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Die Thurgauer Spitäler gelten schweizweit als Vorbild – was machen sie besser?

Die Privatisierung der vier Thurgauer Spitäler 1999 gilt als Grundstein für den anhaltenden Erfolg. Andere Kantone haben das Modell kopiert - ohne wirklich aufzuschliessen.

Von aussen zeigt sich das Kantonsspital Frauenfeld wie andere Spitalbauten auch: Versetzte Betongebäude im Siebzigerjahre-Flair kombiniert mit modernen Elementen und dem Neubau «Horizont». Worin sich das Spital unterscheidet, zeigt sich erst beim Blick in die Bücher. Die Zahlen, welche die Spitalgruppe Thurmed AG jährlich präsentiert, wecken Neider.

Während andere Häuser es kaum aus den roten Zahlen schaffen, erzielt die Spitalgruppe im Thurgau 2023 einen Gewinn von 7,6 Millionen Franken – was notabene als schlechtes Ergebnis gewertet wird. Denn im Vorjahr waren es fast 24 Millionen Franken gewesen – eine Grössenordnung, die laut CEO Rolf Zehnder auch für 2024 und 2025 erwartet werden könne.

Für den Kanton als Eigentümer ist das eine höchst komfortable Situation: Andere Regierungen müssen mit Finanzspritzen ihre Spitalbetriebe retten, derweil kassiert der Thurgau sogar im «schlechten Jahr 2023» 1,5 Millionen Franken Dividenden.

Angesichts der sich weiter zuspitzenden Spitalkrise stellt sich die dringende Frage: Was ist der Weg zum Erfolg? Und lässt sich dieser auf andere Standorte übertragen?

Der wegweisende Schritt in die Selbstständigkeit

Eins vorweg: Die Zahlen der Thurmed sind nicht direkt mit anderen Spitalgruppen vergleichbar. Denn im Unterschied zu anderen Spitalgruppen befinden sich in der Thurgauer Holding-Gesellschaft nebst den zwei Akutspitälern Frauenfeld und Münsterlingen, der Psychiatrischen sowie der Reha-Klinik auch eine Immobilien-AG, ein Spitalpharmazieunternehmen, Radiologie und andere Praxen und bis Anfang 2025 eine Wäscherei.

Die nackten Zahlen der Tochtergesellschaft Spital Thurgau ergeben ein anderes Bild: 2023 schrieb sie ein Defizit von 1,1 Millionen Franken. Auch das ein Ausreisser nach unten. 2022 verzeichnete sie noch einen Gewinn von 14,2 Millionen Franken. Doch die Thurgauer Spitäler leiden unter den hohen Energiepreisen, der schleppenden Anpassung der Spital-Tarife, an die Teuerung und vor allem an steigenden Lohnkosten. Thurmed-CEO Rolf Zehnder sagt dazu: «Wir kochen alle mit demselben Wasser.» Die Spitäler kämpften derzeit alle mit denselben Problemen.

Der Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Martin lässt sich davon nicht beirren. «Thurmed ist die am besten funktionierende öffentliche Spitalgruppe der Schweiz und erzielt trotz härterer Marktbedingungen annähernd die gleich guten Ergebnisse wie ein Privatspital.» Das sagt er in der Jubiläums-Zeitschrift der Spitalgruppe. Sie feierte im Dezember 2024 ihre Erfolgsgeschichte.

Erste Versorgungsstrukturen in Münsterlingen und Frauenfeld entstanden zwar um 1800. Das entscheidende Ereignis für Politik und Spitalverwaltung liegt aber erst 25 Jahre zurück: 1999 beschloss der Thurgauer Kantonsrat mit 109:4 Stimmen, die vier öffentlich-rechtlichen Spitäler in die Selbstständigkeit zu entlassen.

Dafür wurde am 8. Dezember 1999 die Betriebsgesellschaft Spital Thurgau AG gegründet mit den Kantonsspitälern Frauenfeld und Münsterlingen, den Psychiatrischen Diensten Thurgau und der Reha-Klinik St. Katharinental.

Für die beteiligten Akteure heute wie damals besteht kein Zweifel: Dieser Schritt war wegweisend. Nur die saubere Trennung zwischen Regulator und Eigentümer (beides Kanton) sowie der strategischen und operativen Führung (Verwaltungsrat und Geschäftsleitung) habe den Erfolg ermöglicht.

So hat der langjährige CEO Marc Kohler die Freiheit genutzt und aus der Spitalgruppe 2008 eine Holding gebaut, sich unter anderem an einer Wäscherei beteiligt sowie am Radiologischen Institut in Weinfelden – was sich heute als ökonomischer und medizinischer Glücksfall erweist.

In der Jubiläumszeitschrift erklärt Kohler, die Bewegungsfreiheit erlaubte es der Spitalleitung, «dass wir die selber erwirtschafteten Mittel gescheit investieren konnten». Erst diese unternehmerische Freiheit habe den Aufbruch ermöglicht.

Kopieren funktioniert nur bedingt

Doch so einfach ist das nicht, wie der Blick auf die Schweizer Spitallandschaft zeigt. Mehrere Kantone schlugen bald einen ähnlichen Weg ein. Beispielsweise Solothurn. Der Kanton ist punkto Einwohnerzahl und Spitalinfrastruktur vergleichbar. Auch dort hat die Politik 2006 die Kantonsspitäler Olten und Solothurn sowie die Psychiatrie in einer AG zusammengebracht. Das Unternehmen hinkt den wirtschaftlichen Zielen aber hinterher.

Was machen die Thurgauer also besser?

Die gelebte Freiheit

Seit drei Jahren leitet Rolf Zehnder die Thurmed AG, vorher war er an anderen Spitälern in leitender Funktion. Er kann mit einer Innen- und Aussenperspektive sagen: «Im Unterschied zu anderen Kantonen wird die Unabhängigkeit der Spital AG von Kanton im Thurgau auch gelebt.»

Für ihn ist die Rechtsform zwar eine notwendige Voraussetzung für den Erfolg. Ob dieser eintritt, hänge aber von der Umsetzung ab. Zehnder sagt: «Die Trennung von der Politik haben die Thurgauer von Beginn weg verinnerlicht.» Sie haben das Modell schliesslich auch gewollt und so entwickelt.

Obwohl der Kanton per Gesetz einen Versorgungsauftrag hat und über Spitallisten die Planung steuert, beschränkt sich die Leistung der Politik auf maximale Zurückhaltung: Die Regierung hat sich nicht in operative Fragen wie Löhne einzumischen. Gesundheitsdirektor Urs Martin formuliert dies gar als goldene Faustregel zum Erfolg: «Je weniger die Politik mitspricht, desto besser ist ein Spital geführt.»

Der Kanton formuliert die Eigentümerstrategie und interveniert dann, wenn sich die Holding von den definierten Zielen entfernt. Dazu gehöre auch, dass die Spitalleitung Fehler macht, wie CEO Zehnder sagt. «Solange sie das Unternehmen nicht gefährden, muss die Politik das aushalten.»

In Solothurn hingegen sind die Löhne politisch vorgegeben, die Spitäler sind an einen Gesamtarbeitsvertrag gebunden. Aufgrund des Defizits 2023 hat die Regierung der Solothurner Spitalleitung strategische Vorgaben gemacht. Im Thurgau wäre das undenkbar.

Das Ende der Königreiche

Die Rivalität zwischen Spitälern ist gross: Wer erfolgreich sein will, braucht Patienten – und muss sie der Konkurrenz abjagen. Gleichzeitig gehört es zum Selbstverständnis der ärztlichen Leitung, möglichst viel selbst zu machen. Diese Gemengelage behindert die eigentlich logische Zusammenarbeit zwischen den hiesigen Spitälern: Der Aufbau von Expertise und Qualität gelingt nicht in jeder Disziplin an jedem Spital. Es herrscht ein Überangebot.

Auch im Thurgau haben sich die Akutspitäler Münsterlingen und Frauenfeld über Jahrzehnte konkurrenziert. Das hört auch nicht plötzlich auf, wenn sich die Rechtsform ändert. Echte Zusammenarbeit bedingt eine gute Führung. «Es ist ein stark veraltetes Bild eines Spitals, dass alles am gleichen Ort behandelt werden soll», sagt Rolf Zehnder.

Um die Versorgungsleistungen zu bestimmen, orientiert sich die Thurgauer Spitalleitung an wirtschaftlichen Prinzipien. Was gibt der Gesundheitsmarkt her? Reicht ein Einzugsgebiet von 150’000 Patienten, um eine Leistung in guter Qualität und rentabel und somit an beiden Akutspitälern anzubieten? Oder ergibt es Sinn, das Angebot an einem Standort zu konzentrieren?

Geschäftsführer Zehnder sagt: «Wir können heute nur Räume mit etwas mehr als 300’000 Einwohnerinnen und Einwohnern effizient und wirtschaftlich erfolgreich abdecken.» Das entspricht ziemlich genau der Grösse des Kantons. «Alles, was darüber liegt, machen wir mit Kooperationen.»

Trittbrettfahren aus Überzeugung

Und da ist der Vorwurf des Trittbrettfahrens natürlich schnell zur Hand: Sobald ein medizinischer Fall selten komplex und aufwendig wird, wird er nach Zürich verschoben. Das stellt Zehnder nicht in Abrede: «Wir bieten an unseren Spitälern an, was qualitativ und wirtschaftlich Sinn ergibt.» Aber es stimme natürlich, unter den seltenen, komplexen Fällen seien auch überproportional viele, die nicht kostendeckend behandelt werden können. Daher hätten universitäre Einrichtungen auch eine deutlich höhere Entschädigung.

Allerdings ist es politisch gewollt, dass hochspezialisierte Medizin nicht flächendeckend angeboten wird. Noch immer streiten sich die Spitäler darum.

Ländliche Strukturen und Grenznähe

Als Grenzkanton hat der Thurgau einen einfacheren Zugang zu dringend benötigten Fachkräften. Die Reha-Klinik in Diessenhofen liegt beispielsweise direkt an der Deutschen Grenze. Der Thurgau muss keine abgelegenen Täler versorgen und hat keine weit verzettelte Spitalinfrastruktur.

Schlank aufgestellt und das nötige Quäntchen Glück

Die Thurmed nutzt Synergien, die aus dem Zusammenschluss entstanden. Sie führt für sämtliche Betriebe eine einzige IT-, eine HR-, eine Finanz-Abteilung und verzichtet auf einen grossen Overhead, zum Beispiel eine Kommunikationsabteilung oder eine eigene Rechtsabteilung.

Schliesslich erweist sich die Zusammenarbeit mit der Psychiatrie und der Reha-Klinik zunehmend als Glücksfall, wie Rolf Zehnder sagt: «Die Psyche und den Körper in der medizinischen Behandlung trennen, ist ein Fehler. Es braucht zunehmend den gleichzeitigen Blick auf beides aus einem Guss.»

Einzelne Aspekte lassen sich wohl bei der Thurmed abschauen, ein Versorgungskonzept, das sich am Bedarf ausrichtet. Doch Rolf Zehnder sagt, die Lernkurve sei auch im Thurgau nicht abgeschlossen. So soll die ambulante Versorgung im Spitalrahmen effizienter erfolgen. Für die Zukunft hält er aber an den bewährten Grundsätzen fest. Er sagt: «Gewinn ist kein Selbstzweck.» Die wirtschaftliche Eigenständigkeit sei die Basis, um auch in Zukunft eine gute Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.