
Es fehlt an der Reife: Auch wegen naiv verteidigtem Freistoss verlieren die Schweizerinnen gegen Frankreich mit 0:2
Elvira Herzog kann es nicht fassen. Die Schweizer Torhüterin schreit ihre Mitspielerinnen an. Sekunden zuvor war sie zwar mit den Fingerspitzen am Ball, aber gegen den scharfen Schuss von Selma Bacha machtlos – obwohl er zentral auf ihr Tor geflogen kam. Herzogs Frust ist dennoch verständlich. Die französische Spitzenspielerin konnte aus rund dreissig Metern völlig alleine einfach draufhalten. Bei einem Freistoss der Französinnen entscheiden sich die Schweizerinnen gegen eine Mauer, stehen danach nur auf der Höhe des eigenen Sechzehners und lassen so einen riesigen Raum offen. Sandie Toletti spielt den Ball Bacha in den Lauf, sie zieht ab.
Dieses naiv verteidigte Tor zum 0:2 gegen Frankreich in der 43. Minute zeigt an diesem Abend in St. Gallen eindrücklich auf, woran es den Schweizerinnen gegen eine der Topnationen Europas mangelt. Die Nati-Akteurinnen kämpfen, sie grätschen und vor allem spielen sie zeitweise richtig ansehnlichen Fussball. Doch in den wichtigen Momenten haben die Französinnen das Entscheidende: Cleverness, Reife und Qualität. So verlieren die Schweizerinnen die Nations-League-Partie gegen jenes Team, das sie im Herbst noch sensationell bei einem Testspiel in Genf mit 2:1 besiegt hatten.
Ivelj hat die grösste Chance des Spiels
Im Vorfeld des Spiels hatte die erfahrene Ramona Bachmann geschwärmt, dass sie auch dank den vielen jungen Spielerinnen noch nie in einem so starken Nationalteam gespielt hätte. Und tatsächlich sind es diese jungen, wilden Akteurinnen, die überzeugen. Diesmal sticht Noemi Ivelj heraus, die im zentralen Mittelfeld viele Bälle erobert und auch vor den grossen Namen bei den Französinnen keinen unnötigen Respekt zeigt.
Vielleicht hätte dieses Spiel einen anderen Verlauf genommen, wenn sich die 18-jährige GC-Spielerin für ihren guten Auftritt mit einem Tor belohnt hätte. Nach einer Viertelstunde setzt sie nach und erobert den Ball, sie kommt in eine gute Abschlussposition, doch ihr Schuss zischt am Tor vorbei. «Schade, dass ich diese Chance nicht nutzen konnte», sagt Ivelj nach der Partie. Im direkten Gegenzug zeigt sich die grössere Qualität der Französinnen. Delphine Cascarino tänzelt Julia Stierli aus, legt den Ball in die Mitte, wo Sandy Baltimore nur noch zur französischen Führung einschieben muss.
Die Verteidigerin Noelle Maritz stellte nach dem Spiel fest, dass beide Tore unnötig gewesen seien. «Beim Freistosstor gab es ein Missverständnis. Irgendwie ging niemand in die Mauer», führte sie aus. Zudem stellte sie fest: «Am Ball müssen wir besser werden.»
Französinnen wie ein Topteam
Tatsächlich ist spätestens nach den beiden französischen Toren die Sache gegessen, weil die Schweizerinnen mit dem Ball wenig anzufangen wissen und im Spielaufbau einige Bälle unnötig herschenken. Die Gäste glänzen derweil nicht mit brillantem Fussball, aber dennoch zeigen sie mit ihrer Abgeklärtheit, warum sie an der EM im Sommer zu den Topfavoritinnen zählen. Wie ein Spitzenteam spielen sie die Partie runter, während die Schweizerinnen keine Torchancen mehr kreieren können. Daran ändern auch die Einwechslung der erfahrensten beiden Nati-Spielerinnen, Ramona Bachmann und Ana-Maria Crnogorcevic, nichts.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE
Die Nations-League-Spiele gelten für die Schweizerinnen als Vorbereitung auf die Heim-EM im eigenen Land. Auch an diesem Abend in St. Gallen wird das Nationalteam vom eigenen Anhang gut unterstützt. Mit 11’011 Menschen sind sogar 2’648 mehr Fans in St. Gallen als vor eineinhalb Wochen als beim der Männer-Nati gegen Luxemburg. Doch mit Leistung können die Schweizerinnen die Vorfreude nicht erhöhen. Nach drei Partien in der Nations League haben sie erst einen Zähler auf dem Konto. Beim Auswärtsspiel am Dienstag in Island ist bereits ein Sieg gefordert, um nicht schon mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Euphorie entfachen sieht anders aus.