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Warum Stephan Lichtsteiners Absage kein Fiasko ist und Murat Yakin nicht alleine zu Hause bleibt

Seit Mitte Dezember ist klar, dass die Nati nach dem Abgang von Giorgio Contini zu YB einen neuen Assistenten braucht. Nun hat mit Stephan Lichtsteiner einer der Kandidaten abgesagt. Aber der Verband wird schon in den kommenden Tagen Lösungen präsentieren.

Murat Yakin und seine Assistenten – es ist eine komplizierte Beziehung, seit er vor dreieinhalb Jahren Nati-Trainer wurde. Das war früher anders: einerseits, weil Kontinuität herrschte. Andererseits, weil die Assistenten kaum je aus dem Schatten traten, zwar immer da waren, ihren Dienst aber hinter dem Bühnenvorhang verrichteten.

Michel Pont war 13 Jahre Assistent. Erst unter Köbi Kuhn, danach unter Ottmar Hitzfeld. Aber wer assistierte während der Ära Petkovic? Keine Ahnung? Wenig verwunderlich. Der Mann wurde auch Nachtschattengewächs genannt: Antonio Manicone. Vor, während und nach seinem Engagement beim Schweizer Fussballverband war er nie ein grosses Ereignis. Was weniger über seine Qualitäten als Assistent als vielmehr über sein Wesen als Diener der Sache aussagt.

Als Yakin 2021 Petkovic als Nati-Trainer beerbte, war Manicone weg und wurde Vincent Cavin installiert. Es schien gleichwohl ein fliessender Übergang. Hier der charismatische Cheftrainer als Galionsfigur der Nati, dort der unscheinbar wirkende, loyale Assistent. Einziger Unterschied zur Ära Petkovic: Cavin war nicht Yakins Mann, sondern jener von Nati-Direktor Pierluigi Tami.

Es ging so lange gut, bis Cavin seine eigene Agenda verfolgte. Yakin, der ein ausgeprägtes Sensorium für zwischenmenschliche Störfelder hat, macht intern darauf aufmerksam. Doch Cavin ist Tamis Mann. Und Yakin wird in der turbulenten Phase im Herbst 2023 angezählt. Auch von Tami. Entsprechend ist die Position des Nati-Trainers geschwächt.

Kritischer Blick von Vincent Cavin im Rücken von Murat Yakin.
Bild: Laurent Gillieron / Keystone

Als die gröbsten Stürme übers Land gezogen waren, der Verband ein Bekenntnis für Yakin abgab, folgte die Trennung von Cavin. Und damit die Suche nach einem Assistenten im Hinblick auf die EM. Der Plan mit Davide Callà war nicht aufgegangen. Dafür jener mit Contini, obwohl sich dieser als Cheftrainer verstand und in seinem Umfeld Menschen zu finden waren, die Yakin nicht wohlgesinnt waren.

Aber Contini hat einen Markt. Deshalb musste man damit rechnen, dass er im Fall eines verlockenden Jobangebots seinen Vertrag als Nati-Assistent auflösen wird. So passiert im Dezember, als die Young Boys dem 51-Jährigen ihre Avancen machten.

Für Yakin bedeutete dies: zurück auf Start. In der Analyse kam er zum Schluss, dass Contini nicht 1:1 ersetzt werden soll. Ihm schwebte eine Idee aus dem amerikanischen Teamsport vor, wonach mehrere Fachkräfte mit unterschiedlichen, aber spezifischen Kompetenzen auf die Kommandobrücke gelotst werden sollen.

Lichtsteiner: Spannend, aber auch ein Wagnis

Bald schon sickerten Namen durch. Natürlich wieder jener von FCB-Assistent Callà. Aber auch jener von Stephan Lichtsteiner. Und Diego Benaglio wurde auch gehandelt. Drei für einen (Contini). Und davon zwei ganz Grosse des Schweizer Fussballs – Heureka, was für ein Spektakel.

Obwohl die Namen schon seit Wochen herumgeistern, alles klar scheint, ist bis dato noch kein neuer Assistent verpflichtet. Und weil nun Lichtsteiner gegenüber «Blick» erklärt, dass «ich im Moment nicht für dieses Amt zur Verfügung stehe», scheint es, als würde die Suche nach den Nati-Assistenten im Fiasko enden.

Tatsächlich? Angetrieben von einem bemerkenswerten Ehrgeiz und Willen, hat Lichtsteiner eine phänomenale Karriere als Verteidiger gemacht. Aber als Trainer bringt er erst die Erfahrung von einem halben Jahr bei Wettswil-Bonstetten (1. Liga) und zwei Jahren im FCB-Nachwuchs mit. Ausserdem stellt sich bei ihm die Frage nach der Distanz zu den Spielern. Hat er doch mit etlichen selbst noch zusammengespielt. Deshalb wäre seine Verpflichtung auch ein Wagnis.

Die Akte Callà ist noch nicht geschlossen

Callà, wie Lichtsteiner 41-jährig, hat im Unterschied zum langjährigen Nati-Captain mehr Distanz zu den Akteuren, aber einen Job, der kein Doppelmandat erlaubt. Deshalb wurde es auch nichts aus dem Engagement, als sich Yakin vor etwa einem Jahr um ihn bemühte.

Davide Callà (Mitte) im Gespräch mit FCB-Cheftrainer Fabio Celestini (rechts) und seinem Kollegen Luigi Nocentini.

Aber was gestern war, muss heute nicht mehr zählen. Fakt ist: Die Akte Callà ist noch nicht geschlossen. Zwischen dem Verband und dem FCB laufen intensive Verhandlungen. Aus dem Klub-Umfeld hört man zwar, dass man im Titelkampf nicht auf Càlla verzichten will. Aber vielleicht doch während des einen Länderspiel-Fensters im März auf ihn verzichten kann.

Und Benaglio? Laut unseren Informationen war der frühere Nati-Goalie nie wirklich vorgesehen für einen Job beim A-Team. Und für Lichtsteiner hat man eine Alternative. In den kommenden Tagen werden wir wohl erfahren, um wen es sich handelt.

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