
«Das stellt ein zentrales Element infrage»: Das denken Westschweizer Politikerinnen und Politiker über die Abschaffung des Frühfranzösisch
«Die Mehrsprachigkeit ist der Zement unseres nationalen Zusammenhalts», sagt Mathilde Crevoisier Crelier. Die Jurassierin präsidiert die Bildungskommission des Ständerates. «In der Westschweiz kommt es nicht infrage, die erste Fremdsprache Deutsch durch Englisch zu ersetzen. Deshalb erscheint mir diese Entscheidung in Ausserrhoden fragwürdig.»
Sie bezieht sich damit auf den Vorstoss, den der Kantonsrat von Appenzell Ausserrhoden am Montag angenommen hat: Ausserrhoder Kinder sollen erst ab der Sekundarstufe Französisch lernen. Die dadurch frei werdenden Lektionen in der Primar sollen der Verbesserung der Deutsch- und Mathematikkompetenzen dienen. Auch andere Kantone diskutieren wieder über die Abschaffung des Frühfranzösisch.

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«Die Debatten gehen in die falsche Richtung»
Schon die Tatsache, dass in den Ostschweizer Kantonen Englisch zur ersten Fremdsprache erklärt wurde statt Französisch, löste heftige Diskussionen aus. Die jetzigen Debatten zum Frühfranzösisch gehen laut Crevoisier in die falsche Richtung. Sie sagt: «Das Französisch-Niveau wird noch weiter sinken, was beispielsweise dem Arbeitsmarkt schaden wird.»
Dass man in Ostschweizer Kantonen keinen Nutzen im Alltag hat, wenn man gut Französisch spricht, kann die Jurassierin Crevoisier nachvollziehen. Aber dass sogar der zweisprachige Kanton Bern sich mit der Frage befasst, wiesinnhaft das Fremdsprachenlernen in jungen Jahrenist, findet sie schwierig zu verstehen.
Crevoisier findet aber auch Lob: «In der Deutschschweiz legt man mehr Wert auf Welschland-Aufenthalte. So etwas kennen wir in der Romandie weniger.» Ennet dem Röstigraben drehe sich die Debatte nicht um die Dauer des Deutschunterrichts, sondern vielmehr um dessen Qualität.
Ist spätes Lernen gleich effektiv?

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Christophe Darbellay, Walliser Staatsrat und Präsident der Konferenz der Erziehungsdirektorinnen und -direktoren, zweifelt zudem an der Legitimität der Argumente der Frühfranzösisch-Gegner. Dass es keine Rolle spiele, ob man schon in der Primarschule Französisch lernt oder erst später, sei «wissenschaftlich nicht erhärtet», sagt er auf Anfrage. Vielmehr werde in Fachkreisen betont, dass Kinder im jungen Alter besonders aufnahmefähig für Sprachen sind.

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Auch die Genfer Nationalrätin Simone de Montmollin kritisiert die Entscheidung. Man mache es sich zu einfach, die Abschaffung entbehre «jeglicher pädagogischen Rechtfertigung». De Montmollin, die auch die Bildungskommission des Nationalrats präsidiert, erinnert an den Auftrag der Schweiz: «Bundesgelder werden in die Sprachaustausche in der Sekundarschule und in der Lehre investiert.» Dementsprechend widerspreche es der nationalen Politik, wenn man den Französischunterricht auf Primarstufe streicht.
«Wir sind eine Willensnation», sagt de Montmollin. «Also ein Land, in dem der Zusammenhalt von unserem Engagement abhängt, die Sprache und Kultur der jeweils anderen zu lernen.» In der Westschweiz messe man dieser Tatsache viel Bedeutung bei.