Lehmann: "Wir waren zu jeder Zeit auf Augenhöhe mit der Krise"

Am kommenden Wochenende stehen im Ski-Weltcup der Alpinen die nächsten Rennen an - die Frauen bestreiten in St. Moritz zwei Super-G. Doch ergeben Wettkämpfe ohne Zuschauer überhaupt Sinn?

Die Durchführung von Weltcup-Events ist mit viel Arbeit verbunden. Der Lohn sind normalerweise wahre Skifeste. An die Lauberhornrennen beispielsweise kommen an den drei Renntagen insgesamt über 60'000 Zuschauer. Die Wertschöpfung für die ganze Region ist riesig. Die Destinationen betreiben mit den Veranstaltungen nichts anderes als Event-Marketing, sie sind auf den Tourismus angewiesen.

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie sind aktuell jedoch keine Zuschauer zugelassen. Insofern stellt sich die Frage nach dem Sinn? Eine Antwort darauf geben die Rennen Mitte Oktober in Sölden, da hatte der österreichische Sender ORF gemäss Jürg Capol, dem Schweizer Marketingchef des internationalen Skiverbandes FIS, 25 Prozent mehr Zuschauer bei der Liveübertragung. "Das zeigt mir, dass der Skisport verfolgt werden möchte. Es ist nicht nur für die FIS wichtig, dass wir Rennen durchführen können."

Diesbezüglich sieht es bislang gut aus, die Schutzkonzepte scheinen zu funktionieren. "Wir haben sehr, sehr rasch mit all unseren Stakeholdern, den Veranstaltern, der FIS, den Sponsoren, geschaut, was machbar ist", führte Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann anlässlich des digital durchgeführten Sport.Forum.Schweiz aus. "Uns war relativ schnell klar, dass wir die Weltcup-Veranstaltungen unter allen Umständen halten müssen, egal unter welchen Prämissen, damit der Wert des Produkts Skisport bleibt. Es war für uns alle eine unglaublich herausfordernde und extrem intensive Zeit. Wir hatten schon im Mai die ersten Konzepte, wie eine Weltcup-Saison ausschauen könnte, waren zu jeder Zeit auf Augenhöhe mit der Krise." Dabei half, dass von den Sommersportarten gelernt werden konnte.

Lehmann betonte die Notwendigkeit, das Gedankengut über den einzelnen Event auf den ganzen Sport auszuweiten. "Jeder muss irgendwo Abstriche machen. Wir müssen zusammenstehen und uns gegenseitig helfen. Bis wir über einen Impfstoff verfügen, geht es ums nackte Überleben. Erst danach können wir wieder über Impulsprojekte sprechen. Die Schweizer Sportlandschaft hat das übergreifend begriffen."

Überhaupt sieht der Aargauer den Sport auf einem guten Weg: "Ich glaube, dass die Wertschätzung gegenüber dem Sport gewachsen ist, er trotz allen Leidens, was das Ansehen angeht, gestärkt aus der Krise herausgehen wird - in der Schweiz und vielleicht gar weltweit." Dazu kommen die Unterstützungspakete des Bundes, die ein Überleben ermöglichen. Diesbezüglich nahm Lehmann das Wort privilegiert in den Mund.

Zudem ist eine Krise immer auch eine Chance. So wird nun das Digitale vorangetrieben. Die FIS stellte beispielsweise die "Predictor Challenge" auf die Beine, die sich in erster Linie auf die Skirennen fokussiert. Auf der Plattform können Fans Vorhersagen treffen wie: "Wer gewinnt? Welche Nation ist am häufigsten in den Top Ten vertreten? Wie viel beträgt die Zeitdifferenz zwischen dem Ersten und dem Zweiten?" Nach jedem Event-Weekend und am Ende der Saison werden Preise vergeben. Das Ganze ist nicht nur attraktiv für die Fans, sondern auch für Sponsoren oder mögliche neue Partner.

Capol ist jedenfalls überzeugt, dass das Digitale einen Boost geben kann. Es bietet auch die Gelegenheit, Verbände mehr zu integrieren, voneinander zu lernen, Gemeinschaftsprojekte zu machen. In der Digitalwelt gebe es keine Grenzen. "Wer dahintersteht, hat Möglichkeiten, die ausgenützt werden können, wer das nicht sieht, der verpasst halt etwas", sagte Capol.

In die gleiche Richtung äusserte sich Lehmann, der im E-Gaming eine "Riesengeschichte sieht. Es ist wichtig, dort einen grossen Effort zu machen. Das wird die Volksfeste nicht ersetzen, hilft uns aber, neue Kundengruppen abzuholen, die Basis unserer Fans zu erweitern." Lehmann ist sich nämlich bewusst, dass das Publikum "tendenziell älter wird". Mit der digitalen Welt kann nun eine jüngere, nicht so outdooraffine Generation angesprochen und das Durchschnittsalter der Fans gesenkt werden. Schliesslich sind bloss "drei, vier Prozent" der Bevölkerung (Capol) Mitglied in einem Skiklub. "Der Wintersport lebt von Veranstaltungen, er lebt aber auch davon, dass viele ihn ausüben." Von daher sei das Coronavirus auch ein Chance, so Capol.

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