
Als Rothrist an einem Tag zwölf Prozent seiner Bevölkerung verlor
Niederwil, Rothrist, 27. Februar 1855. Auf dem Platz vor dem Gasthof Rössli werden noch die letzten Reisekisten auf einen Pferdewagen verladen. Menschen sitzen dichtgedrängt in zwei weiteren Wagen zur Abfahrt bereit, die Pferde sind angespannt. Erwartungsfroh? Zwischen den beiden Wagen diskutiert eine Gruppe gut gekleideter Herrschaften. Über die Reiseroute? Oder die Kosten der grossen Reise? Walter Lehmann hat diese Szene 1955 gemalt. Der Rothrister Künstler stellte sich so die Abreise der Auswanderungswilligen vor, welche ihre Heimat vor exakt 170 Jahren verliessen oder verlassen mussten, um ihr Glück in Amerika zu finden.
Massenauswanderungen armer Familien waren kein Einzelfall in dieser Zeit, es gab sie in Rothrist, im Aargau, in der ganzen Schweiz. Die Schweiz war um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Auswanderungsland. Allein in den 1850er-Jahren wanderten etwa 50 000 Menschen nach Übersee aus. Was die Rothrister Auswanderung als historisches Ereignis bedeutend macht, ist ihre Grösse. Sie ist die grösste organisierte Auswanderung aus einer Aargauer Gemeinde. Am 27. Februar 1855 verlor das Dorf auf einen Schlag 305 Einwohnerinnen und Einwohner oder 12 Prozent seiner Bevölkerung.

Bild: Thomas Fürst
Zwangsrekrutierung oder freiwillige Auswanderung?
Er finde es sehr schwierig, die damaligen Vorgänge aus heutiger Sicht angemessen zu bewerten oder gar ein abschliessendes moralisches Urteil über die handelnden Personen zu fällen, schrieb der Historiker Markus Widmer-Dean 2012 im entsprechenden Kapitel in der Rothrister Ortsgeschichte («Rothrist im Lauf der Zeit»). Die Bandbreite, in der die damaligen Geschehnisse eingeschätzt wurden, ist jedenfalls gross. Sie reicht von «Zwangsrekrutierungen» und «Abschiebung armer Gemeindegenossen», so der Zofinger Historiker und ehemalige Rothrister Bezirksschullehrer Alfred Schriber 1994, bis hin zu «grösstenteils freiwilligen Auswanderungen», wie es der ehemalige Rothrister Museumskonservator Rolf Hofer 1995 postulierte.
Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt auf, wie schwierig die Lebensumstände im Dorf damals waren. So schwierig, dass die Gemeindeversammlung Mitte Januar 1855 beschloss, eine Kommission ins Leben zu rufen, die eine Auswanderung von rund 300 Personen organisieren sollte.
Dem scheinbar kaltherzigen Vorgehen der Gemeinde lagen handfeste Ursachen zugrunde. Wegen der steigenden Anzahl unterstützungsbedürftiger Menschen war Rothrist, wie andere Gemeinden auch, in finanzielle Bedrängnis geraten. Man weiss heute, dass zwischen 1835 und 1855 die landwirtschaftlichen Erträge auf Grund feuchter und kalter Witterung schrumpften.
Dass es, wie zum Beispiel 1853, immer wieder Missernten gab. Im Gegenzug stiegen die Lebensmittelpreise. Für mehr als die Hälfte der Rothrister Familien war das eine besonders belastende Entwicklung, weil sie Lebensmittel kaufen mussten. Und erst noch von der Heimarbeit leben mussten. In einer Zeit, als die einsetzende Mechanisierung auf die Löhne der Heimarbeiter drückte. Dass die Bevölkerung gerade in der Region stärker als anderswo wuchs, machte die Situation auch nicht einfacher.
Eine Gemeinde am Rande des Ruins
Rothrist versuchte, der zunehmenden Verarmung vieler Familien bereits 1829 mit der Einrichtung einer Armen-Arbeitsanstalt im Lehen zu begegnen. Hier sollten unterstützungsbedürftige Personen im angegliederten Bauernbetrieb und in der Webstube arbeiten und so das Armenhaus finanzieren. Davon konnte schon bald keine Rede mehr sein. Zwischen 1841 und 1847 stieg die Zahl der Insassen von 61 auf 196 an. Als die Unterstützungsgesuche in den frühen 1850er-Jahren weiter zunahmen, stand die Gemeinde nicht nur vor einem riesigen Schuldenberg, sondern auch vor einer leeren Armenkasse. 1854 bestand für die Gemeinde kaum mehr Handlungsspielraum. Das eine Übel war eine massive Steuererhöhung, das andere eine organisierte Auswanderung.
An der Gemeindeversammlung vom 12. Januar 1855 wurde einstimmig eine Auswanderung beschlossen. Bis zur Abreise der Auswanderergruppe vergingen gerade einmal sechs Wochen – die finanzielle Situation der Gemeinde drängte zur Eile. Schon vor der Gemeindeversammlung hatte sich beim Gemeinderat eine grössere Anzahl von Auswanderungswilligen, insgesamt 155 Personen, gemeldet. Die andere Hälfte der Auswanderergruppe wurde aus denjenigen Personen zusammengestellt, die von der Gemeinde Armenunterstützung bezogen. «Dass der Gemeinderat diese Personen ohne Rückfrage für eine Übersiedlung nach Amerika vorsah, ist unbestritten», schreibt Widmer-Dean in der Ortsgeschichte. Mit der Auswanderungsagentur Beck & Herzog in Basel wurde ein Vertrag über 52 815 Franken zur Spedition von Personen und Gepäck nach St. Louis abgeschlossen. Für die ärmsten Auswanderer veranlasste die Kommission die Anfertigung neuer Kleider, bestellte 50 Transportkisten und organisierte die obligatorische ärztliche Untersuchung. Im «Rössli»-Saal und im Schulhaus versammelten sich die zur Auswanderung bestimmten Menschen am 23. Februar 1855, um Kisten und Kleider in Empfang zu nehmen. Bis zum Abreisetag harrten die beiden Gruppen dort aus.

Bild: Heimatmuseum Rothrist
In 43 Tagen über den Atlantik nach New Orleans
Am 3. März 1855 erreichten die Auswanderer und ihre Begleiter nach einer mehrtätigen, 800 Kilometer langen Reise den Atlantikhafen Le Havre. Dort kam es zu einem unfreiwilligen Aufenthalt von knapp zwei Wochen, weil der amerikanische Konsul der vermeintlich mittellosen Rothrister Gruppe die Einreise verweigerte. Erst als ihm versichert wurde, dass jeder Person von der Agentur in New Orleans ein Kopfgeld von 50 Franken ausbezahlt würde, erlaubte er die Einschiffung. Nach einer 43 Tage dauernden Überfahrt erreichte die Gruppe New Orleans. Dort wurde sie auf dem Wasserweg direkt nach St. Louis geführt. Über das weitere Schicksal der Auswanderergruppe von 1855 ist zwar einiges bekannt, aber bis heute wenig erforscht.
In Rothrist selber hatte sich die Lage auf tiefem Niveau stabilisiert. Die Auswanderungskosten und die Abzahlung der dafür aufgenommenen Kredite belasteten den Gemeindehaushalt über viele weitere Jahre. Mehr als 63 000 Franken hatte die Gemeinde insgesamt für die Auswanderung aufgewandt. Weil zur Tilgung der Schulden grosse Waldflächen in der Winterhalden abgeholzt werden mussten, verminderte sich auch das Gemeindevermögen um rund ein Drittel oder 100 000 Franken. Gleichzeitig mit der Auswanderung konnte die Armen-Arbeitsanstalt im Lehen aufgehoben werden. Eine nachhaltige Verbesserung der wirtschaftlichen Lage brachte aber erst die Ansiedlung der ersten vorindustriellen Betriebe. Die Spinnerei am Rothbach wurde ab 1862 zum wichtigsten Arbeitgeber im Dorf.