Werkschau schweizerischer Literatur strebt nach Aufmerksamkeit

Die 43. Ausgabe der Solothurner Literaturtage (14.-16.5.) zielt auf gesellschaftliche Relevanz und auf eine gewichtigere Position im Literaturbetrieb. Der neue Geschäftsführer Dani Landolf skizziert gegenüber Keystone-SDA, wo er Akzente setzt.

Die Solothurner Literaturtage sollen ein Ort für öffentliches Nachdenken sein mit dezidiert gesellschaftspolitischem Anspruch. Der Begriff des schweizerischen Literaturschaffens wird durch so genannt "andere Landessprachen" erweitert. Die Gattung der Graphic Novel erhält einen eigenen Stellenwert, neben geläufigen Genres, wie Prosa, Lyrik und Spoken Word. Und: Das Literaturfestival sucht eine gewichtige Position auch im Verhältnis zu anderen Literaturfestivals, und zwar als Ort, an dem literarisches Schaffen ausgezeichnet wird. So lässt sich umreissen, wo der neue Geschäftsführer Dani Landolf seine "Duftmarken" setzt, wie er es selbst ausdrückt.

Grand Prix Literatur in Solothurn

Drei Literaturpreise sollen den Solothurner Literaturtagen Schub verleihen: Der Solothurner Literaturpreis wird enger an die Solothurner Literaturtage heranrücken. Zum ersten Mal in diesem Jahr vergibt das Bundesamt für Kultur (BAK) den Grand Prix Literatur und die schweizerischen Literaturpreise im Rahmen der Solothurner Literaturtage. Der Kinder- und Jugendbuchpreis bleibt, wie er im vergangen Jahr eingeführt wurde.

Die Eidgenössischen Literaturpreise hat das BAK bis anhin in einer eigenen Veranstaltung in der Schweizerischen Nationalbibliothek verliehen. Und: Das BAK stand mit seinen Preisen, die alle vier Landessprachen abdecken, in Konkurrenz zum Schweizer Buchpreis für deutschsprachige Literatur. Doch Landolf meint: Diese nationalen BAK-Preise gehören nach Solothurn. Und: "Jetzt ist zusammengewachsen, was zusammen gehört."

Der Solothurner Literaturpreis ist bis anhin in seinem eigenen Verein organisiert. Künftig soll der Werkpreis für eine deutschsprachige Autorin oder einen Autor "besser in unsere Organisation integriert werden" und Landolf will über den Preis die Solothurner Literaturtage mit weiteren Akteuren vernetzen. Angedacht ist ein Masterclass-Programm mit Hochschulen. Weil allerdings derzeit noch das Geld dazu fehlt, sei das "Zukunftsmusik".

"Ort von Debatten"

Generell stellt sich Landolf vor, dass Solothurn "ein Ort von Debatten sein soll, im Sinn von: man soll intelligenten Menschen beim Denken zuhören und zuschauen können", sagt er. Auf dem Programm stehen denn auch Podiumsveranstaltungen zur Macht des Populismus, zum Identitätsdiskurs und zum Thema Literatur in der Krise; zudem Gespräche, in denen Literaturschaffende auf eine Politikerin und einen Politiker treffen.

"Letzteres liesse sich ausbauen", sagt Landolf und begründet, warum er solche Veranstaltungen programmiert hat: "Als Literaturbranche müssen wir uns besser mit der Politik vernetzen." Aus ihm spricht der ehemalige Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV), wenn er darauf hofft, über die Solothurner Literaturtage der Schweizer Literatur in der Politik mehr Gehör zu verschaffen.

Landolf war als neuer Geschäftsführer der Solothurner Literaturtage bereits im letzten Jahr gesetzt. Zuvor war er Geschäftsführer des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbands. Nun wird er mit der 43. Ausgabe der Solothurner Literaturtage seine erste Werkschau schweizerischen Literaturschaffens selbst verantworten.

Als Mitglied der Programmkommission habe er 40 bis 50 Bücher gelesen, um zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen zu beurteilen, wer an die Werkschau eingeladen werden sollte. Und sofort beginnt er zu schwärmen vom "tollen Jahrgang", den die 43. Ausgabe repräsentiere. Beispiele sprudeln aus ihm heraus: Zora del Buono, Martina Clavadetscher, Annina Haab, Lukas Linder, Beat Sterchi oder Flavio Steimann.

Prominente Abwesende

Allerdings fallen beim Blick auf die geladenen Autorinnen und Autoren auch prominente Abwesende auf. Wo beispielsweise bleibt Anna Stern, Trägerin des Schweizer Buchpreises 2020? "Wir begründen die Entscheide der Kommission nicht öffentlich, aber soviel kann ich sagen: Die Meinung dazu war recht eindeutig." Es fehlen darüber hinaus Dana Grigorcea, Christian Kracht, Rolf Lappert oder Charles Lewinsky. "All diese Schreibenden waren selbstverständlich in der Programmkommission im Gespräch - und viele andere mehr. Wir mussten teils sehr harte Entscheidungen fällen", sagt Landolf.

Über diesen naheliegenden Reigen schweizerischer Literaturschaffender hinaus haben die Verantwortlichen den Blick geweitet, auf Autorinnen und Autoren, die eher am Rande als "schweizerisch" wahrgenommen werden: Schreibende, die gewichtige Stimmen in der Schweiz sind und diese aufgrund ihrer Herkunft etwa auf tamilisch, serbisch, kroatisch oder ukrainisch erheben. Vier Autorinnen und Autoren der sogenannt fünften Landessprache sollen die Schweizer Werkschau erweitern. "Ich würde mich gerne auf die Reise machen, noch mehr neue Literaturen aus der Schweiz zu entdecken", sagt Landolf.

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