Sie sind hier: Home > TV > Nach zehn Jahren Zwangspause: Der «Schnurri der Nation» kommt zurück

Nach zehn Jahren Zwangspause: Der «Schnurri der Nation» kommt zurück

Für einen Abend kehrt die Kultsendung «Benissimo» zurück. Ein Gespräch mit Beni Thurnheer über alte Ideen, neue Möglichkeiten und die WM in Katar.

Es gehe «in die Verlängerung», schäkert Beni Thurnheer am Empfang im Fernsehstudio Leutschenbach und entschwindet in den Lift. Diese Verlängerung ist eigentlich eher ein Comeback. Diesen Samstag gibt es eine Folge «Benissimo» (siehe Box) zu sehen. Die Schweizer Samstagabendkiste schlechthin. Am 1. Dezember 2012 von SRF in die digitale Mottenkiste verfrachtet, wird sie nun – zehn Jahre später – wieder hervorgeholt. Einmalig, wie sowohl SRF als auch Beni Thurnheer nicht müde werden, zu betonen. Wobei: «Wenn ich etwas gelernt habe in meinem Leben, dann ist es ‹Sag niemals nie›», so Thurnheer.

Weg von der Laubsäge-Dekoration

Der 73-Jährige sitzt in der Cafeteria des Fernsehstudios, und von draussen blinzelt die Sonne durch die Fenster. Natürlich hätte er gerne einen Kaffee, sagt er. Aber er wisse gar nicht mehr, wie man hier einen kaufen könne. Bestellt wird per Touchscreen, bezahlt per Karte. Es ist mindestens ein kleines Understatement. Thurnheer wirkt nie wie ein Rentner, sondern eigentlich immer noch so, wie ihn die Fernsehschweiz in Erinnerung hat. Von «Benissimo» und den unzähligen Spielen der Schweizer Nationalmannschaft. Er ist immer noch der «Schnurri der Nation». Adrett gekleidet, wache Augen. Nur das Hörgerät hinter dem Ohr mahnt daran, dass die Zeit an Beni Thurnheer nicht spurlos vorbeischleift.

Beni Thurnheer beim Gespräch in Zürich.
Andrea Zahler

Es sei verrückt, sagt er, für diese einmalige Sendung wende er mehr Zeit für Interviews auf als für eigentliche Proben. Doch, doch, «die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, aber mich braucht es eigentlich erst am Schluss», so Thurnheer. Ihm sei es wichtig, dass «Benissimo» nicht zur Retroretorte verkomme. «Es ist das Konzept von damals, aber mit den Mitteln von heute», sagt er durchaus stolz.

Wie weit die Professionalisierung im Fernsehen seit dem Ende von «Benissimo» fortgeschritten sei, sehe er auch daran, wie viele Leute mittlerweile beteiligt sind. Damals seien die Hintergrundbilder halt etwas «gelaubsägelet» gewesen, heute dagegen arbeiten Licht- und Sounddesigner mit. Wo noch vor einem Jahrzehnt alle Fäden bei einer Person zusammengelaufen seien, brauche es heute deutlich mehr Personen in Leitungsfunktionen. «Es sind aber auch mehr Fäden», räumt Thurnheer ein.

«Müssen aufhören mit Symboldiskussionen»

Bedauert er diese Bürokratisierung? Thurnheer winkt ab: «Es ist technisch so viel passiert, dass es doch dumm wäre, sich davor zu verschliessen.» Alleine die visuellen Möglichkeiten seien derart viel weiter, dass eine Sendung mit dem Stand von 2012 heute doch «optisch sehr angestaubt» wirken würde. Dann wird er grundsätzlich: «In zahlreichen Fragen von Journalisten höre ich so viel Kritik am SRF. Es sei zu gross, zu mächtig, zu aufgeblasen. Woher kommt das? Ich denke manchmal, es ist Neid.» Er erlebe das Umfeld als dynamisch und inspirierend. «Die machen einen Superjob.» Der beste Beweis sei das kommende «Benissimo»: Da werde intelligent modernisiert, ohne den Kern zu verlieren.

Ihm ist es auch ein Anliegen, dass seine Sendung und er nicht gestrig wirken. Schon vor der Einstellung 2012 sei ihm stets wichtig gewesen, dass Barbara Lustenberger (ehemals Megert), die auch wieder dabei ist, nicht einfach die «schöne Glücksfee» spiele, sondern seine «gleichberechtigte Assistentin». Sowieso, findet er,

«wir müssen aufhören mit so Symboldiskussionen. Deutlich mehr als die korrekte Verwendung des Gendersternchens bringt es den Frauen, wenn wir ihnen endlich den gleichen Lohn zahlen»,

so Thurnheer.

In die gleiche Kerbe schlägt er auch bei der WM in Katar. Er, der mittlerweile die Spiele der liechtensteinischen Nationalmannschaft kommentiert, würde da zwar als Fan «nie im Leben» hingehen, gleichzeitig wisse er aber schon jetzt, «dass ich jeden Match schauen werde». Am Ende «verändere ich die Welt doch nicht, nur, weil ich daheim den Fernseher nicht einschalte», so Thurnheer.

Grösste Änderung: Telefon statt Lösli

Überschnorret habe ihn das Fernsehen nicht zur «Verlängerung», so Thurnheer. «Das mussten sie auch gar nicht. Es war die erste Anfrage, und ich war sofort dabei.» Keine Zweifel, dass die Zeit der grossen Samstagabendshows vorbei sind und am Ende gar niemand zuschaut? «Ich erhalte so viel Feedback, wie sich Leute darauf freuen, dass ich nicht so Angst habe.» Auch die erfolgreiche Reprise von «Wetten, dass …» habe gezeigt, dass solche Sendungen ihr Publikum finden. Thurnheer gibt aber unumwunden zu, dass sich «Benissimo» eher an eine gesetztere Zuschauerschaft richtet: «Das schaust du wohl schon hauptsächlich, weil du es schon damals geschaut hast.»

Über 100-mal hat Beni Thurnheer «Benissimo» moderiert. Am Samstag kommt es zum Comeback.
Keystone

Er verstehe manchmal nicht, warum alle so «krampfhaft» den jungen Zuschauerinnen und Zuschauern hinterherspringen: «Wir müssen doch Fernsehen machen für die, die tatsächlich auch noch lineares Fernsehen schauen. Und das sind – gerade an einem Samstagabend – sicher nicht die 20-Jährigen.» Allerdings, fügt Thurnheer mit einer Prise Schalk an, bei einer Einschaltquote von rund einer Million habe es sicher auch den einen oder anderen Teenager dabei. Was nicht funktioniere, glaubt der Zürcher, sei, die Show per Replay einen Tag später zu schauen. «Oder emel sicher ned, wenn du etwas gewinnen willst.»

Diesen Samstag ist es so weit: Um 20.10 Uhr kehrt «Benissimo» auf den SRF-1-Bildschirm zurück. Dies zu Ehren des 30-Jahr-Jubiläums der Sendung. Erstmalig ausgestrahlt wurde sie 1992, 2012 setzte das Schweizer Fernsehen das Format ab. Bei der angeblichen «einmaligen» Reprise ist alles wie immer. Ein bunter Mix aus Show, Sketches von den «Friends» und Show. Stargäste sind unter anderem Helene Fischer, DJ Bobo und Gotthard. (mg)

Genau, die Gewinne. Das Herz von «Benissimo» war die Million. Und die fliegenden Lösli. Die Comedytruppe Friends. Und die Kugeln. Und der Small Talk. Von der Million bleibt ein Zehntel übrig. Hunderttausend Franken. Immer noch viel Geld. Die Lösli bleiben auch im Mottenschrank. Neu müssen die Zuschauerinnen und Zuschauer anrufen. Der Rest ist noch da. Die Kugeln. Die Friends. Und Beni National. Aber kann der es noch?

«Ganz ehrlich: keine Ahnung. Aber ich denke es schon. Etwas Bammel habe ich vor einer technischen Panne. Wenn etwa die Telefonleitungen ausfallen würden»,

sagt Thurnheer. «Aber das kommt schon gut.»

Er fordert die Aufmerksamkeit ein

Auf dem Weg in den Innenhof, wo die Fotos gemacht werden, trifft Thurnheer einen jungen Mann, der an der Sendung beteiligt ist. «Ich habe am Wochenende alle 103 Folgen ‹Benissimo› im Schnelldurchgang geschaut und mache dann einen Zusammenschnitt», sagt er. «Uh, hoffentlich hast du keinen Schaden davongetragen», sagt Thurnheer. In solchen Momenten ist spürbar, weshalb aus dem Juristen Thurnheer der Moderator Thurnheer geworden ist: Es ist die Präsenz. Er erzählt eine Anekdote, es geht um irgendeinen Stargast damals, und alle hören zu.

Thurnheer bekommt nicht nur die Aufmerksamkeit, er sucht sie auch. Er blickt die Zuhörerinnen und Zuhörer nacheinander an. So viel Kontrolle muss sein.