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Kranke bezahlen 7,7 Milliarden Franken pro Jahr für Medikamente – Psychopharmaka und Schlafmittel wegen Corona gefragt

Die Krankenkasse Helsana präsentiert ihren neusten Arzneimittelreport. Sie warnt vor Lieferengpässen und will Ärzte dazu bringen, mehr Generika zu verschreiben.

Im Gesundheitswesen geht es eigentlich fast immer nach oben – jedenfalls bei den Kosten. Das ist auch bei den Medikamentenkosten so: Sie stiegen im Jahr 2020 auf rund 7,7 Milliarden Franken. Das zeigt der neuste Helsana-Arzneimittelreport, der am Mittwoch vorgestellt wurde. Es ist der achte Report, welcher die Krankenkasse publiziert – und es ist das erste Mal, dass sie bei der Menge der verkauften Medikamenten einen Rückgang feststellen konnte.

Dennoch sind die Kosten wie erwähnt gestiegen – um insgesamt rund 100 Millionen Franken. Die höchsten Arzneimittelkosten generieren wie bereits im Vorjahr die Gruppe der Immunsuppressiva, die etwa bei rheumatischen Erkrankungen eingesetzt werden. An zweiter Stelle der Kostenverursacher rangieren die Krebsmedikamente. Ihre Kosten belaufen sich auf total 898 Millionen Franken, was gegenüber dem Vorjahr einem Plus von 10,5 Prozent entspricht. Grund für den erheblichen Kostenanstieg hier sind die Indikationserweiterungen, also eine Ausweitung der Anwendungsmöglichkeiten gegen andere Krankheiten, wie Helsana festhält.

Sparpotenzial bei Biosimilars

Ein potenzielles Sparpotenzial von rund 100 Millionen Franken erkennt die Helsana bei den Nachahmerpräparaten von biologisch hergestellten Arzneimitteln, also bei den sogenannten Biosimilars. Der Gesamtumsatz mit Biologika, bei denen ein Biosimilar verfügbar wäre, beträgt 474 Millionen Franken. Doch nur gerade 14,8 Prozent davon entfallen auf Biosimilar.

Der spärliche Biosimilar-Quote korrespondiert mit der tiefen Schweizer Quote bei den Generika. Diese liegt gemäss OECD-Statistik hierzulande bei bescheidenen 23 Prozent. Zum Vergleich: Dieselbe Quote liegt in Deutschland bei 82 Prozent, in Österreich immerhin bei 55 Prozent.

Corona-Schlagzeilen führen zu verändertem Konsumverhalten

Das Medikamenten-Jahr 2020 sei stark von der Coronapandemie geprägt gewesen, heisst es bei Helsana weiter. Die Krankenkasse registrierte einen höheren Absatz von Psychoanaleptika und Schlafmittel. Zugenommen hätten auch die Verkäufe von Vitamin-D3-Präparate – offenbar auch weil es Berichte gab, dass Vitamin D vor Covid 19 schütze.

Umgekehrt beobachtet Helsana einen Einbruch bei Ibuprofen, nachdem vor dem Mittel im Zusammenhang mit Corona gewarnt wurde. Bei Paracetamol wiederum gab es beim ersten Lockdown zuerst Hamsterkäufe – und dann, nach der Rationierung durch die Behörden, einen Rückgang.

Sorge um Lieferengpässe

Die Helsana ortet zudem «besorgniserregende Lieferengpässe». Das habe nichts mit Corona zu tun, sagt Mathias Früh, Leiter Gesundheitspolitik. Schon 2019 habe es für die Schweiz ein Lieferengpass für 673 Produkte gegeben, wobei die Helsana die Mehrheit dieser Lieferengpässe als «unkritisch» beurteilt. Kritisch werde es, wenn hierzulande nur ein einziges Originalpräparat zugelassen sei.

Die Helsana plädiert dafür, durch mehr Generika das Problem anzugehen. Dafür wiederum müsste der Absatz von Nachahmermedikamenten gefördert werden. Konkret möchte die Helsana dazu das Vertriebsmargensystem ändern. Heute steigt der Verdienst der Ärzte mit dem Medikamentenpreis. Neu sollten die Ärzte gemäss Helsana einen fixen Betrag erhalten – egal, wie teuer das Medikament ist, dass sie verschreiben. So würden sie mehr günstige Generika verschreiben, was Generika-Hersteller motivieren könnte, ihre Produkte vermehrt in der Schweiz anzumelden.

Der ausführliche Report