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Feministinnen stellen sich gegen neue Initiative für eine Elternzeit

Die Familienzeitinitiative startet mit viel Prominenz in die Unterschriftensammlung. Doch Widerstand regt sich ausgerechnet aus den eigenen Reihen.

Mutter, Vater, Kind: Redet man mit Vertreterinnen (in der Eigendefinition gibt es nur die weibliche Form) der Eidgenössischen Kommission dini Mueter, dann verschwimmen solche Begrifflichkeiten. Die Rede ist stattdessen von gebärenden und nicht gebärenden Personen – doch umso stärker wird deren Unterschied betont. Die Gruppe steht für einen sich anbahnenden Konflikt unter Feministinnen. Worum geht es?

Am Mittwoch publizierte das Bundesblatt, welche Köpfe hinter einer neuen Familienzeitinitiative stehen. Dem Komitee gehören Politikerinnen und Politiker aus GLP, SP, Grünen und Mitte an. Auch alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf ist mit von der Partie und Popstar Sophie Hunger. Sammelstart ist am Mittwoch, was mit einer Aktion auf dem Bundesplatz gefeiert wird.

Das Anliegen der Initiative, kurz zusammengefasst: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie soll in der Schweiz mit einer neuen arbeitsfreien Familienzeit von je 18 Wochen für beide Elternteile gefördert werden. Dies soll die geltende Bestimmung von 14 Wochen Mutterschafts- und zwei Wochen Vaterschaftsurlaub ersetzen.

Doch bereits mischt sich in die überparteiliche Einigkeit Kritik. Diese stammt ausgerechnet aus dem linksfeministischen Lager. Die Eidgenössische Kommission dini Mueter (EKdM) hat ein Argumentarium online gestellt, das die Initiative in acht Punkten zerpflückt. «Streng paritätische Elternzeitmodelle (gleich viel Zeit für beide Elternteile, nicht übertragbar, nicht flexibel) sind für viele Lebensentwürfe ungeeignet, deshalb unterstützen wir sie nicht», heisst es da etwa.

Auf Nachfrage führt Aktivistin Lena Naluyaga von der Eidgenössischen Kommission dini Mueter aus: «Die Initiative ignoriert, dass ein Kind zu gebären und für ein Kind zu sorgen nicht das Gleiche ist. Die geforderte Variante lässt die Bedürfnisse der Gebärenden aussen vor.» Eine Geburt sei für den Körper belastend, bis zu neun Monate dauere die medizinische Erholung davon. «Im Zuge einer falsch verstandenen Gleichberechtigung wird die Mutterschaftsversicherung aus der Verfassung gestrichen, Gebärende und der andere Elternteil werden gleich behandelt. Dagegen wehren wir uns.»

Im Kern geht es weniger darum, dass den Frauen etwas weggenommen wird. Den Feministinnen ist bewusst, dass die Initiative kaum dafür sorgt, dass Mütter schon bald nach der Geburt wieder am Arbeitsplatz erscheinen werden. Vielmehr geht es ihnen um eine Entwertung der Mutterschaft, wenn Väter plötzlich genauso lange im Beruf fehlen.

Unklar ist zwar, wie gross die Gruppe dieser feministischen Strömung rund um die EKdM ist. Doch obwohl die Gruppe erst im Nachgang zum Frauenstreik 2019 ins Leben gerufen wurde, hat sie ihre Wirkungsmacht bereits unter Beweis gestellt.

Ein Streit mit Vorgeschichte

Schon 2021 diskutierten ähnliche Kräfte wie jetzt – darunter die Gleichstellungsorganisation Alliance F – eine Elternzeitinitiative. Die EKdM trieb jedoch einen Keil in die noch unsortierte Allianz. In der SP wuchsen Zweifel, ob die Basis zu einer einheitlichen Meinung finde, auch der Gewerkschaftsbund äusserte Bedenken. Die Koalition zerbrach, bevor sie ihre Arbeit richtig aufnehmen konnte.

In der «Wochenzeitung» liess SP-Nationalrätin Min Li Marti damals ihrem Frust am innerfeministischen Widerstand freien Lauf: «Das ist für mich keine linke Position, sondern eine, die biologistisch anmutet. Der Fokus aufs Gebären und Stillen, die Entlassung der Väter aus der Verantwortung, ist alles andere als progressiv.»

Seither ist aber viel passiert. Mehrere Kantone führten Elternzeit-Modelle ein – mal mehr, mal weniger nach dem Gusto kritischer Feministinnen. Diese wünschen sich, dass auch die Schweiz noch den Weg zu einer anderen Lösung fände. «Dass es eine Elternzeit braucht, ist unbestritten. Gute Modelle sind europaweit bereits erprobt – so zum Beispiel in Deutschland», sagt Naluyaga.

Auch der Bundesrat hat sich erst kürzlich zum Thema geäussert. Dieser kann einer paritätischen Elternzeit durchaus positive Seiten abgewinnen. Den Mutterschutz dabei aufzuweichen, sieht er allerdings nicht als notwendig an.