Das Positive überwiegt bei den Schweizer Ruderern

Die Schweizer Ruderer können seit der vergangenen Woche wieder auf dem Wasser trainieren. Dass 2020 aufgrund der Coronavirus-Pandemie nun quasi ein Zwischenjahr ist, sehen sie als Chance.

Roman Röösli und Barnabé Delarze sind ein erfolgreiches Duo im Doppelzweier. Nach einer Einheit auf dem Wasser nehmen die beiden im nationalen Ruderzentrum in Sarnen ein zweites, reichhaltiges Frühstück ein. So weit, so normal. Denn obwohl sie im Boot nahe beieinander sitzen, müssen sie im Essensraum die Abstandsregeln einhalten. Es ist ein Bild, das einen schmunzeln lässt.

Röösli stört das jedoch nicht gross, vielmehr hat er sich lange darauf gefreut, wieder auf dem Wasser und zusammen mit Delarze rudern zu können. "Es ist schon ein grosser Unterschied im Vergleich zum vorherigen Training zu Hause", erzählt der 26-jährige Luzerner, der es gut findet, dass die Menschheit mal ein paar Gänge herunterschalten musste, weshalb die Corona-Krise für ihn nicht nur Schlechtes mit sich bringt. Röösli ist mit seinen Kollegen aus dem Olympia-Kader am 12. Mai in Sarnen eingerückt. Die Regeln beim Essen sind nicht die einzigen Änderungen: So wohnen nun alle in Einzelzimmern und es darf nur gestaffelt trainiert werden - sei es auf dem Sarnersee oder im Kraftraum.

Röösli und Delarze sind nicht nur erfolgreich - 2018 gewannen sie WM-Silber und im vergangenen Jahr sicherten sie sich den Gesamt-Weltcup -, die beiden sind auch sehr verschieden. Denn während Röösli die sozialen Kontakte vermisste, fand Delarze durchaus Gefallen an der Zeit vor der Rückkehr nach Sarnen, störte es ihn nicht, zu Hause bleiben zu müssen. Im Einzeltraining sah er auch Vorteile, zumal es im Bereich der Grundlagenausdauer gute Alternativen zum Rudern gibt. "Ich hatte zu Hause ein gutes Setup, konnte in den ersten sechs Wochen mein Programm absolvieren. Das brachte mir viel. Im Team sind immer Kompromisse nötig, was auf den Einzelnen bezogen nicht ganz optimal ist." Ausserdem habe er ohnehin nicht viel sozialen Kontakt.

"Es waren zwei schöne Monate mit einem angenehmen Rhythmus. Nun muss ich früher aufstehen und früher ins Bett", fährt Delarze fort und lacht. Es sei aber auch schön, wieder zusammen zu trainieren. Schliesslich steht auch für ihn der Erfolg über allem. Der Ehrgeiz von Delarze ist gross, in einem Jahr in Tokio ist nicht weniger als Olympia-Gold das Ziel. Insofern ist sein Streben nach dem Optimum verständlich, umso mehr, als 2020 wegen der Coronavirus-Pandemie quasi ein Zwischenjahr ist. Zwar wurden die ursprünglich Anfang Juni geplanten Europameisterschaften in Poznan auf den 9. bis 11. Oktober verschoben, es ist allerdings mehr als fraglich, ob sie dann auch tatsächlich stattfinden können.

Delarze sieht diese Saison als Möglichkeit, noch fitter zu werden, gezielt an den individuellen Schwächen zu arbeiten, "damit wir im nächsten Jahr noch bessere Athleten sind". Allerdings bedauert er es, keine Wettkämpfe zu haben: "Wir sind nach nicht einmal zwei Wochen Training auf dem Wasser schon wieder auf einem sehr guten Niveau." In die gleiche Richtung äussert sich Röösli: "Das Boot läuft schon wieder ziemlich gut, es macht Spass."

Auch beim Leichtgewichts-Doppelzweier Patricia Merz/Frédérique Rol kehrte das Bootsgefühl rasch zurück. Die zwei Freundinnen hätten in dieser Woche auf dem Luzerner Rotsee den lang ersehnten Olympia-Quotenplatz lösen wollen, den sie Ende August an der WM in Linz-Ottensheim noch verpasst hatten. Dass dies nun nicht möglich war, ist bereits abgehakt. "Wir hatten lange Zeit, das zu verarbeiten", so Merz. Auch die bald 27-jährige Zugerin sieht die aktuelle Situation als Chance, sich weiter zu verbessern.

Das gilt umso mehr für den Vierer ohne, ein Projekt, das 2017 begann und sich mit der Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio schon ausbezahlt hat. Das Quartett kann nun in aller Ruhe wichtige Kilometer sammeln und die Abstimmung verfeinern. "Im Rudern braucht es ziemlich viel, um eine Olympia-Medaille zu holen. Wenn wir es clever anstellen, können wir viel profitieren", sagt Joel Schürch stellvertretend. Eine Medaille? "Wieso nicht? Ich denke, dass wir davon träumen dürfen", erklärt Schürch. Bootskollege Markus Kessler ergänzt: "Das ist das, was uns motiviert." Da nimmt man die speziellen Regeln gerne in Kauf.

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