (1940-2000) für seine Arbeit. Sie hätten ihn zum innovativen Lernen von bestehenden Strukturen ermuntert.

"Das wende ich auch in Soglio an", sagt Ruinelli. Spuren der Landschaft zu lesen, der Bauten im Dorf, das sei für ihn eminent wichtig. Dann gehe es darum, die gewachsenen Strukturen nach heutigen Vorstellungen zu ergänzen und zu verändern. "Der Bezug zum Ort sollte aber sichtbar sein. Zumindest auf den zweiten Blick."

Dem Dorf verbunden bleibt Ruinelli auch, wenn er neu baut. Das Projekt "Wohnhaus und Foto-Atelier" (2003) mit zwei verbundenen Gebäuden ersetzt einen abgebrochenen Stall. Hier haben die Handwerker, auf deren Fachwissen und Präzision Ruinelli begeistert verweist, den Vorgaben gemäss die Materialien Sichtbeton, Eiche, Nussbaum und Gneis eingesetzt. Entstanden sind die zwei Bauten mit schlichter, funktionaler Bauweise, aber viel Liebe zum Detail.

Schwebender "Betonmocken"

Ortswechsel: In der Industriezone von Stampa, zwischen Strasse und Fluss, hat Ruinelli für die Malerin und Zeichnerin Miriam Cahn ein 300 Quadratmeter grosses "Atelier" (2014-2016) entworfen. Es umfasst den Atelierraum, den Wohnraum und "die Höhle", wo Cahn ihre Papierarbeiten aufbewahrt. Von aussen scheint der kompakte "Betonmocken", so der Architekt, zu schweben, kragt er doch über einen kaum sichtbaren, nach hinten versetzten Sockel aus.

Zur verfremdenden, experimentellen, auch farbigen Bauweise hat sich Ruinelli in einhelliger Absprache mit Cahn entschieden. Feuerrot ist die Eingangstüre, orange die hintere Türe, rostrot die Treppe, violett sind die Fensterrahmen.

Das Regenwasser läuft durch zwei unter dem Dach provokativ hervorstechende Speier ab. Aussergewöhnlich ist auch die geschwungene Rampe, die zum Haupteingang führt. Dies alles trägt dazu bei, die Strenge des Gebäudes zu sprengen. Cahn nennt das Atelier denn auch ihren "Palazzo", ihr "Einfrauenhaus", wo sie, "die Basler Bergellerin", sich zu Hause fühlt.

Verfasser: Karl Wüst, ch-intercultur

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